Von Namsos bis Trondheim (Scandic Bakklandet)
210 gefahrene Kilometer
Roadtime: 06:50
Sonnenaufgang Start: 08:27
Sonnenuntergang Ziel: 16:40
Temperatur: 2 Grad mit Sonne
18 l getankt
1x Wekstattaufenthalt (1,5 Stunden), 1x Frühstück im Hotel (45 Minuten), 1x Werkstatt und Biltema (1h), 3x Reifencheck, 1x tanken, 1x Pipi mit Reifenmaut
Reparaturen/Schäden: Hinterachsaufhängung (Längslenker) links verbogen, Batterie ausgetauscht, Keilriemen nachgespannt, Kennzeichen vorne mit Gaffa festgeklebt, Zusatzscheinwerfer mit Gaffa gesichert
Ab 07:00 Uhr gibt es im Hotel Frühstück und da wir nicht wissen, was der Tag bringen wird, wollen wir auf jeden Fall etwas im Bauch haben. Das Buffet ist gut sortiert und lecker. Matthias bekommt trotzdem nicht viel rein, er ist zu nervös wegen des Autos. Um 07:30 Uhr öffnet die empfohlene Werkstatt. Kurz vorher vereinbaren wir, dass Matthias dort jetzt hin fährt und Katrin im Hotel wartet, um gegebenenfalls das Zimmer zu verlängern.

Mit dem Auto sind es keine fünf Minuten bis zur Werkstatt, allerdings muss das Auto dafür laufen. Und von sich aus will es das nicht. Also wieder ein bisschen Saft aus dem Starterpack ins System geben und der B20 läuft. Das Voltmeter zeigt allerdings keine Ladespannung an, sondern einen Wert, der eher nach kaputter Batterie aussieht. Die ist ja auch gerade erst ca. zwei Wochen alt. Naja. Gibt erstmal schlimmere Probleme und vielleicht kann die Werkstatt ja auch da mal drauf gucken. Dort angekommen gibt es direkt die erste Ernüchterung: Die Werkstatt wird – außer es ist kleiner Pipifax – diese Woche nichts reparieren können. Zwei Gründe: Ihr Zeitplan ist ausgebucht und bis Ersatzteile hier oben ankommen, vergehen selbst für neuere Modelle schon mal 3-7 Tage. Geschweige denn Teile von irgendwelchen „Exoten“. Was sie aber machen können, ist das Auto angucken, eine Diagnose stellen und uns das alles plus die Aussage, dass sie in drei Tagen nicht reparieren werden, schriftlich geben. Denn das braucht der ADAC für eine Huckepack-Heimkehr des Volvos und Flugtickets für uns. Ein one-way-Mietwagen von so weit weg ist im ADAC-Pannenbudgettopf nicht drin.

Der sehr freundliche Mechaniker nimmt relativ direkt das Auto auf die Bühne und Matthias kann dabei sein. Ist ein bisschen wie Händchen halten. Gewissenhaft checkt er die ganze Vorderachse durch und findet außer einer optisch für sein Gefühl leicht verstellten Spur nichts. Er geht systematisch nach hinten, checkt Kardanwelle und landet bei der Hinterachse. Auch hier sind die Buchsen und Befestigungen okay. Was ins Auge fällt, ist der Längslenker links, der nicht in der Flucht ist. Das ist ein fettes Eisenteil, das im rechten Winkel von der Achse nach vorne weggeht und an der Karosserie befestigt ist. Der Längslenker ermöglicht im Prinzip die für’s Einfedern benötigte Pendelbewegung der Achse. Ist einer der beiden Längslenker verbogen, verändert sich logischerweise die Geometrie der Achse und sie steht schief. Das bedeutet, dass sie nicht brav der Vorderachse und somit der Lenkbewegung hinterherläuft, sondern einen eigenen Lenkimpuls ins Auto gibt. In unserem Fall ist links die Verkürzung. Das linke Rad ist also etwas nach vorne gerutscht und die ganze Achse daher in einem Rechtsanschlag angestellt. Das erklärt den benötigten Lenkeinschlag nach links an der Vorderachse. Wenn das Heck die ganze Zeit nach rechts will, muß man vorne die ganze Zeit nach links lenken, damit es geradeaus geht. Fazit des Mechanikers: Man könne damit fahren, es falle nix ab. Schnee und Eis seien eher schwierig, aber Asphalt gehe klar. Ob das bis Bergen oder so ginge, da gebe er keine Garantie drauf…Uff, das sitzt! Das Wichtigste ist aber erstmal, dass augenscheinlich nichts weiter kaputt geht oder irgendwas am seidenen Faden hängt. Brauchen wir nämlich gerade gar nicht.

Danach geht der Mechaniker noch der Frage des fehlenden Ladestroms nach und findet in der Verkabelung nichts. Das ist alles schon etwas älter, logischerweise, aber sitzt fest und macht einen guten Eindruck. Was er findet, ist Matthias fast ein bisschen peinlich. Der Keilriemen ist etwas zu lose. In Kombination mit der dauerhaft vorhandenen Feuchtigkeit der letzten Tage ist er wahrscheinlich gerutscht. Ganz ohne Quietschen, denn das muss nicht sein, dass er das macht. Wir kriegen das Teil also nachgespannt. Eine neue Batterie in benötigter Größe haben sie leider nicht da. Matthias wird zu Biltema verwiesen, das sei direkt um’s Eck.

Aber erstmal zurück zum Hotel, wir besprechen bei einem zweiten Frühstück unsere Optionen. Die sind überschaubar:
Option 1: Der ADAC besorgt uns Flugtickets und es geht heute oder morgen oder so nach Hause und der 145 kommt irgendwann nach. Vorteil: das ist die sicherste Variante. Nachteil: wir können nicht all unseren Kram mitnehmen und haben keine Ahnung, wann der 145 dann ankommt.
Option 2: Wir fahren irgendwie bis Bergen, setzen über und lassen uns dann vom ADAC einen Leihwagen geben, in dem wir unseren ganzen Kram mitnehmen können. Vorteil: wir haben alle unsere Sachen. Nachteil: wir wissen nicht, wann der 145 dann ankommt. Und wir müssen noch gut 800+-Kilometer bis Bergen.
Option 3: Ist wie Option 2, nur dass wir, wenn wir es eh schon bis Dänemark geschafft haben, auch noch den Schwupps bis nach Hause fahren können. Vorteil: liegt auf der Hand und wir wissen, wann der 145 ankommt. Nachteil: wir haben noch gute 1600 Kilometer vor uns.

Erneutes Telefonat mit dem ADAC: denen reicht der Schrieb von der Werkstatt nicht. Sie möchten, sollten wir selber fahren, eine Aussage der Werkstatt, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine Gefahr besteht und der Schaden durch die Weiterfahrt nicht vergrößert wird. Nachdem wir alles abgewogen haben, entscheiden wir uns für Option 3 – mit einer Modifikation: Ziel ist es nicht zwingend, bis nach Hause zu kommen. Ziel ist es, soweit wie möglich in den Süden zu kommen. Jeder Kilometer, den wir näher an Deutschland sind, macht es dem ADAC leichter, uns zu helfen. Hier oben in Namsos scheint es infrastrukturell eher bescheiden zu sein. Und jeder Kilometer bringt uns auch näher an unser Netzwerk, das wir für Selbsthilfe ohne Engeleinsatz aktivieren könnten.

Bevor wir losfahren, kleben wir das Nummernschild mit Gaffa ans Auto. Die Maut auf den Strecken wird automatisch über Kennzeichenerkennung abgerechnet. Ein nicht vorhandenes Kennzeichen kann schnell mal als Mauterschleichung ausgelegt und teuer bestraft werden. In diesem Zuge kleben wir auch noch die Bruchstücke der Zusatzscheinwerfer so fest, dass wir keine Teile unterwegs verlieren. Die Hellas sind leider hin, aber hier bauen wir sie jetzt nicht ab.


Also erneut zur Werkstatt. Diese ändert uns das Schreiben wie gewünscht ab. Ein weiteres Telefonat mit dem ADAC, um sicherzustellen, dass wir jetzt weiter fahren können und trotzdem, sollte es nicht mehr gehen, noch Hilfe von ihnen bekommen. Wir kriegen noch wertvolle Tipps und ein Go für die Südfahrt. Der ADAC weiß nämlich auch, dass jeder Kilometer, den wir südlicher sind, es nicht nur uns einfacher macht, sondern für sie auch günstiger. Bei Biltema kaufen wir die in Schweden gekaufte Batterie noch einmal. Und verbauen sie auch direkt. Mit frischem Saft versorgt startet der B20 auf Anhieb. Ladestrom ist auch vorhanden, wird den Tag über auch nicht einbrechen.

Um 11:00 Uhr geht es dann richtig los. Wir klemmen uns auf die FV17. Die Wolken hängen tief über dem Fjord und in den Baumwipfeln. Leider regnet es durchgehend. Sich über’s Wetter aufzuregen macht grundsätzlich wenig Sinn. Aber es ist doch wirklich, also WIRKLICH zum Brechen, dass wir auf diesem Trip bis auf sehr wenige Ausnahmen schlechte Wetterbedingungen haben. Sucht man sich nicht aus, kann niemand was für – nerven tut es uns trotzdem.


Zur Wahrheit gehört aber auch: wir hätten auch heute gar keinen Blick dafür. Zu sehr horchen wir ins Auto rein, versuchen Vertrauen in uns und die Maschine zurück zu gewinnen. Zum Glück ist die Straße schnee- und eisfrei, an ein bis zwei kurzen Passagen gibt es wieder diese Fahrspurbildung mit Schnee/Eis links und rechts, aber die Fahrspuren selbst sind bloßer Asphalt. Es läuft sich so dahin. Ohne große Aufregung spulen wir Kilometer. Wir haben uns als Orientierung gesetzt, ca. alle 50 Kilometer zu halten und den Zustand der Reifen zu kontrollieren. Die Reifen laufen gerade alle nicht in Spur, das bedeutet, dass wir sie einer höheren Belastung als normal aussetzen. Und da behalten wir sie lieber im Auge. Diese höhere Belastung werden wir auch an der Tankstelle merken. Der ständige Widerstand der Reifen wird mit einem Mehrverbrauch ins Kontor schlagen.

Das erste Mal halten wir kurz nachdem wir wieder auf der E6 sind. Matthias nutzt die Gelegenheit und wechselt auch seine Schuhe. Weg von den dicken Winterstiefeln hin zu den leichten Winter-Sneakern. Mit denen kann man einfach besser Autofahren – und außerdem ist es fast so etwas wie warm. Im Auto erst recht, denn Katrin nutzt die Fußraumheizung, um die gestern sehr naß gewordenen Warnwesten wieder zu trocknen und anschließend ordentlich zu verstauen. Müssen ja einsatzbereit sein im Fall der Fälle.

Auf der E6 kommt dann langsam die Sonne durch. In gleichem Maße wie die Landschaft langweilig und öde wird, klart der Himmel auf bis uns nachher aus sattem Blau die Sonne kraftvoll durch die dreckigen Scheiben anscheint. So sehr und so lange am Stück, dass wir zum zweiten Mal die Sonnenbrillen rausholen. Nicht, dass wir das morgen wieder bereuen werden…



Kurz vor Trondheim halten wir noch einmal an, um uns mit der Citymaut für Spikereifen zu versorgen. Die Strafen sind so empfindlich hoch, dass es sich lohnt, diese paar Kronen zu bezahlen. Das macht man an einem Automaten. Dort gibt man sein Kennzeichen ein, wieviel das Auto wiegt und zieht seine Kreditkarte durch bzw. sein Handy. Physische Kreditkarte haben wir nur ein paar Mal an Tankautomaten gebraucht.

Wir kommen früh in Trondheim an. Kurz nach 14:00 Uhr stellen wir den Motor im Parkhaus neben unserem Hotel ab. So früh waren wir die gesamte Tour über noch nie am Ziel. Es ist ein bisschen verrückt. Wir sind so früh da, dass wir einchecken und noch ein Stündchen auf dem Zimmer chillen UND dann noch einen Stadtbummel machen können, in dessen Verlauf die Sonne erst anfängt unter zu gehen. Wir genießen das und bummeln durch die drittgrößte Stadt Norwegens. Knapp 215.000 Menschen leben hier. Und das merkt man. Nach der ganzen Einsamkeit der skandinavischen Fläche ist das hier schon ein bisschen Overkill. Aber irgendwie tut es – gerade auch mit Blick auf unsere Situation – gut, wieder in der „Zivilisation“ zu sein.

Trondheim ist eine alte Stadt. Ab 950 gab es Spuren eines Handelsplatzes an dieser Stelle und sie entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem blühenden Handelszentrum. Im Mittelalter war Trondheim sogar Sitz des Königs und somit auch norwegische Hauptstadt. 1050 wurde Trondheim sogar Bischofssitz und gehörte zum Erzbistum Bremen. Richtig gelesen. Bremen. In Deutschland. Schon ein bisschen verrückt.

Trondheim prägen auch heute noch bunte Holzhäuser und große, auf Pfählen direkt ins Wasser gebaute Speicher. Was uns direkt auffällt, ist die Mischung aus sehr großzügigen Straßen und sehr engen, mittelalterlich anmutenden Gassen. Grund hierfür ist ein Stadtbrand im Jahr 1681. Danach wollte man mit breit angelegten Straßen die zukünftige Brandausweitung verhindern. Da viele Bewohner:innen unter ihren Häusern aber brandsichere Keller angelegt hatten und dort ihr ganzes Hab und Gut geschützt war, bauten sie auf diesen alten Fundamenten ihre Häuser einfach wieder neu auf.



Im 17. und 18. Jahrhundert hatte Trondheim durch Holz- und Fischhandel eine Blütephase. Davon zeugen prächtige Steinhäuser in der ganzen Stadt. Über all dem tront der Nidaros-Dom, der als Nationalheiligtum gilt.

Wir schlendern durch Bakklandet, dem alten Arbeiter:innen-Viertel aus der Gründerzeit und industriellen Revolution, hin zur Gamle Bybroen, der alten Stadtbrücke. Die Holzbrücke, gebaut 1862, führt über den Fluss Nidelva und bringt den Überquerenden Glück. Was wir die nächsten Tage gut gebrauchen können. In den Dom können wir heute Nachmittag leider nicht mehr, hören von drinnen aber die Orgel donnern. Über den Hafen schlendern wir Richtung Innenstadt und finden ein kleines, veganes Buffetrestaurant, in dem wir uns ordentlich den Bauch vollschlagen.


Anschließend kehren wir ins Hotel zurück und legen etwas die Füße hoch. Später geht es für uns noch einmal los, der Himmel ist immer noch wolkenlos und sternenklar. Und es gibt heute hohe Kp-Werte. Bis dahin müssen wir aber noch etwas über dem morgigen Tag brüten. Wir haben unseren Schlenker über landschaftlich reizvolle Strecken nach Ålesund gecancelt und dafür das schönste Hotel unserer Tour storniert. Jetzt brauchen wir irgendeine Alternative.



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