Hinweis: Manchmal gibt es Dinge, die lassen alles klein erscheinen und lassen die Grenzen dieser Welt ein weniger erdrückender wirken. In unseren 21. Tag auf diesem Roadtrip platzt eine Terminankündigung auf Matthias Handy. Sein fachlich oberster Chef möchte eine aktuelle Stunde zu dem „ver.di-Vorfall in München“ abhalten. Und zwar noch heute. Das ist eine ungewöhnliche Terminankündigung und entsprechend halten wir bei der nächstbesten Gelegenheit, um in Erfahrung zu bringen, was da los ist.
Im Rahmen einer Streikdemonstration des öffentlichen Dienstes ist eine Person aus bisher unbekannten Gründen an der eskortierenden Polizei vorbei in die Menschenmenge gerast. Aktuell spricht die Polizei von 30 Verletzten. Ohne in Spekulationen oder Vorannahmen verfallen zu wollen, ist ein Angriff auf Menschen, die sich für ihre Arbeits- und Lebensbedingungen gerade machen, immer auch ein Angriff auf unsere freie, demokratische und pluralistische Gesellschaft. Und in diesem konkreten Fall ein Angriff auf unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir sind beide eng mit ver.di verbunden. Matthias arbeitet dort, Katrin hat mal & organisiert jetzt Seminare für ver.di. Entsprechend nah geht uns diese Nachricht.
Wir sind in Gedanken bei unseren Kolleginnen und Kollegen. Solidarität ist nach wie vor eine Waffe und Humanität ist immer noch der einzige Weg, um dem Dunklen dieser Welt Widerstand zu leisten.
Dieser Text war eigentlich schon heute Morgen inhaltlich und redaktionell fertig und Katrin arbeitete gerade an der Bildauswahl, als diese Nachricht uns erreichte. Wir waren aus den genannten Gründen erst einmal mit anderem beschäftigt und veröffentlichen diesen Text jetzt verspätet. Entsprechend gehört dieser Hinweis hier zeitlich eigentlich in den Artikel zu Tag 21.
von Dombås bis Skei (Jølster Sauna Appertments)
313 gefahrene Kilometer
Roadtime: 06:15 h
Sonnenaufgang Start: 08:15 Uhr
Sonnenuntergang Ziel: 17:11 Uhr
Temperatur: -12 Grad (gefühlt -7) bis -2 Grad
33 l getankt (davon 1x 20 l Kanister)
1x tanken, 4x Pipi mit Reifen und Fotos, 3x Fotos
Manche Tage sind ja so: Sie sind einfach im Fluss. Heute ist ein solcher Tag. Um 07:00 Uhr klingelt der Wecker, nicht zum richtigen Aufstehen, sondern um rauszugehen und zwei Schalter im Auto umzulegen. Matthias krabbelt aus dem Bett, springt in Jogginghose und Winterjacke und stiefelt einmal durch das Hotel, um das zu erledigen. Ist auch dringend nötig. Es ist über Nacht noch einmal richtig kalt geworden. Der Hotelparkplatz, gestern Abend bis auf ein, zwei Autos komplett leer, ist rappelvoll. Das Gleiche gilt für den Frühstücksraum. Da gibt es eigentlich nur eine logische Konsequenz: noch einmal zurück auf’s Zimmer und für eine weitere Stunde ins warme Bett kuscheln. Mit halboffenen Augen können wir beim Dösen den Sonnenaufgang über den Bergen aus dem Bett beobachten. Als das Tageslicht endgültig am Start ist, sind wir es auch.

Wir hatten darauf spekuliert und es hat geklappt: Der Frühstücksraum ist inzwischen leer und angenehm ruhig. Nicht so richtig überzeugt uns das Buffet. Nach dem Kracher in Trondheim konnte es aber eigentlich auch nur bergab gehen. Es ist noch keine Vollkatastrophe, da haben wir in Skandinavien (und auf dem Balkan) schon anderes erlebt. Aber sagen wir einfach: es erfüllt seinen Zweck. Anschließend packen wir unsere sieben Sachen, verstauen sie im Auto und klemmen uns auf die E6.

So kurz wie heute mussten wir dafür noch nie fahren. Vom Parkplatz runter, keine 50 Meter und dann links. Zack. E6 unter den Reifen. Denen widmen wir heute natürlich auch wieder intensive Aufmerksamkeit. Über den Daumen werden wir alle 50 Kilometer bei den Kollegen mal nach dem rechten schauen.

Ebenfalls um Aufmerksamkeit betteln die Schrauberhandschuhe. Nach dem Unfall waren sie vom Regen völlig durchnässt, sind aber erstmal im Werkzeug wegräumen untergegangen. Jetzt sind sie steif gefroren. Katrin hängt sie zum Auftauen und trocknen in den Beifahrerinnenfußraum. Nach kurzer Zeit sind sie wieder geschmeidig und trocken.

Je weiter wir aus der Stadt rausfahren, umso kälter wird es. Am Ende zeigt das Außenthermometer in unserem Volvo -20 Grad an.

Es ist so kalt, dass dort, wo fließendes Wasser nicht eingefroren ist, es sichtbar verdampft. Über den Flüssen und Seen hängen gespenstische Dampfwolken. Nicht nur die Bäume sind mit dicken und glitzernden Raureifschichten überzogen. Alles wirkt im strahlenden Sonnenschein wie mit Diamantstaub überpudert.

Die freundliche Frau im Radio ist der Ansicht, dass wir die E6 für eine humorige kleine Abkürzung verlassen sollen. Im Sommer – und noch vor einer Woche – hätten wir uns in Folge über diesen Vorschlag sehr gefreut, heute bekommen wir angesichts der jetzt komplett vereisten Straße Schweißperlen auf der Stirn. Die FV438 folgt dem Lauf des Flusses Finna, ist eine wirklich nette Nebenstraße mit schön vielen Kurven, ein bisschen bergig und durch wunderschöne Landschaft führend und somit grundsätzlich genau unser Ding – aber eigentlich genau das Gegenteil von dem, was wir für heute und morgen im Lastenheft stehen haben.

Wir fahren max. 40 bis 50 km/h bei erlaubten 80 km/h. Beruhigenderweise ist überhaupt kein Verkehr. Sobald wir schneller fahren, wird das Auto instabil. Auf dem freien Asphalt der E6 waren 80 km/h überhaupt kein Problem. Als dann noch 5 km lang 8% Gefälle per Schild angekündigt werden, fängt Matthias an, das Wasser aus dem Lenkrad zu pressen. Die Straße ist inzwischen komplett vereist. Zum Glück erfolgt das Gefälle in einem langen und gleichmäßigen Abstieg ohne große Kurven. So können wir unter mäßiger Nutzung der Bremse und mit niedrigem Gang rollen lassen.

Am Fuße des Berges angekommen wechseln wir auf die 15. Ab jetzt lassen wir uns vom Wasser leiten: Finna folgen wir, bis er in den Vågåvatnet mündet. Otta wird unser neuer Begleiter bis zum Landøytjønne/Heggjebottvatnet. Hier schließen wir uns einem neuen Fluss bis zum See Pollvatnet an, ab dort strömt neben uns der Framruste. An seinem Wasserfall Pollfoss legen wir eine längere Pause ein.



Etwas Bewegung und sprudelndes Wasser tun unserer Seele gut. Genau so wie der strahlend blaue Himmel. Framruste mündet in den Nysætervatnet, wir wechseln zum Vuluvatnet und schließen uns dem Verlauf des Stuttgongen bis zum See Heimdalsvatnet an. Diesen durchfliesst der Stuttgongen, von dort ist es nicht weit bis zum Grotlivatnet.

Nächster See ist der Breiddalsvatnet, über einige Stromschnellen geht es in den Søndre Lagervatnet und den Nørdre Lagervatnet. Wir verlassen kurz die Oberfläche, um das Wasser durch den 4.531 m langen Oppljostunnelen zu unterqueren, kommen so zum See Oppljosvatnet, fahren über den Strynevegen in den Ospelitunnelen bis zum Oppstrynsvatnet.



Hier in der Region gibt es unzählige Wasserfälle. Alle gerade zugefroren und durch die ungeräumten Wander- und Zufahrtswege nicht mal eben schnell zu erreichen. Der Aufstieg zum Strynefjellet, einer langgezogenen Hochebene, erweist sich noch einmal als Geduldsprobe. Wieder ist die Straße komplett vereist, es geht mühsam den Berg hinauf.





Hinter mehreren Tunneln wartet noch die im Vorfeld als schwierigste identifizierte Etappe: der Abstieg runter nach Stryn. In vielen, engen Serpentinen schlängelt sich die 15 den gefühlt senkrechten Berghang herab. Es gibt keine Webcams, mit denen man vorab den Straßenzustand hätte checken können. Nach dem aber bereits der Aufstieg auf’s Fjellet sowie der Weg über die Hochebene komplett vereist waren, haben wir richtig Bammel. Als wir aus dem letzten Tunnel des Strynvejes, dem Ospelitunnelen, in den Sonnenschein fahren, überrascht uns das Roadtrip-Glück: komplett freier Asphalt und Serpentinen, die Matthias Herz vor Fahrfreude höher schlagen lassen. Der gesamte Abstieg ins Tal ist somit fast einfach und erfolgt mit einem Dauergrinsen. Vielleicht hat es sich doch gelohnt, mehrmals über die Gamle Bybroen in Trondheim gegangen zu sein.



Am Stryn-Fluss vorbei fahren wir die FV60 den Innvikfjorden entlang bis die Straße bei Utvik in die Berge geht. Und die hat es in sich. Weniger wegen des Straßenzustandes, sondern wegen ihrer engen Serpentinen den Berg rauf (und wieder runter). Waren die Serpentinen bis Stryn noch lang und spitz geschwungen, so sind sie jetzt steil und kurz.

Bei Byrkjedo wartet die E34 auf uns und mit ihr der Storelva, der uns zum Begheimsvatnet führt. Aus diesem fließt der Stardalselva bis zum Langevadet ab. Wir haben ab Klakegg kein Wasser zur Orientierung mehr, bis der Grungeelva uns aufsammelt und bis zum Håheimsvatnet eskortiert. Es folgen mehrere Seen – Juvikvadnet, Skredvatnet und Fuglevatnet – und wir sind an unserem Ziel, dem Ort Skei am Skeisbakta, einem Teil des Jølstravatnet. Sehr, sehr viel Wasser heute. In allen möglichen „Aggregat“-zuständen: gefroren, fließend, stehend, reißend, dampfend, rauschend. Und immer schön anzusehen.






Mit all diesen Gewässern durchqueren wir auch immer wieder sich ständig ändernde Landschaften. Wir fahren durch tief eingeschnittene Schluchten, über Bergrücken, geschwungene Täler, vorbei an riesigen Seen und weitläufigen Fjorden und über Hochebenen. Wir haben ja bewusst nicht die Scenic Route genommen und trotzdem scheppert die Landschaft heute ganz ordentlich. Wir bekommen eine Idee, was der Nebel die letzten Tage vor uns immer wieder versteckt hat und sind über die ständig wechselnden Landschaftseindrücke mehr als glücklich.














Das war ein wirklich erstklassiger Roadtrip-Tag. Klar, mit nicht defektem Auto wäre das alles besser gewesen. Ein bis zwei Adrenalinstöße weniger wären auch okay gewesen, aber wir fühlen uns belohnt mit tollen Panoramen, schönen Straßen und durchgehend strahlendem Sonnenschein. Der Tag klingt für uns mit Sauna und Gulasch, Rotkohl und Kartoffeln aus. Morgen steht unsere letzte Etappe in Skandinavien an. Gut 220 km und 4 Stunden reine Fahrtzeit sind es noch bis Bergen. Dabei liegen noch einige Serpentinen und Bergpässe vor uns. Hoffentlich hält das Glück der Gamle Bybroen auch noch morgen.




Funfacts am Rande: Weil die Kartoffeln, die wir in Norwegen bisher bekommen haben, nur echt mäßig gut geschmeckt haben, haben wir uns ein bisschen mit Kartoffeln in Norwegen beschäftigt. 40 % der in Norwegen gezogenen Kartoffeln werden am Polarkreis gezogen. Hätten wir so nicht erwartet. Und es ist absolut verboten, Kartoffeln ungeschält und roh nach Norwegen einzuführen.

Welche Freude, dass die Fahrt und die Blicke schön waren…. ich lasse das (Welt-) politische Elend vom heutigen Donnerstag, den 13!!!!02. Mal weg…. aber beim lesen all der ….in meinen Ohren!… lustigen Namen der Flüsse, Fjorde, Seen etc. hüpften mir North Cothelstone Hall , Lady Hesketh Fortescue und Priscilla Mouldsworth in middle Fritham durch mein närrisches Hirn. 😔😉
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