Tag 2 – Pace Lap

Von Sainte-Croix nach Camping Municipal de la Baume

Gefahrene Kilometer: 205

Getankt: nüscht

Roadtime: 5:50h

1x Museums- und Stadtbesuch

Die Nacht war kühl. Nicht richtig kalt, aber so, dass man seine Arme lieber im Schlafsack als außerhalb hat. Bestes Campingwetter also eigentlich, man geht im Zelt nicht ein, der Luftaustausch funktioniert hervorragend. Ein einziges Manko hat das Ganze aber: wenn Nachts eine kurze Opferdarbietung für den Porzellangott notwendig wird, dann muß man raus in die kalte Nacht und wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einer taunassen Wiese empfangen. Es gilt also, alle Opfertätigkeiten vorzeitig zu erledigen und den Wasserhaushalt entsprechend zu regulieren. Weder Fabi noch mir ist dies geglückt, wir beide erfreuten uns bei einem kurzen Ausflug an der sternenklaren Schweizer Bergnacht.

Sehr früh weckt uns das Gebimmel der Kuhglocken. Von den Weiden, gestern aus der Ferne nur gesehen, werden die Kühe morgens zur Melkstation um die Ecke getrieben. Und weil das Lokalkolorit eben auch Glocken beinhaltet, ertönt nicht nur der Freudesgesang der Kühe über das baldige Melken, es klingt auch, als würden gleich alle christlichen Konfessionen gleichzeitig ihre Gottesdienste abhalten. Wir warten jedoch noch ein wenig bis die Sonne ausreichend Kraft gesammelt und die Luft um uns nachhaltig erwärmt hat, dann gibt es für uns beide eine Runde Hygieneauszeit.

Barbara hat inzwischen schon ein köstliches Frühstück aufgetischt – danke dafür noch einmal! Und irgendwie verstreicht die Zeit recht schnell. Leckeres Essen, ein nettes Gespräch und schon sind ein, zwei Stunden verflogen. Wir packen unsere sieben Sachen zusammen und klappen das ausreichend durchgelüftete Zelt zu und machen uns auf den Weg. Diesmal über die richtige Straße, die freundliche und meist gut ortskundige Dame im Radio hat uns gestern das letzte Stückchen über einen ziemlichen Schotterweg geschickt. Mit dem 145 wäre dieser kein Problem gewesen, der Focus hat eher ein – nennen wir es mal Asphaltfahrwerk. Vorsichtig ging das trotzdem, Barbara machte uns aber auf die existierende richtige Straße aufmerksam.

Diese nehmen wir und fahren über ein Fahrzeug breite Straßen ruhig und entspannt über den Aiguilles de Baulmes, einem bis zu 1560 Meter hohem Bergrücken aus Kalkstein, teils recht zerklüftet und deswegen ein hervorragendes Sportkletter-Paradies.

Von Baulmes aus geht es über Rances über Orbe, Vuarrens und Frey durch Agrarlandschaft Richtung Moudon, hier kreuzen wir die A1 und fahren weiter durch das Hinterland bis nach Bulle. Hinter der knapp 27.000 Einwohner:innen-Stadt liegt unser Zwischenziel des Tages, das Örtchen Greyerz. Den Meisten dürfte der französische Name geläufiger sein, Gruyeres liegt in den meisten Käsetheken in verschiedenen Reifegraden und ist unbedingt zu empfehlen.

Das historische Städtchen erstreckt sich über einen isoliert liegenden Bergrücken, gekrönt wird das ganze vom Schloss St. Germain. Wir parken unser Auto für den überraschenden Kurs von einem Schweizer Franken pro Stunde und laufen gut zehn Minuten den Hügel hinauf in die Altstadt. Kaum sind wir durch das Stadttor werden wir von einem Käsedunst begrüßt. Es ist kurz nach Zwölf und die Terrassen der Hotels und Restaurants sind rappelvoll, gefühlt gibt es an jedem Tisch Fondue.

Das lockt natürlich, wir sind jedoch noch satt vom Frühstück und gehen die Hauptstraße entlang bis wir kurz vor dem Schloß zum HR Giger Museum kommen. HR Giger war ein bildender Künstler und Maler. Und er war Oscarpreisträger. Der gesamte künstlerische Ausdruck des Filmes Alien (und seiner Nachfolger) ist von ihm geplant und umgesetzt. Auch für das Aussehen des Filmes Species war er verantwortlich. Witzigerweise ist HR Giger auch Kommilitone von Barbaras Mann an der Kunstgewerbeschule in Zürich gewesen. Seine Arbeiten, geprägt durch Düsternis, Surrealismus und phantastischen Realismus prägte über Jahrzehnte hinweg Popkultur, insbesondere die Ästhetik der Death- und Black Metal-Szene sowie Tätowierkunst. Insbesondere bei letztem wurde der von ihm geprägte Begriff des Biomechanoiden unzählige Male interpretiert und weiterentwickelt.

Im Museum hängen unzählige Werke, stehen diverse Skulpturen und Objekte. Der Boden und auch Raumelemente wurden in Gigers Stil gestaltet. Viele seiner Werke sind geprägt durch explizite Darstellung teils menschlicher Körper, Gewalt, dystopische Klaustrophobie und monochrome Ausgestaltung. Es gibt etliche Exponate zu den Alien- und Species-Filmen, in der Gesamtheit wird aber deutlich, wie viel mehr Gigers Werk eigentlich ist. Wir lassen uns durch diese Welt treiben und treffen uns nach einiger Zeit wieder draussen im strahlenden Sonnenschein.

Gegenüber des Museum ist eine HR Giger Bar, ein kleiner Raum der inklusive Gewölbe und Sitzmobiliar in seinem Stil gestaltet ist. Es läuft schwerer Metal und hier bekommen wir das, was wir jetzt auf jeden Fall brauchen: eine Käseplatte Gruyeres und Kaltgetränke. Was wir beim Parken gespart haben, geht hier wieder drauf – aber man bezahlt hier ja auch fürs Ambiente mit.

Gut gestärkt schlendern wir durch die Altstadt zurück zum Auto, das steht gut durchgeglüht in der prallen Sonne. Unsere Vorräte lagern zum Glück gut gekühlt in der Kühlbox, etliche Getränke leisten darin guten Dienst als Kühlakkus. Was uns auf dem Rückweg bewusst wird: in Schweiz gibt es eine Maut. Hatten wir irgendwie völlig verschwitzt. Besorgen wir uns noch schnell online. Die Strafen hier sind saftig, diese Strapazierung unserer Urlaubskasse wollen wir nicht riskieren. Über die 12 fahren wir Richtung Genfer See, die Landschaft wird zunehmend mediterraner, auch die Baustruktur gibt immer mehr Urlaubsfeeling. Blauer Himmel über uns, round about 25 Grad, das sind die Bedingungen die wir gebucht haben. Ein Grinsen im Gesicht lässt sich nicht mehr verkneifen.

Vor allem nicht, als vor uns sich nach und nach die Bergketten aus dem Dunst der Ferne schälen. Eine reiht sich hinter die andere, ganz in der Ferne schimmern schneebedeckte Gipfel. Ab Monteaux fahren wir am See entlang, die Straßen sind eng und schlängeln sich durch kleine Ortschaften, der Verkehr läuft aber gemächlich und rücksichtsvoll. Wir überqueren den Fluss Vaud, schlängeln uns unterhalb des 2172 Meter hohen Grammont, einem Teil des Chablais-Massivs, Richtung Saint-Gingolph.

Hier reisen wir wieder nach Frankreich ein, die freundliche Dame im Radio verkündet kurze Zeit später stolz, dass wir wieder online seien. Ein gutes halbes Stündchen noch folgen wir dem Seeufer, dann stechen wir Richtung Süden in die Rhône-Alpen. Über gut ausgebaute, serpentinenreiche Pisten geht es zum Lac du Jotty, einem kleinem Reservoir-See. Hier haben wir unseren Spot für die Nacht geplant. Ein kleiner Campingplatz neben der Straße mit pragmatischer „Sucht Euch einen Platz“-Policy. Wir finden einen Platz, leider am komplett dem Sanitärbereich entgegen gesetztem Ende, bauen unser Zelt auf und machen es uns gemütlich. Abendessen ist heute basic, es gibt Nudeln mit Pesto. Morgen startet dann endlich die Route des Grandes Alpes.

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