Von Camping Domelin zum Camping d´Orelle
Gefahrene Kilometer: 191
Getankt: 35,2 Liter
Roadtime: 07:15 Stunden
1x Passpause, 1x Einkaufen, 1x Essen
Wie prognostiziert sind die Kiddies gestern nach gut einer recht anstrengenden Stunde k.o. Und verziehen sich in die Waagerechte. Die aufziehende Kälte und Feuchtigkeit verscheucht aber auch uns bald ins Dachzelt. Nachteil von Kindern, die früh schlafen gehen ist, dass sie auch früh wieder wach sind. Und das während wir uns eigentlich für einen entspannten Tagesstart entschieden hatten. Dass die Kiddies sich ausgerechnet den Platz unmittelbar vor unserem Zelt zum Spielen aussuchen kann nur Provokation sein, der Verlauf des Morgens wird das bestätigen.
Ich liege noch etwas länger als Fabi rum und nicker immer wieder weg, irgendwann ist es dann aber gut. Wir kommen recht zügig in den Tag und sitzen bald beim Frühstück als der Älteste von den Kiddies anfängt, mit dem Fussball immer wieder in unsere Richtung zu schiessen. Er trifft beinahe das Auto, unsere Campingmöbel und auch den zum Glück nicht brennenden Kocher. Mir reicht es, trotz Sprachbarriere gibt es nen Anschiss. Der hilft nicht so richtig, auch die eigentlich sehr deutliche Mutter kriegt heute die Grenzen zwischen ihrem und unserem Tanz- a.k.a. Campingbereich nicht konsequent gezogen. Egal. Wir sind gleich weg.
Routiniert packen wir unseren Kram und schwingen uns auf die auf die D218A. Die sind wir gestern schon gefahren, das war nett, wir ersetzen eine langweilige Talfahrt durch den Col du Pré und die Staumauer des Lac de Roselend. Heute ist es voller als gestern, trotzdem genießen wir die Panoramafahrt mit Mont Blanc. Am Col de Méraillet biegen wir diesmal jedoch nach rechts ab, die D925 führt uns am Ufer des Lac de Roselend entlang um dann in sanften Serpentinen den Cormet de Roselend hinaufzusteigen. Auf 1968 Metern queren wir den Bergrücken, es geht in einer stetigen Abfahrt zwischen den Gipfeln des 2995m hohem Roignais und dem 2643m hohem La Clavettaz runter in das Tarentaise-Tal nach Bourg-Saint-Maurice. Bourg-Saint-Maurice ist einer dieser Orte, die wir schnell hinter uns lassen, wir werden heute noch einige davon durchfahren. Wirtschaftliches Haupteinkommensgebiet ist der Tourismus, im Winter Ski und ähnliches, im Sommer Mountainbiking, Trecking und Rennräder. Das ganze als gut durchgeplanter Massentourismus, es gibt Hotels galore, Restaurants, Bars, immer einen InterSport und alles, was das Touri-Herz noch begehrt. Wenigstens hat mich sich einen Großteil der heutigen Etappe über versucht Mühe zu geben, die Hotels und Chalets ein bisschen wie die regionale Baustruktur aussehen zu lassen. Spätestens die Skilifte und ihre riesigen Abfahrtgebäude versauen es aber.

Kurz dahinter geht es direkt wieder in die Berge. Die ersten vier Serpentinen durchschweifen das Örtchen Le Breuil, danach geht es in engen Serpentinen die Rampe Richtung Col du Petit-Saint-Bernard hoch. Allerdings verlassen wir vor der endgültigen Auffahrt die D1090 und nehmen eine kleine Zufahrtsrampe wieder bergab. Wir schlabbern also den Col du Petit-Saint-Bernard. Dies hat einen guten Grund: der Pass ist nicht Teil der Route des Grandes Alpes – was an sich kein Widerspruch wäre, der Col du Pré heute Morgen gehört formal auch nicht dazu. Allerdings führt der Col du Petit-Saint-Bernard direkt nach Italien. Und da wollen wir nicht hin.

Warum also den halben Berg rauf und dann wieder runter? Die Antwort ist simpel und wer diesen Blog schon länger liest, wird einen Verdacht haben. Die eigentliche Route des Grandes Alpes führt über die D902 durch ein Tal. Und mit ein paar Serpentinenschwingen bergauf und wieder bergab haben wir diese tendenziell eher unspannende Taletappe umfahren. Abgekürzt wäre gelogen. Belohnt werden wir mit einer tollen Bergstraße und großartigem Ausblick.

Die D902 führt uns jetzt durch das Tal der Isère bis wir zur Barrage du Chevril kommen. Die rund 180 Meter hohe Bogenstaumauer war seinerzeit die größte Bogenstaumauer Europas und trägt heute ein riesiges Fresko das Herakles zeigt. Leider ist uns dieser Punkt bei unserer Vorab-Recherche nicht unter gekommen, so daß wir einfach dran vorbei fahren. Ein bisschen nehmen wir aber auch die Aufregung als Ausrede, zum Stausee sind wir bereits stetig bergan gefahren, das Tal zieht sich immer weiter nach oben zu. Der Stausee selbst liegt auf bereits auf 1792 Metern Höhe, noch gut 1000 weitere Höhenmeter gilt es auf den nächsten 23 Kilometern bis zum Col d´Iseran noch zu überwinden.

Durch karge Berglandschaft mit beeindruckenden Panoramen schleift die D902 in großzügigen Schwüngen und langen Graden das nach oben auslaufende Tal entlang. Und schon bald sind wir oben und queren den mit 2764 Metern höchsten asphaltierten Straßenpass in Europa. Diesen Titel beansprucht auch der Col de la Bonnet für sich, allerdings ist die echte Passstraße von diesem „nur“ 2715 Meter hoch, es gibt eine Zusatzschleife, die vom eigentlichen Pass noch hoch auf 2802 Meter geht. Im Sommer höchste asphaltierte Straße, im Winter wird diese zur Skipiste, die Lifts gehen bis fast ganz oben. Entsprechend wundern wir uns nicht über die Schneekanonen, die ebenfalls bis fast ganz oben dauerhaft neben der STraße installiert sind. Wir machen einen kurzen Stop und lassen Panorama und katastrophale sanitäre Bedingungen auf uns wirken

In acht langgezogenen Serpentinen geht es auf der anderen Seite wieder bergab. Unser nächstes Ziel ist das auf 1759 Metern liegende Bonneval-sur-Arc. Es wird als eines der schönsten Dörfer der Alpen beworben, das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Schon bei der Anfahrt haben wir das Gefühl von Scam, wir parken, steigen aus und laufen ein paar Meter – und haben richtig das Gefühl, auf den Arm genommen zu sein. Klar, das Dorf mit original irgendwas um die 270 Einwohner:innen ist ganz süß, die Häuser sind aus diesen rudmentär behauenen Steinen mit richtig dicken STeinplatten als Dachbelag gebaut, es hat enge Gassen und all das, was ein altes Dorf mit Charme so braucht. Wenn man nicht sehen würde, dass hier alles neu aufgebaut wurde um ein touristisches Ziel zu generieren. Entsprechend ist in jedem Haus eine Lokalität oder ein Souvenir-Shop, in zweiter Reihe sieht man noch alte Bausubstanz die abgetragen und dann neu aufgebaut wird – wahrscheinlich spricht man hier von Restauration. Aber wie das immer so ist: wenn man etwas überrestauriert, dann klaut man ihm seine Seele. Gilt für Autos immer, scheint aber auch für Gebäude zu gelten.

Eigentlich wollten wir hier was essen, Drumherum und entsprechende Preise lassen uns aber nach nicht einmal zwanzig Minuten vor Ort wieder umdrehen und das Weite suchen. Wir haben noch über eine Stunde Fahrt vor uns, irgendetwas Nettes wird es geben.
Oberhalb des Fort Victor-Emmanuel und unterhalb des Fort Charles-Felix liegt eine kleine Außengastro ziemlich versteckt auf einer Wiese. Es gibt Crepes und Galettes, letzteres ist unsere Wahl. Dazu zischen wir ein Kaltgetränk und sind sowohl preislich als auch alles andere betreffend froh, bis hier her gefahren zu sein.

Bis zum Campingplatz fahren wir über die D215G auf die D215E um in Modane die Arc, jenen Fluss, der uns heute seit dem Col d´Iseran begeleitet hat, zu kreuzen. Die Arc ist ein kristallblauer Bergfluss, er sieht wunderbar kühl aus und es muss eine Freude sein, seine Füße da mal reinzustecken. Tatsächlich habe ich den ganzen Tag darauf gelauert. Leider ist die Arc ein echter Gebirgsfluss, man sieht, dass sie im Frühjahr viel Wasser führen muss, entsprechend tief hat sie sich unter das Straßenniveau gegraben. Mehrmals halte ich heute an, finde aber keinen sicheren Weg in den Fluss. Das steht also noch auf der ToDo-Liste.

Eine Frage, die sich uns stellte, während wir an der Arc entlang fuhren war, ob Jeanne d`Arc irgendetwas mit diesem Fluss zu tun hatte. Die kurze Antwort ist nein. Wahrscheinlicher ist, dass ihr Nachname auf ihren Vater zurückzuführen ist, der historischen Quellen zufolge Darc mit Nachnamen hieß. Wie das aber so mit historischen Quellen aus dem Mittelalter so ist, sie sind ungenau, die Handschrift ist schlampig oder mit der Zeit kaum lesbar. So stehen weitere Namen wie Dars, Day, Darx, Dare, Tarc, Tart oder Dart im Raum. Am Ende ist man sich sicher, dass die Jungfrau von Orleans, wie sie sich gerne selbst bezeichnete, ihren heutigen Namen vor allem auch durch zeitliche Entwicklung und Überlieferung bekam. Sicher weiß man nämlich anhand von drei Originalunterschriften von ihr, dass sie sich selbst Jehanne schrieb.

Am späten Nachmittag kommen wir an unserem Campingplatz an, es ist einer dieser einfachen kommunalen Campingplätze wie sie überall in Frankreich zu finden sind. Mal sind sie groß und gut organisiert wie die letzten, mal eher klein und mit simplen Abläufen ohne großes Bohei. Heute sind wir auf einem der letzteren Kategorie, als wir auf den nur 27 Stellplätze großen Platz fahren haben wir etwas Sorge, dass wir unser Zelt nicht ausklappen können. Die Stellplätze, die wir sehen, sind so schmal, dass grade mal die Busse mit einem Tisch daneben dort hin passen. Wir haben vorgebucht und fahren ins hintere Eck des Platzes zu unserer Parzelle und sind begeistert. Im Schatten eines Baumes liegt eine riesige Parzelle, wir können uns ganz bequem ausbreiten und liegen nicht Wand an Wand mit den Nachbarn. Perfekt.

Morgen geht es dann wieder primär zu Fuß los, allerdings nutzt Fabi den Abend um die Wanderung noch einmal neu zu planen. 12 Kilometer über die Berge in der prallen Sonne klingt bei angekündigten 30 Grad eher uncharmant.


das sieht mir verdächtig bekannt aus ;)…diese engen balkonartigen Straßen mit so gut wie keiner Begrenzung und steilen Abgründen haben auch auf Fotos etwas angsteinflößendes
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