Von Camping Bel-Iscle nach Sospel
Gefahrene Kilometer: 182
Roadtime: 4,75 Stunden
Getankt: nüscht
1x Pipi, 1x Einkaufen
Wir wachen zum Lärm von Baumaschinen auf. Eine gute Stunde ackern sie um den Campingplatz herum und bilden den Auftakt für ein ganzes Orchester von Campingplatzlärm. Als hätten alle darauf gewartet schlagen Türen, klappert Geschirr und schlurfen Menschen ums Zelt. Es ist noch nicht einmal acht Uhr. Fabi folgt dem Ruf, ich versuche mich dem noch zu erwehren, scheitere aber an dem sich immer mehr aufheizendem Zelt. Die Nacht war recht schnell sehr kühl, wir mussten nachts noch alle Lüftungsöffnungen verschließen, entsprechend steht hier bald die Luft.
Wir starten den Tag völlig entspannt. Gestern Abend ist uns noch aufgefallen, dass unser am Reissbrett gemachter Plan nicht aufgehen wird. Aus irgendeinem Grund haben wir für morgen eine 300+ Kilometer-Etappe inklusive sechs oder sieben Pässe eingeplant. Das war dumm, das bedeutet nur Stress. Also haben wir gestern Abend heute noch umgeplant, die lange für heute geplante Wanderung gestrichen und gegen eine zwei Stunden-Tour getauscht und in Sospel hinter dem Col de Turini ein AirBnB gebucht. Campingplätze gibt es auf der Strecke kaum und wenn dann haben sie vernichtende Bewertungen.
Während des Frühstücks merke ich, dass mir überhaupt nicht nach Wandern ist, ich brauche erstmal ein wenig Reizarmut. Also geht Fabi alleine los, ich gucke die zwei Stunden, die sie unterwegs ist, einfach ins Panorama. Ich sitze im Schatten des Tarps, hab die Beine hochgelegt und zische ein, zwei Kaltgetränke. Es könnte schlimmer sein.

Als Fabi zurück ist packen wir unseren Kram zusammen und brechen gegen 13:00 Uhr auf. Vor uns liegen gute vier Stunden Autofahrt und fast so etwas wie der Epilog. Heute ist der letzte Tag, an dem wir ausschließlich die Route des Grandes Alpes fahren werden. Wir folgen der D902 durch das Ubaye-Tal parallel zur italienisch-französischen Grenze. Auf unserer heutigen Etappe werden wir sehen, dass die beiden Länder die meiste Zeit ihrer Geschichte kein gutes Verhältnis hatten, riesige Festungen, Bunker und Bollwerke sicherten Frankreich gegen die jeweils in Italien Machthabenden.

Aus der D902 wird die D900 und in Jausiers biegen wir ab auf den Col de la Bonette. Der Einstieg findet bereits auf 1240 Metern statt, die schmale aber zweispurige Straße windet sich über 22 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 6,7% durch das immer enger werdende Tal nach oben. Hinter uns drängeln ein Porsche 911 und eine Renault Alpine, vor uns fahren ein weiterer PKW und ein Wohnmobil. Hält 911 und Alpine nicht davon ab, ohne Rücksicht auf Verluste auf der unübersichtlichen Straße zu überholen und, da der Platz für einen kompletten Überholvorgang natürlich nicht reicht, wegen Gegenverkehr bremsend unmittelbar vor uns einzuscheren. Eine Sache von wenigen Zentimetern, es kracht nicht weil ich das Ganze ahne und bereits nicht mehr auf dem Gas stehe. Die Straße ist voll mit Autos, Motorrädern und Fahrrädern. Ich verstehe nicht,m wie man ohne ausreichende Voraussicht solche Manöver starten kann. Ausreichend Geld und PS scheinen manche Männer glauben zu lassen, dass sie über dem Tod stehen. Sollen sie ruhig, das Problem ist dabei nur, dass sie bei nächster Zeit andere mit ins Elend ziehen und halt wenn es mal nicht klappt den Gegenverkehr oder die Überholten ebenfalls wegmatchen. Und spätestens Fahr- und Motorräder haben deutlich weniger Knautschzone als diese Sportwagen.

Auf 2600 Metern passieren wir die Überreste der Casernes des Restefond, einem Teil der Maginot-Alpin-Linie der als Logistikstandort während der ersten Alpenschlacht im Juni 1940 gegen Italien diente. Von dort aus sind es noch zwei Kilometer bis zum zwischengelagerten Col de Restefond auf 2680 Metern, der gleichzeitig auch die nördliche Grenze des Parc National du Mercantour ist. Mit immer geringer werdenden Steigungen fahren wir hinauf zum Col de la Bonnette, der Schummelliese der großen Alpenpässe. Mit seinen 2715 Metern Höhe ist er der vierthöchste Alpenpass nach dem Col d´Iseran (2764m), dem Stilfser Joch (2757m) und dem Col Agnel (2744m). Weil viertbester aber irgendwie erster Verlierer ist, hat der de la Bonnette eine Ringstrasse bekommen, die einmal um den Berggipfel Cime de la Bonnette herumführt. Der höchste Punkt dieser Ringstrasseliegt auf 2860 Metern und damit wird der Pass auch beworben. Nur dass diese Straße eben nicht die Passstraße ist. Was solls. Wir fahren natürlich die Passstraße, schummeln unterstützen wir nicht.

Die Landschaft oben auf der Passhöhe ist außerirdisch, es gleicht einer verlorenen Mondlandschaft. Wir haben ausreichend Zeit, das Szenario zu betrachten, die Strecke führt über lange relativ flache Graden an der Berflanke entlang. Drei Kilometer hinter dem Col de la Bonette passieren wir den Col de Raspaillon (2513m), auf 2271 Metern passieren wir das Camp des Fourches, hier kraxelten Katrin und Micha gemeinsam mit mir bereits auf der 2020er Lost in the Alps durch die Ruinen und störten das französische Militär. 1890 wurde der Ort noch als Biwakplatz genutzt, zwischen 1896 und 1910 wurden hier 26 Hütten errichtet, die so ausgestattet waren, dass das Camp sich autark versorgen konnte. Die Strecke ist immer noch recht gradlinig, aber häufig auf Grund der Topographie schwer einzusehen. Was die Sportwagen-Treter bergauf vormachten, machten diverse Moppedfahrer (gendern ist hier unnötig) jetzt nach. Obwohl ich auf Pässen bei jeder Gelegenheit Motorrädern Platz mache und sie vorbeiwinke, ballerten hier ganz Horden gleichzeitig durch den Gegenverkehr. Mehrfach fehlten auch hier nur wenige Zentimeter um mehreren Menschen den Tag nachhaltig zu versauen. Ironie: auf der Abfahrt sind aktuell diverse Baustellen wo die Straße einspurig und durch Ampeln geregelt ist. Hier trafen wir dann wieder auf die Lebensmüden, grade mal ein oder zwei Autolängen vor uns.

Uns raubte das ein wenig die Nerven und tatsächlich auch den Spaß an diesem Pass. Die Strasse ist häufig nicht eingefasst, neben dem Asphalt geht es ansatzlos sehr, sehr steil den Berg runter. Trotz aller Routine ist das immer etwas herausfordernd zu fahren, insbesondere wenn man auf der Außenseite unterwegs ist.

Hinter dem Pass geht es durch den Parc National du Mercantour. Hier wurden im Vallée des Merveilles (Tal der Wunder) und im Vallée de Fontanalbe (Tal der weißen Quelle) über 35.000 Felsritzungen aus der Bronzezeit gefunden. Außerdem wachsen hier über 2000 Pflanzenarten, 40 davon endemisch. Nennenswert ist dabei die Saxifraga Florulenta, eine Steinbrecherart die nach ca. 30 Jahren ein einziges Mal blüht und dann abstirbt. Hört sich für uns nicht nach einer Erfolgsgeschichte an, hält sich aber trotzdem bis heute. Außerdem leben hier Gämsen, Alpensteinböcke, Steinadler, Bartgeier, Murmeltiere, Mufflons, Auerhähne und ein paar aus Italien eingewanderte Wölfe. Natürlich sehen wir von der Straße aus nichts davon, was wir aber sehen ist unglaublich dichte und wilde Natur jenseits des Asphaltbandes. Den Weg gibt der Tinée vor, er hat eine tiefe Schlucht in die Felsen gegraben und diese nutzt die M2205C für ihren Weg in Richtung Süden. Aus dem Vallée de la Tinée zweigen wir ab auf die M2565 die gleichmäßig bis nach Valdeblore hoch führt. Durch dichten Wald fahren wir bis zum Col Saint Martin. Hinter diesem folgen wir dem Boreon, einem klitzekleinem Flüsschen dessen gigantisches Bett aber auf die im Frühjahr hier abfliessenden Wassermassen schliessen lässt.

Man merkt es dem Bericht vielleicht ein wenig an, wir leiden an Scenic Overview. Wir fahren durch wirklich atemberaubende Landschaft. Diese reiht sich aber in die atemberaubenden Landschaften der letzten Tage ein und dies führt zu einer gewissen Gewöhnung. Was hier anders ist: es ist sehr mediterran. Baustil, Straßenzustand, Vegetation. Und es ist sehr warm, das Thermometer klettert selten unter 30 Grad. Und man merkt die Unterschiede zwischen Wald- und Bebauungsgebiet sehr. Im Wald weht immer mal wieder ein kühl-feuchtes Lüftchen durch die offenen Fenster, in den bebauten und versiegelten Bereichen weht uns die trockene Luft einer Heißluftpistole ins Gesicht.
Wir verlassen die M2565 um mit der M70 in den kleinen Ort Le Puey zu fahren. Und beginnen damit die Auffahrt eines legendären Passes. Mit seinen 1607 Metern kein richtiges Schwergewicht, so ist dieser Pass vor allem dafür bekannt, dass er als „Nacht der langen Messer“ jährliche Wertungsprüfung der Rallye Monte Carlo ist. Die M70 ist hier alleeartig angelegt, wir fahren durch pitoreskes Wohngebiet, unter den Reifen raschelt das welke Laub, an den Bäumen ist noch genug Grün für angenehmen Schatten. Durch unzählig viele Kehren, Kurven und Serpentinen fahren wir deutlich weniger sportlich als die Rallye Monte Carlo den Berg hoch, hinter dem Bebauungsgebiet umgibt uns dichter und wilder Wald, immer wieder unterbrochen von schroffen und nur grob in Form gehauenen Felsen. Wenn man sich das Streckenprofil auf GoogleMaps anschaut, dann ahnt man, warum dies eine Muss-Etappe der Rallye Monte Carlo ist, was man nicht erahnt, ist die Schönheit und Eleganz dieser Route. Abwechslungsreich durch Dörfer, Wald und Schluchten, an steilen Abhängen und überragenden Felswänden entlang und mal durch völlige Einsamkeit oder an Cafes vorbei ziehend ist dieses Stück Asphalt egal in welchem Fahrmodus wunderschön, herausragend, beeindruckend.

Auf der Passscheide halten wir kurz für eine Pipipause in einer der dort angesiedelten Lokalitäten, es ist überraschend leer und unbefahren. Überhaupt: seit den Kamikaze-Fahrern zu Beginn des Tages sind wir ziemlich für uns. Was uns erstaunt, ist dies hier doch ein wunderschönes Stückchen der Route des Grandes Alpes.

Die Fahrt endet in Sospel, einem 3807 Einwohner-Städtchen auf etwa 350 Metern Höhe. Hier fliesst der Bévéra durch, bis nach Menton sind es noch ca. 20 Kilometer. Die letzten 20 Kilometer der Route des Grandes Alpes. Die heben wir uns aber für morgen auf. Die Altstadt ist mittelalterlich geprägt, über den Fluss spannt eine Brücke aus dem 11. Jahrhundert. Es riecht nach Geschichte. Wortwörtlich. Unser AirBnB, ein klitzekleines Ein-Raum-Appartment, ist in der Altstadt und auf dem Weg dorthin fällt uns immer wieder der feuchtmuffige Geruch alter Keller auf. Trotz 30 Grad im Schatten. Das AirBnB ist in einem mindestens 200 Jahre altem Haus, im Erdgeschoss und riecht genauso. Interessiert uns erstmal nicht, wir brauchen Essen und finden in der Altstadt auf dem Place Saint-Nicolas direkt vor der Kathedrale Saint-Michel (witzigerweise das größte Gotteshaus im katholischen Verwaltungsbereich Nizza) ein kleines, familiengeführtes Restaurant das just in dem Moment aufmacht, als wir davor stehen. Wir setzen uns an den äußersten Tisch fast mitten auf dem Platz und freuen uns auf ein Abendessen in wundervoller Atmosphäre. Und entscheiden uns anhand der Karte schnell, dass wir heute der Völlerei fröhnen werden.

Den Anfang macht Socca, eine lokale Spezialität. Am ähnlichsten kommt es sehr dünnen, herzhaften Pfannkuchen, in viel Öl einseitig ausgebacken. Im Teig sind irgendwelche Kräuter verarbeitet. Das ganze kommt kleingeschnitten als Fingerfood, wir sind sofort Fans. Dem Socca folgen eingelegte Pilze, die Lake ist irgendwie ein bisschen sauer, es schmeckt mit den Pfifferlingen und Champignons hervorragend. Als Hauptgang gibt es Auberginen-Auflauf mit Parmesan und gekochtes Schweinefleisch mit Kartoffelbrei und Zwiebeln, am ehesten mit grob verarbeitetem Labskaus zu vergleichen. Im letzten Sonnenlicht kommt dann die Nachspeise, Schoko-Fondant und Joghurt mit Honig.

Die Schwalben über uns machen Feierabend, auch uns zieht es Richtung Bett. Leider entdecken wir bei der Rückkehr, dass die Matratze leicht feucht ist und Schimmelflecken hat. Die Vermieterin weiß das, hat aber alles lange in der Sonne gelegen, sei also kein Problem. Sehen wir anders, haben aber grade keine Alternative. Morgen wird es eine Beschwerde bei AirBnB geben, bis dahin müssen wir jetzt dadurch. Morgen sind wir also flott hier raus.

was für ein ikonisches Titelbild :)! Und wie schade, dass dieser schöne & eindrückliche Reisetag so doof endet. Es wird hoffentlich schnell reagiert…
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Glück auf, klingt alles sehr schön und voller Genuss… allein bei der Lektüre des Essens klemmt mein Gürtel. ),Ich lebte von meinem 10. Bis 18. Lebensjahr im Schallbereich der Europawelle Saar, die in den kalten Monaten immer wacker die gesperrten Alpenpässe meldete. Glandon (oder so ähnlich), Isoire (osä), Iseran, Restefons und Col de la Bonette…sie sprachen es so schnell wie EIN Wort…. Ja, jetzt weiß ich, dass es die tatsächlich gibt. Weiterhin gute Fahrt und lecker was auf die Gabel.
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