Tag 11 – der Tag, an dem wir dem französischen Militär das Kriegspielen versaut haben

Von Finale Ligure nach Saint-Paul-sur-Ubaye (Camping Municipal Bel-Iscle)

313km gefahren

Start um 10:00 Uhr, Ankunft um 17:30

53l getankt

Eine Pipipause, eine Pipipause mit Aussicht, ein Drohnenflug

Nachdem es gestern den Tag über bereits geregnet hatte, hatten wir auf eine trockene Nacht gehofft. So hätten wir trockene Zelte und Tarps einpacken können. Hätte. Denn die goldene Campingregel lautet: wenn du einpacken willst wird es vorher nochmal nass. Egal wie gut das Wetter vorher war. Und so brach die Nacht noch ein fettes Gewitter über uns los, morgens war alles klatschnass. Wir haben uns für einen frühen Start in den Tag verabredet, 08:00 Uhr krabbeln wir aus unseren Betten und frühstücken, trocknen alles so gut es geht und starten um 10:00 Uhr Richting Frankreich. Kurz noch ein paar Vorräte auffüllen, tanken und ab geht es auf die Autobahn Richtung Nizza.

Erstmal gut eine Stunde Strecke machen. Gut, um ins Auto reinzufühlen und wieder Vertrauen aufzubauen. Der Volvo läuft aber als wenn nicht gewesen wäre. Ein Hoch auf Autoperti in Finale Ligure! Bei Menton biegen wir von der Autobahn ab und nehmen die D2566. Ab Sospel ist dies eine Etappe der Rallye Monte Carlo, wir fahren sie allerdings verkehrt herum zum Colle de Turini. Diese Etppe der RMC ist auch als „Nacht der langen Messer“ bekannt und für die spontan wechselnden Wetterbedingungen während dieser Nachtetappe bekannt. Wir haben bestes Wetter und fahren tagsüber, Schwierigkeiten sollten wir also keine bekommen. Der Asphalt ist rau und griffig, sehr wellig, lange nur durch Beschilderung begrenzte Vollgasstrecken wechseln sich mit engen Kurven, teilweise im ersten Gang zu durchfahrende Kehren ab. Es geht durch kleine Dörfer, die Vegetation ist tendenziell mischwaldig mit Tendenzen zu Nadelwald, die Felsen werden rauher und stechen immer wieder aus der Vegetation hervor. Überhaupt: auch die Wände neben der Strasse sehen aus wie nur grob behauener Stein.

Nebenbei startet (oder endet, je nach Perspektive) die Route des Grandes Alpes. Die ist der absolute Toptipp für „ich fahr mal schnell eine großartige Tour durch die Alpen ohne mich groß vorzubereiten“. Sie geht von Thomon-les-Bains bis an die Côte d‘Azur und fährt dabei über 16 Alpenpässe, unter anderem über den Col d‘Izeran, mit 2764m Höhe der höchste Strassenpass der Alpen. Sie ist ungefähr 700km lang und verläuft mehr oder weniger entlang der Maginot-Linie weswegen sie links und rechts von alten Festungs- und Wehranlagen gespickt ist.

IWährend wir zum Colle de Turini hinauffahren begleiten uns viele Motorradfahrer_innen, sehr wenige Autos, eine Radfahrende und Wandernde. Insgesamt schlängelt sich die D2566 elegant in spannenden Windungen und Kehren den Berg hinauf, die Umgebung ist nett, aber wenig (zumindest im Vergleich zu bereits gesehenem) beeindruckend. Der Streckenverlauf, die Windungen der Strasse, die Kehren, Wenden, Kurven und die unterschiedlichen Beläge und Zustände machen die Auffahrt zum Colle aber zu einer wirklichen Freude. Es ist herausfordernd ohne erschöpfend zu sein.

Wir folgen der D2566A, dadurch „sparen“ wir ein paar Serpentinen und durchfahren den engen, zweiröhrigen, nur grob in den Fels geschlagenen Col de Castillion-Tunnel, ein kurzes, aber tolles Vergnügen. Gefühlt passt grade eben das Auto durch den Tunnel, das Saugen des Vergasers und Wummern des Auspuffs wird vielfältig an den Felswänden gebrochen und zurückgeworfen. Kurz angebremst, runtergeschaltet und es einmal kurz krachen lassen. Mit einem Grinsen im Gesicht kommen wir aus dem Tunnel raus.

Die Passscheide ist ebenso völlig unbeeindruckend, es gibt keine Aussicht, keine wirkliche Belohnung für den Aufstieg. Wir halten noch nicht einmal an. Hier ist der Weg wirklich das Ziel. Genau so fahrerisch spannend aber landschaftlich unspektakulär geht es die M70 wieder den Berg hinunter, wir hoffen auf einen guten Fotospot, hohe Bäume verhindern aber freie Sicht. Bei La Bolléne wechseln wir auf die M2565, folgen dem Flusslauf des Vésubie südwärts und queren dabei den Col St. Martin. Bei La Riviere fliesst der Vésubie in die Var, wir hüpfen auf der M6202 kirz nordwärts bis zur M2205 und folgen ab dort dem Flusslauf der Tinée. Dabei durchqueren wir den Nationalpark Mercantour. In diesem befinden sich sieben 3000er Gipfel. Außerdem kann man an einigen Stellen prähistorische Felsritzungen an damals heiligen Bergen und Quellen sehen. Beeindruckend ist auch die Artenvielfalt im Nationalpark. Hier leben Gämsen, Alpensteinböcke, Steinadler, Bartgeier, Muemeltiere, Europäische Mufflons, Auerhähne und sogar einige italienische Wölfe. Natürlich sehen wir beim Durchfahren nichts davon – diese Toerarten geben aber einen Eindruck von der Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit der Umgebung. Eingerahmt von mächtigen Bergen mit schroffen Felskanten.

Wir verlassen die M2205 am Zusammenfluss des Vallon de Saint-Dalmas in den Tinée und biegen auf die D64 ab. Auf ihr wollen wir den vierthöchsten, mit einem Auto befahrbaren Pass der Alpen queren, den Col de la Bonette. Von all den Pässen, die wir bisher gefahren sind soll dies der beeindruckendste werden. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 6,4% ist der Aufstieg keine große Herausforderung, herausfordernd ist ea eher, die Augen auf der Strasse zu halten. Der Berg ist weiträumig nir mit Gräsern und Moos bewachsen, die Strasse größtenteils ohne Absperrung oder Leitplanke, dadurch öffnet sich der Blick auf die Seealpen in all seiner Größe. Gott seinDank haben wir Traumwetter und können meilenweit gucken. Die Aussicht ist nicht zu beschreiben. Wer wegen tektonischen Plattenverschiebungen mal wortlos sein und nach Luft schnappen möchte – der/die fahre diesen Pass. Hier stimmt alles. Aussicht, Abenteuerlevel der Strasse, und im Gegensatzbzu den großen Transitklassikern auch so etwas wie Abgeschiedenheit.

Wäre da nicht das französische Militär das hrade ein bisschen Krieg spielt und auf und um den Col ein Manöver durchzieht. Und weil sie dabei die alten Festungsanlagen der Marginotlinie benutzen durchkreuzen sie unseren Plan durch eben jene ein wenig zu stromern. Wir überlegen kurz Ablenkungsmanöver („steckt bei diesem Unimog eigentlich der Schlüssel?“) und entscheiden uns dann doch keinen Krieg vom Zaun zu brechen. Deutsche Tradition ist dahingehend nicht sehr glorreich und die Franzosen mögen da einiges in schlechter Erinnerung haben. Wenigstens die Ruinen der Garnison Camp des Fourches haben sie unbesetzt gelassen, da waren aber jene im Wlad bei Calizzano spannender.

Ein bisschen wehmütig machen wir uns auf die Abfahrt, sie geht geschmeidig, lässt sich teilweise im dritten Gang fahren, wir müssen wenig Bremsen weswegen wir ohne CoolDown bis ins Tal kommen – immer begleitet von französischen Soldaten mit Ferngläsern und Raketenwerfern.

Es geht ins Ubaye Tal, an der D900 liegt das Fort de Tournoux, eine Bergfestung. Diese ist nur nach 40 minütigem Bergaufstieg per pedes und gegen 25€/Person zu besichtigen, da es inzwischen aber auch bereits nach 17:00Uhr ist und man am geplanten Campingplatz nur bis 19:00 Uhr einchecken kann, skippen wir das. Kurz machen wir ein paar Fotos mit der Drohne, die meckert etwas, weil das militärisches Sperrgebiet ist und wir haben kurz Sorge, das die Panzerhaubitzen auf dem Parkplatz zum Einsatz kommen, die Soldaten interessiert das aber überhaupt nicht.

Von dort fahren wir nur noch kurz bis Saint-Paul-sur-Ubaye und bauen unsere Zelte auf dem Camping Municipale Bel-Iscle auf. Ein einfacher Campingplatz, der günstigste auf der ganzen Route bis jetzt (17€ für alle inklusive Strom) in einem überwältigendem Bergpanorama. Egal in welche Richtung des Platzes man guckt, man guckt auf Berge. Direkt oberhalb ist ein kleines Restaurant das eine Mischung aus Pizza, Pasta und regionalen Gerichten verkauft, wir sitzen auf der Terrasse und gucken der Sonne beim Verschwinden hinter den Bergen zu. Und merken dabei: wir müssen uns auf eine sehr kalte Nacht einstellen. Der Ort liegt ungefähr auf 1500m und der klimatische Unterschied in den französischen Seealpen im Gegensatz zur italienischen Küste war auf der Hinfahrt schon spürbar (vielleicht auch einer der Gründe, warum wir keine CoolDowns brauchten, das Auto freut sich halt wenn der Asphalt keine 60 Grad abstrahlt) und ist ab dem Moment, wo die Sonne nicht mehr ins Tal scheint aber schon fast krass.

Ein Gedanke zu “Tag 11 – der Tag, an dem wir dem französischen Militär das Kriegspielen versaut haben

  1. Wenn man damit doch nur Geld verdienen könnte und solche Touren stets und ständig machen könnte……. Hach ich wäre sofort dabei!

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