Von Camping Carajuan bis Grenoble
Gefahrene Kilometer: 378
Roadtime: 12 Stunden
getankt: 37 Liter
1x Sightseeing, 1x Einkaufen, 1x tanken, 1x Pipi, 1x Napoleon
Zunächst: nachdem wir in Sospel ja die Nacht in einem schimmeligen Bett verbracht haben und die Gastgeberin unsere Rückerstattung abgelehnt hatte (wir haben 70€ von 122€ gefordert), haben wir den AirBnB-Customerservice eingeschaltet. Wir haben ihm die Bilder der Matratze geschickt und darüber hinaus noch auf falsche Angaben in der Bewerbung des AirBnBs hingewiesen. So gab es keinen Parkplatz auf Privatgelände, auch die stufenlos zugängliche Wohnung und alle Räumlichkeiten ist mit zwei Stufen in den Badbereich gelogen. Innerhalb von weniger als einer Stunde hatten wir die Rückmeldung, dass sie unsere Beschwerde als gerechtfertigt betrachten und uns 79€ zurückerstatten. Damit haben wir die AirBnB-Gebühren bezahlt sowie die angesichts des Staubs auf den Möbeln und Küchengeräten recht hoch angesetzte Reinigungspauschale bezahlt sowie einen Euro Miete für die Nacht. Damit können wir leben. Zeitgleich mit der Mitteilung der Rückerstattung kam die Mitteilung, dass die Gastgeberin eine Bewertung für mich als Gast geschrieben hat, noch habe ich meine Bewertung nicht geschrieben, diese schaltet die andere frei. Ich bin neugierig.
Unser Plan für heute ist eigentlich einfach und simpel: wir starten easypeasy in den Tag, fahren auf wahrscheinlich recht unspektakulären wegen auf der Route Napoleon, biegen einmal kurz ab nach Süden um die Stadt Sisteron zu besuchen, ziehen dann durch bis zu unserem geplanten Campingplatz. Alles in allem ist das als entspannter und relaxter Tag geplant. Aber wie das häufig so ist mit Plänen, erst im Praxistest zeigt sich, ob sie standhaft bleiben können.

Easypeasy in den Tag starten bekommen wir hin, das klappt ganz gut. Nachdem der ganze Morgenkram erledigt ist, hat auch die Sonne das Zelt einmal gut durchgelüftet und die Feuchtigkeit vom gestrigen Regen sowie das Kondenswasser der Nacht weggetrocknet. Also packen wir zusammen, verzurren alles im Auto und machen uns auf den Weg. Es dauert eine Zeit, bis die freundliche und ortskundige Dame im Radio zu uns stößt, der Canyon verhindert eine ordnungsgemäße Verbindung zu ihr. Erst bei Castellane können wir mit ihr den Plan für den Tag vereinbaren.
Von dort geht es über die D4085 nordwärts. In bequemen Schwüngen geht es den Berg hinauf zum Col des Leques, immerhin bis auf 1148 Meter Höhe. Davon merken wir nicht viel, um uns herum ist Wald, die Bäume schränken die Sicht stark ein. Es ist aber ein guter Auftakt, die Straße hat diesen angenehmen Flow der nicht zum Rasen sondern zum gemütlichen Cruisen einlädt. Es ist eh nur 80 erlaubt, durch die Vielzahl an Kurven liegt man eher drunter, die Fahrbahn ist breit und bietet genug Platz für alle. Eine Strecke zum Zurücklehnen.

Ab der Ortschaft La Tuilière weist uns die L´Asse de Blieux den Weg. Aktuell nur ein schmales Rinnsal in einem gigantischem Bett aus Geröll. Aber eben jenes zeugt davon, was hier im Frühjahr zur Schneeschmelze los sein muss. Über Kilometer und Kilometer folgen wir der weiträumig gut ausgebauten Straße, im Radio läuft meine Alltime-Autofahr-Playlist (HipHop wird heute aber weggedrückt), die Fenster schließen die Hitze aus und die Klima gibt ihr bestes für eine gute Wohlfühltemperatur. Bis hierher funktioniert der Plan.
Hinter Chateauredon überqueren wir den Fluss und fahren über den Col de l´Orne. Die Pässe sind insgesamt ziemlich unspektakulär, es sind nur noch Bergkuppen, über die die Straße hüpft. Häufig bemerken wir sie nur anhand kleiner Schilder am Straßenrand. Sie spielen auf der Route Napoleon im Großen und Ganzen eine völlig kleine Rolle. Um nicht zu sagen, eigentlich keine Rolle.
Es geht durch Digne-les Bains, neben uns jetzt der Fluss Bleone, ebenfalls so ein Frühjahres-Monster das jetzt im viel zu großen Bett chillt. Ab hier ist die D900 unter unseren Reifen, Um uns herum ist viel landwirtschaftlich genutzte Fläche, die Berge sind zwar in alle Richtungen noch zu sehen aber aktuell in den Hintergrund gerückt. Kurzer Aufstieg in ein paar Wälder, über den Col du Labouret, immer nur kurz ausgebremst durch die Geschwindigkeitsbegrenzungen in den Ortschaften.
So geht das bis Selonnet und der adaptive Tempomat ist heute mein guter Freund und macht einen Großteil meiner Arbeit. Der weil überlegen wir – also Fabi recherchiert und schlägt vor und ich kommentiere – was es denn in Sisteron kulinarisches für uns geben soll. Entspanntes Cruisen macht nämlich auch Hunger und nach Nudeln mit Pesto und alternativ Pommes die letzten beiden Tage steht uns der Sinn nach etwas Leckerem.
Umso überraschter sind wir, als wir bei Selonnet auf eine Planänderung stoßen. Wir verlassen die D900 und fahren weiter über die D900C. Das Aspahltband wird immer schmaler, stellenweise grade einmal 3,8 Meter breit, der Belag ist nur noch auf dem tiefen Balkan als gut zu bezeichnen. Löchrig, wellig, in alle Richtungen kippend und rau und rubbelig. Von jetzt auf gleich ist aus gemütlichem Cruisen wieder anspruchsvolles Bergfahren geworden. Denn es geht nach oben, die Landschaft wird immer karger und um uns herum türmen sich beeindruckende Felsen und Berge auf. Kein anderes Fahrzeug weit und breit, nur die immer wieder offensichtlich vor kurzem erst runtergekommen Felsbrocken auf der Fahrbahn machen uns etwas Sorge. Klar ist, wir werden hier nicht anhalten. Klar ist aber auch, dass was grade um uns herum an Landschaft sich auftürmt, ist atemberaubend. Wir bekommen noch einmal richtig großartige Berglandschaft geschenkt. Und nehmen dieses Geschenk und die damit verbundene Planaänderung dankbar entgegen.



Irgendwann wird die D900C zur D1. Das bedeutet nicht, dass wir es jetzt mit einer stattlichen Landstrasse zu tun haben. Ihre Breite ist zwischenzeitlich deutlich unter 3 Metern, es geht zwischen Feldern und Bergen langsam runter ins Tal um bei Rochebrune auf die D56 zu treffen. Dabei überqueren wir ein seltsames Gebilde: so etwas wie ein Fluss, ziemlich groß, sehr viel Wasser. Beidseitig in Beton eingekleidet. Wie ein Wurmfortsatz schlängelt sich dieses Gebilde vom See La Durance Richtung Westen um unterhalb von Rochebrune einfach aufzuhören. Wir sehen nirgendwo Einrichtungen für Schiffahrt was bei einem Kanal ja üblich wäre. Eine Recherche im Nachhinein bringt auch nur den Namen, Canal de Curban, aber nicht seinen Zweck als Ergebnis. Wir finden uns damit ab, nicht alles wissen zu können.

Bei Tallard wenden wir uns noch einmal Richtung Süden. Nicht ganz auf unserer Route aber wegen schöner Altstadt und Citadelle besuchenswert ist Sisteron. Wir schalten den Autobahnmodus an und sind flott dort. Durch die Altstadt folgen wir den Schildern zum Parkplatz an der Zitadelle und finden in den grade mal gut zwanzig Parkboxen sogar einen Platz. Der kostenfrei ist. Vollkommen unglaublich, direkt neben einer Sehenswürdigkeit einfach kostenfreie Parkplätze zu haben. Unten in der Stadt war alles kostenpflichtig.

Wir laufen das letzte Stückchen durch die Hitze zur Burg hoch, entrichten unseren Obulus und vergewissern uns nochmal, dass der Parkplatz wirklich kostenfrei ist. Und dann geht es durch die Burg. Sie ist sehr verwinkelt, in diversen Jahrhunderten immer wieder ausgebaut und erweitert worden und bietet vor allem eines: einen tollen Ausblick auf die Altstadt. Außer einer kleinen Ausstellung mit Zeichnungen, die Napoleon in diversen Situationen und mit diversen Menschen darstellen sowie einer Kutschensammlung gibt es auf der Burg selber aber nicht allzu viel zu sehen.

Entsprechend machen wir uns auf den Weg in die Altstadt, streifen durch die mittelalterlichen Gassen und Treppen auf der Suche nach etwas zu essen. Denn der Plan sagt: in Sisteron gucken wir uns die Burg an und betreiben ein wenig Völlerei. Um die Mittagshitze auszusitzen. Und unser Magen sagt, es könnte ruhig ein bisschen was Nettes reinkommen. Die Frnzos:innen aber sagen: warme Küche erst ab 19:00 Uhr. Und das egal ob Restaurant, Frittenbude oder Falafel-Laden.



Ein bisschen sind wir enttäuscht, der Stimmung tut das aber noch keinen Abbruch. Es wird doch im weiteren Verlauf des Weges sicherlich noch etwas zu Essen geben. Vor 19:00 Uhr. Also streifen wir noch ein wenig durch die Altstadt, klettern dann wieder zum Parkplatz unterhalb der Zitadelle hinauf und retten uns in die Vollklimatisierung des Autos. Bis zum Abbiegepunkt nehmen wir diesmal die Autobahn, die Landstraße verlief parallel und war megalangweilig, ab Tallard sind wir wieder auf der Route Napoleon.
Wir fahren durch Gap, überqueren den Col Bayard und halten in Saint Bonnet-en-Champsaur um kurz einzukaufen. Außerdem ist dort eine Statue für die Route Napoleon, die nehmen wir natürlich mit. UND es gibt ein, zwei Restaurants die laut Internet auf haben. Im Intermarche versorgen wir uns mit ein paar frischen Sachen für einen Bauernsalat für Abends, anschließend fahren wir das erste Restaurant an. Es hat auf – warme Küche gibt es nicht. Auch bei den anderen nicht. Die Stimmung gerät so langsam auf die schiefe Bahn, auch die nur mäßig überzeugende Statue kann das nicht retten. Unser Plan zur Energieversorgung ist also in die Binsen gegangen, es muß dringend etwas essbares in uns Beide und Snacks werden nicht ausreichen.

Also muß ein Notfallplan her. Einer jener Sorte, die eigentlich nicht denkbar ist aber auf internationale Standards der fast durchgehenden Essenversorgung zurückgreift. Er ist nicht gut, er wird aber 100% funktionieren. Zurück im Auto starten wir den Motor, wenden und fahren in einem immer stärker werdenden Unwetter – es regnet stark, blitzt regelmäßig und stürmt heftig – 25 Minuten in die Richtung, aus der wir grade gekommen sind bis Gap. Dort kehren wir im Restaurant zur goldenen Möwe ein, es gibt Menus für uns beide und mit irgendwie sattmachenden Füllstoffen im Bauch sind wir auch wieder in der Lage, klar zu denken.

Das Unwetter verspicht sich bis in die Nacht zu ziehen, Regen, starke Winde und vor allem Gewitter. Umstände, unter denen wir nur sehr ungerne im Dachzelt schlafen wollen. Unser geplanter Campingplatz ist gut 1,5 bis zwei Stunden vor unserem Stop für morgen, der Stadt Grenoble. Uns erscheint es am sinnvollsten, zu checken, ob wir schon eine Nacht eher ins Hotel können – es geht – und dann bis dorthin durchzuziehen.

Gedacht, getan. Mit sehr guter Laune klemmen wir uns wieder auf die Route Napoleon und fahren mit lauter Musik in den Boxen durch das Unwetter bis nach Grenoble. Die Straße ist wunderbar, genau das richtige für so einen Mammuttag, abwechslungsreich, nett zu fahren, mit regelmäßigen schönen Aussichten.

Kurz vor Grenoble bei Laffrey ist jener Ort, an dem Napoleon den verbleibenden Royalistenentgegen trat und sie mit einer schicken Rede (sinngemäß sowas wie „Soldaten! Erkennt Ihr mich? Wenn es unter Euch einen gibt, der seinen Kaiser töten will, hier bin ich!“) die Soldaten für sich gewann und dadurch Grenoble quasi ohne Kampf erobern konnte.


In Grenoble angekommen stellen wir fest, dass unser Auto mit Dachzelt auf keinen Fall in die Tiefgarage des Hotels passt. Also entladen wir alles, was wir brauchen inklusive Küchenkiste (wir haben ja schließlich für den Bauernsalat eingekauft), tragen es hoch aufs Zimmer und machen uns auf die Suche nach einem passendem Parkhaus. Grenoble ist auf Platz Zwei der Verbrechensstatistik in Frankreich, zwar vor allem wegen Banden- und Drogenkriminalität und auch vor allem wegen Taten in den Banlieus (wir sind mitten in der Altstadt), das Auto am Straßenrand mit all dem Equipment darin, stehen zu lassen kommt aber nicht in Frage.

Nach einigem Suchen und vergeblichen Anfahren einiger Parkhäuser, finden wir in der Nähe des hauptbahnhofes 20 Gehminuten vom Hotel ein Parkhaus das hoch genug ist, komplett mit einem Tor verschlossen und gut ausgeleuchtet. Nehmen wir, parken das Auto und laufen durch die Nacht zurück zum Hotel. Dort machen wir den Bauernsalat, essen und snacken noch ein bisschen um dann direkt totmüde ins Bett zu fallen.

Was für ein Tag! Ich kann förmlich mitfühlen, wie die Stimmung abhängig vom Futterfüllstand und den Umständen steigt & fällt 😜…Schön, dass wir teilhaben können 😊
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