Tag 9 – Mountains, Digger. Mountains.

von Hetta (Luxury Cabins) nach Alta (Camping Solvang)

gefahrene Kilometer: 237

Roadtime: 5,25 Stunden

Temperatur: von -8 über -11 bis -7 Grad

23l getankt (aus Versehen nur 95 Oktan, das verzeiht uns der B20 hoffentlich)

2x Foto- und Drohnenstops, 1x Trink und Fotostop, 1x Supermarktstop, 1x Pipi mit Foto und 1x Pipi mit Drohne

Reparaturen: keine (somit steht es aktuell: Finnland 2 / Likedeeler 1)

Der Tag beginnt mit Sonne. Wir hätten das kaum für möglich gehalten, aber es gibt ernsthaft blauen Himmel und Sonnenschein im skandinavischen Winter. Wir fassen es nicht. Ganz gemütlich stehen wir auf, machen uns fertig und frühstücken mit wundervollem Blick auf in der Sonne glitzernden Schnee. Anschließend machen wir noch einen Spaziergang auf den See von gestern Abend und sammeln ein bisschen Sonne zum Synthetisieren von etwas Vitamin D. Leider deutet sich in der Ferne bereits eine neue Schneefront an – und zwar genau aus der Richtung in die wir gleich fahren.

Hilft ja alles nix, wir satteln die Pferde. Der Volvo ist dank Vorheizer und Innenraumheizung angenehm warm, aus den Lüftungsdüsen strömt sofort warme Luft und er springt ohne Choke unmittelbar an. Das Ganze bei -7 Grad, außerdem stand er die ganze Nacht im Wind. Bereits gestern haben wir ja gelernt: das kühlt das Auto vielleicht noch mehr aus, dafür muß man keinen Schnee vom Auto schippen. Wir starten auf der 93 Richtung Norden, es sind nur noch 20 km bis zur finnisch-norwegischen Grenze. Unsere Playlist stimmt genau jetzt „The Final Countdown“ an, wir hoffen, dass das kein schlechtes Omen ist. Immerhin hatte Matthias bisher immer in Finnland eine Panne und bis jetzt lief es eigentlich ganz gut. Die 93 geht stetig bergauf, nicht dramatisch, aber man merkt langsam aber sicher die Höhenmeter. Ein paar Schilder, ein einzelnes Räumfahrzeug, das wirklich exakt bis zur Grenzlinie räumt, menschenleerer Grenzübergang (bei Kautekeino) und wir sind in Norwegen. Die 93 heisst ab hier E45 und abgesehen davon, dass der Mittelstreifen jetzt gelb an Stelle von weiß ist, ändert sich nix. Strassenbeschaffenheit, Räumstatus, alles wie vorher. Nebenbei: der gelbe Streifen macht bei Schnee richtig viel Sinn. Ist nämlich deutlich besser zu sehen und bietet somit wesentlich mehr Orientierung als die weißen Streifen (wenn vorhanden und/oder sichtbar) in Schweden und Finnland. Wie auch immer, erstmal gibt es ein dickes HighFive darauf, Finnland ohne Panne verlassen zu haben. Zum ersten Mal!

Die Landschaft ändert sich schlagartig. Säumten in Finnland noch große Nadel- und Laubbäume die Straßenseiten, so wachsen hier nur noch sehr niedrige und in kleinen Gruppen auf offener, tundraartiger Fläche beisammenstehende Birken. Dadurch ist die Landschaft sehr offen und wir haben einen weiten Blick den wir in der schwindenden Sonne auch genießen. Durch die offene Landschaft lernen wir aber ein neues Phänomen kennen: sprachen wir bisher von Schneewehen am Straßenrand so meinten wir kleine Schneehaufen an den Räumkanten. Hier ist es anders, denn der Wind schiebt den Schnee vor sich her, insgesamt scheint er dadurch neben der Straße nicht mehr so hoch zu liegen, also nur noch gut 1 Meter. Leider sind die Straßenflächen entsprechend hervorragende Sammelpunkte für den Schnee und so türmen sich hier Schneewehen von beachtlicher Tiefe auf. In sie reinzufahren hat den gleichen Effekt wie Aquaplaning, es verreißt einem das Lenkrad. Entsprechend vorsichtig fahren wir, meist nur irgendwas zwischen 60 und 80 km/h, von hinten kommende Einheimische lassen wir an der ersten sicheren Stelle durch Lichtsignale überholen. Wir haben keinen Stress und wollen auch keinen haben weil uns jemand eilig im Nacken sitzt. Außerdem sind gefühlt überall Rentiere. Einzelne, die sich große Löcher in den Schnee gebuddelt haben und nach Essbarem suchen, ganze Herden die sich gemütliche (??) Nester in den Schnee gebuddelt haben und gemeinsam chillen. Nicht jene hinzugezählt, die in den Gattern stehen. Die frei lebenden Tiere zu sehen ist spannend und beeindruckend, da versuchen wir auch jedes Mal für einen Blick in Ruhe anzuhalten.

Es geht sanft immer weiter hoch, die Landschaft ist nach der offenen Weite immer mehr von Hügeln und kleineren, rundlichen Bergen geprägt. Wir erklimmen die nördlichen Ausläufer der Skanden, einem Gebirge, dass die skandinavische Halbinsel von der norwegischen Skagerrak-Küste im Süden bis zum Nordkap auf insgesamt 1700 km Länge durchzieht. Der schwedische Name dieser Bergkette ist Fjällen, nicht zu verwechseln mit der Bezeichnung Fjell, die die Schweden für Hochgebirge im Allgemeinen aber auch für Bergtundren verwenden. Geologisch betrachtet sind die Skanden nichts weiter als der Blechschaden eines Auffahrunfalls: irgendwann im Zeitraum von vor 440 bis 390 Millionen Jahre schepperten die Kontinentalplatten von „Ur-Nordamerika“ und „Ur-Europa“ zusammen, unter anderem die Vorläufer der Skanden entstehen aus der Knautschzone. Durch Erosion werden sie im Laufe der Jahrmillionen nach und nach abgetragen und wieder eingeebnet. Die so deformierte Erdkruste hebt sich dann im Tertiär erneut und die heutigen Skanden entstehen. Über die Ursache dieser Hebung streiten sich die Wissenschaftler, die einen interpretieren die Skanden als Riftschulter des Nordatlantik-Rifts, die anderen vermuten eine isostatische Hebung die aus einer moderaten Aufheizung und einem daraus folgenden Dichteverlust in der deformierten Kruste resultiert. Als Wärmequelle wird Island vermutet. Wir wissen dazu nur zwei Dinge: wer das Terra X-Format Faszination Erde von Dirk Steffens geguckt hat (unbedingte Empfehlung!) weiß, es sind immer Vulkane. Und sollte Dirk Steffens nicht recht haben, dann sind diese Berge das Ergebnis der Detailliebe von Slartibartfaß.

Wie auch immer, Berge sind fett. Mit Schnee erst recht und wenn dann noch jemand befahrbare Wege und Straßen durch die Berge gebaut hat, dann sind wir in love.Die E45 schlängelt sich spektakulär durch die Bergketten, es geht rauf, runter, links und rechts. Gesäumt wird das Ganze von schroffen Felsen, harten Abbruchkanten, einem Fluss auf dem sich die Eisschollen stapeln, Schnee, der versucht die komplette Szenerie weich zu zeichnen und leider viel zu wenig Haltemöglichkeiten für Fotos. Unglaubliche Bilder von denen wir die meisten deswegen im Kopf haben, Fotos aus fahrenden Autos geben in der Regel nicht das Gesamtszenario wieder.

Ab Máze wird es auch zum Laufen zu glatt. Wir überlegen, ob wir die Schuhspikes auspacken, schaffen die kurzen Distanzen aber noch so, entsprechend bleiben sie erst einmal verstaut. Unsere Außenaufenthalte sind heute eh von kurzer Natur, körperliche Bedürftigkeiten erledigen, spektakuläre Landschaft fotografieren und wieder zurück ins Auto. Irgendwie fühlt es sich heute deutlich kälter an, obwohl es das laut Thermometer überhaupt nicht ist. Die Eisschicht auf der Straße ist auch stärker geworden und wir sind dankbar für unsere Autospikes.

Dank relativ wenig Wind und relativ wenig Schneefall lässt Matthias dreimal die Drohne steigen, um einige Fotos und Videos zu machen. Die veränderte Perspektive von Luftfotografie ermöglicht andere Blicke auf die Landschaft und zeichnet die Menge an Winter auch noch einmal umfassender als aus der Auto – und zu-Fuß-Perspektive. Und mit vorgewärmten Akkus ist sogar einige Minuten Flugzeit drin. Große Experimente trauen wir uns dann aber doch nicht zu, wir wollen die geliehene Drohne nicht verlieren. Am See Trangdalsvatn findet einer der Drohnenflüge statt. Der See ist gesäumt von steilen Berghängen auf denen kleine Hütten verteilt sind. Fast jeder Parkplatz an der Straße ist mehrfach mit Fahrzeugen mit großen Anhängern belegt. Die Norweger:innen transportieren ihre Skidoos hierhin und fahren dann mit diesen hoch zu ihren Hütten. Über der Straße liegt immer wieder der Duft von Kaminen und geräuchertem (geflammtem) Fisch. Auf dem See sehen wir Menschen eisfischen. Das Landschaftsschutzgebiet Goskamark durch das wir fahren scheint so etwas wie der Rückzugsraum und das Naherholungsgebiet der Menschen aus und um Alta zu sein. Es gibt wirklich hässlichere Orte um abzuspannen.

Der Abstieg aus den Bergen ist im Gegensatz zur sanften Auffahrt mit weichgewaschenen Berghügeln fast brutal. Entlang des Flusses Altaelva stürzt sich die Straße durch die vom Fluss gegrabene Schlucht an den Bergen Hellefjellet und Peskafjellet. Der Bergbau in dieser Region ist neben Tourismus, Fischfang und fischverarbeitender Industrie einer der Hauptwirtschaftszweige. Abgebaut wird vor allem Kupfer und Quarzit. Das 600 Millionen Jahre alte Alta-Quarzit hat eine lange Exporttradition und kann zum Beispiel am Flughafen von Tokyo bewundert werden. Optisch zwar sehr ähnlich, auch weil es in Platten abgebaut wird, ist Alta-Quarzit kein Schiefergestein, sondern ein Glimmerquarzit, das äußerst hart und abriebfest und oben drein auch noch frostsicher ist. Deswegen findet es vor allem Verwendung als Bodenplatten, Wandverkleidungen und als Treppenstufen.

Angeregt vom Duft der gegrillten Fische suchen wir uns ein Restaurant in Alta raus und schmeißen unsere ursprünglichen Essenspläne über Bord. Vor Ort revidieren wir dann aber wieder, die Karte ist sehr überschaubar und macht uns nicht wirklich an. Preise ab 35 € aufwärts – und optisch ist der Laden kein HighClass-Restaurant, sondern hat eher Bar/Bistro-Charme – unterstützen unsere Entscheidung. Also fahren wir zu unserem Zwischenstop für heute Nacht, Camping Solvang. Wunderbar direkt am Fjord gelegen, die Fotos sahen ganz okay aus. Erster Eindruck: bevor man zur Rezeption kommt, muss man an der Campingplatzkirche vorbei. Schon seltsam. Von einem nur mäßig motivierten jungen Angestellten bekommen wir den Schlüssel zu unserer Hütte. Wir fahren hin, es gibt anders als beschrieben keinen richtigen Parkplatz, von Stromanschluss brauchen wir gar nicht erst sprechen. Die Hütte ist – einfach. Sie mit Jugendherbergsstandard zu vergleichen würde jede Jugendherberge in der wir jemals waren beleidigen. Ein adäquater Vergleich wäre Trailerpark. Das innere unserer Hütte hat tatsächlich den Charme von White-Trash-Trailerparks in amerikanischen Filmen. Inklusive mit weißem Pulver verschmierter Feinwaage auf dem Schrank. Super. Nicht. Es ist ansatzweise sauber, das Geschirr und die Töpfe müssen trotzdem vor Nutzung noch einmal gespült werden. Das wir hier 7 € mehr bezahlen als in der Hütte gestern Abend macht unsere Begeisterung nicht größer. Das die Hütte nicht vorgeheizt ist, setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf.

Wir machen noch eine Runde über den Campingplatz zum Fjord, hier stehen einige Expeditionsmobile, halbe, rollende Eigenheime mit guter Geländetauglichkeit. Einige haben Aufkleber für eine Tour in die Mongolei auf den Türen. Das hat Matthias ja auch noch vor. Allerdings nicht im allradgetriebenen Palast, denn das kann ja jede:r, sondern mit einer motorisierten Handtasche. Nach dem Spaziergang gibt es Spaghetti Bolognese, gekocht auf einem Steckdosenherd, der mehr schlecht als recht kocht. Wir kommen auf dem Rückweg vom Nordkap ja noch einmal in Alta vorbei, wir werden uns definitiv eine andere Übernachtungsmöglichkeit suchen. Leider gibt es das super AirBnB vom Winter BSC 2019 nicht mehr.

Spontan brechen wir nach dem Essen noch einmal auf, um etwas raus zu fahren. Am Himmel sieht man Sterne, nur vereinzelt Wolken. Die Aurora-App sagt, dass eine 25%ige Wahrscheinlichkeit für Polarlichter besteht. Die Chance wollen wir nach tagelang bedecktem Himmel natürlich nutzen. Etwas nördlich von Alta ist eine kleine Landzunge mit einem Parkplatz, dort fahren wir hin. Leider ziehen natürlich wieder Wolken auf, bis der gesamte Himmel komplett bedeckt ist. Wir genießen trotzdem die Nachtluft und spielen mit Langzeitbelichtungen rum. Anschließend geht es zurück in unsere Hütte, morgen wird ein langer Tag.

2 Kommentare

  1. starke Bilder, schöne schroffe Schnee-Landschaft.

    Auch wenn die Hütte mies ist, lasst euch nicht ärgern,
    genießt eure Zeit und seid bedankt für die allabendliche Unterhaltung.

    es macht Spass mit euch „gemeinsam unterwegs zu sein“ – gute Nacht

    Gefällt 1 Person

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