Tag 11 – Okay. Wir sind fertig.

von Honningsvåg (AirBnB) bis Alta (Altafjord Gjestegaard)

gefahrene Kilometer: 292

10 Stunden Roadtime

Temperatur: -5 über +3 (am Grund des Nordkaptunnels) zu -8 am Nordkapp bis -20 Grad ab der Gegend um Skaidi

getankt: 28,2l

1x Pipi&Fotopause, 1x Pipi&Tankpause, 1,5h Nordkap, 2h Essen in Alta

Reparaturen: spontane Selbstheilung des Vergasers (wieder), Warnblinklicht, Kofferraumklappe

Wir starten früh aber entspannt in den Tag. Wir wollen unsere daily morning routine ganz in Ruhe abspulen und ganz in Ruhe zum Nordkap aufbrechen. Sollte heute ja wohl klappen mit dem Konvoi. Dank der supernetten Hosts unseres AirBnB hatten wir eine Stromleitung für den Volvo liegen und entsprechend vorgewärmt sind Innenraum und Motor. Ein bisschen Schnee muss dennoch entfernt werden, vor allem um diesen nicht während der Fahrt zu verlieren und Autos hinter uns auf die Motorhaube zu schütten. Das macht man nämlich nicht. Bevor wir losfahren beschäftigen wir uns noch ein wenig mit der Geschichte Honningsvåg, wir hatten den Verdacht, dass die Stadt nicht erst seit dem Kreufahrttourismus zum Nordkap existiert. Das Städtchen mit aktuell knapp 2500 Einwohner:innen lebt heute hauptsächlich von Fischerei, Fischverarbeitung und Tourismus. Täglich legen hier die Hurtigrouten an, im Sommer noch zusätzlich eine Vielzahl an Kreuzfahrtschiffen. Regelmäßig von Linienschiffen wird der Haufen seit 1869 angelaufen, 1902 wird eine Straße zu dem Ort gebaut. Sie wurde erstmal als unnütz betrachtet, man hatte doch schließlich Schiffsanbindung. Honningsvåg entwickelte sich zu einem relevanten Hafen mit florierender Fischereiindustrie vor allem auch, weil es neben logistischen Hafenangeboten auch soziale Angebote vom Arzt über Hotels und Gastronomie bis hin zu Schiffshandel vorhielt. Selbst über die Krise der 1920er und frühen 1930er Jahre kam Honningsvåg relativ ungeschoren, viele Seeleute heuerten auf englischen Fischtrawlern an und konnten so der grassierenden Arbeitslosigkeit entgehen. Gegen die deutsche Invasion wehrten sich die Anwohner:innen selbstorganisiert, unterlagen aber. Die Wehrmacht baute Honningsvåg zu einem Stützpunkt mit 5-800 Soldaten aus plus russischer Kriegsgefangener und als sie gegen Ende des Krieges abzogen, setzten sie Hitlers Rückzugsplan der verbrannten Erde um und vernichteten die gesamte Stadt bis auf die Kirche. Ab Juni 1945 begannen erst fünf, später mehr Menschen mit dem Wiederaufbau und dank einer staatlichen Entscheidung, Honningsvåg zu einem Hafenschwerpunkt auszubauen, wächst und gedeiht der Ort wieder. Mit diesem Wissen im Hinterkopf, vor allem dem um die vollständige Schleifung der Stadt, macht es uns um so demütiger, fast 80 Jahre später das große Privileg zu besitzen, frei und unkontrolliert und ohne bedroht oder gehindert zu werden durch Europa, sogar durch weite Teile der Welt, reisen zu können. Hoffen wir, dass das so bleibt, und hoffen wir, dass territoriales Anspruchsdenken die Menschheit nicht wieder an den Abgrund führt.

Wir fahren los Richtung Kreuzung Skarsvåg und plötzlich klingelt das Telefon mit einer norwegischen Nummer. Am anderen Ende ist die Betreiberin des Campingplatzes, auf dem wir die vorletzte Nacht verbracht haben. Die überteuerte Hütte mit Drogenequipment. Sie entschuldigt sich für den Zustand der Hütte und beteuert, dass dies nicht der Regelzustand wäre, sie heute morgen bereits ein Teammeeting einberufen hätte, um noch einmal allen die Vorgaben zu erläutern. Sie äußert, dass sie es bedauert, dass eine unserer Urlaubsnächte in die Hose gegangen sei und bietet uns einen Refund an mit der Bitte, den Part mit den Drogenutensilien aus unseren Bewertungen bei booking und bei GoogleMaps zu löschen. Nicht die gesamte Bewertung, nur den Drogenpart, da sie bereits Kontakt mit der Polizei aufgenommen hat und diese Ermittlungen anstellen wollen und unsere Bewertungen diese stören könnten. Wir sagen das zu und löschen die ganze Bewertung. Das ist einfacher und tatsächlich finden wir, auch wenn der Abend und die Nacht Mist waren, dass hier jemand Verantwortung übernimmt und sich entschuldigt. Und das hat auch einen Wert.

Die Straße zum Treffpunkt ist schon wieder sehr leer, wir witzeln, ob wir wieder die Einzigen und wieder umsonst da sein werden. Ein paar Kehren später sehen wir den Konvoitreffpunkt vor uns und sind beruhigt – wir sind diesmal wenigstens nicht die Einzigen, die umsonst da sind. Wir reihen uns ein und direkt vor uns stehen zwei Vespaisti. Wir haben die beiden kurz vor dem Nordkapptunnel gestern Nachmittag überholt. Also kurz bevor der Schneesturm anfing. Wir haben die beiden gestern Abend bereits gefeiert und als wir sie hier wiedertreffen, springt Matthias mit „You guys are so crazy“ aus dem Auto, rennt zum Kofferraum und holt eine der beiden „Bestechungs- und Dankeschön“-Jägermeister aus dem Kofferraum und gibt sie den beiden. Ein bisschen Respekt für ihre Leistung und etwas, um abends wieder warm zu werden. Als Edger:innen wäre der Jägermeister auf Dauer eher unnötiger Ballast – und bisher läuft es ja ganz gut für uns;) Natürlich schnacken wir mit den Vespaisti, die aus Spanien bis hierher gefahren sind. Unglaubliche Tour. Bei einer der beiden Vespa ist die Kupplung durch, es wird geschraubt, angebotene Hilfe nicht benötigt, Werkzeug auch nicht, Vespa-Kupplungen haben wir zufällig nicht dabei. Irgendwie bekommen die beiden die Vespa noch zum Laufen. Wir schnacken derweil noch mit zwei Kastenwagen-Selbstausbauer:innen aus Hürth, die mit Hund gerade auch drei Wochen durch Skandinavien fahren. Die Wartezeit vergeht wie im Flug. Apropos…

Als der Konvoi mit einem Schneepflug vorne raus losfährt, haben wir wieder strahlenden Sonnenschein. Keinen Wind, keinen Schneefall. Die Straße macht den Eindruck, als wenn der Schneeschieberkonvoi nicht wirklich notwendig gewesen wäre, da war gestern der Weg bis zum Treffpunkt im Schneesturm deutlich spannender. Nichts desto trotz zeigt ja gerade gestern Abend, wie schnell sich das Wetter hier auch von jetzt auf gleich ändern kann und deswegen meckern wir nicht rum – ist ja alles für unsere Sicherheit. Oben am Nordkap machen wir Fotos vorne am Globus – quasi DEM Nordkapmotiv. Schneller Entschluss von Matthias: ich hole das Auto zum Globus. Gerade angekommen und zwei, drei Fotos gemacht, kommt ein Mitarbeiter des Besucherzentrums und macht freundlich aber sehr bestimmt klar, dass dieser Bereich nicht für Autos vorgesehen ist. DAS konnte ja niemand ahnen. Also freundlich entschuldigt und wieder auf den Parkplatz gefahren. Anschließend noch ein persönliches Sorry – in seiner Eile das Auto des Globusses zu verweisen, ist der junge Mann nämlich im Pulli raus. Bei sommerlichen -8 Grad. Im folgenden Gespräch wird klar, dass wir nicht die Einzigen sind, die auf diese Idee kommen und dass nicht alle so vorsichtig dahin fahren bei sehr wenigen anwesenden Menschen, sondern schon auch mal durch die Menschenmenge ballern. Und dann schnell wieder wegfahren, wenn sie angesprochen werden. Außerdem erfahren wir, was „Not today“ von gestern bedeutet: wenn zu starker Schneefall ist, hat die Nordkap-Straße die allerletzte Priorität, die Räumfahrzeuge haben schlicht und ergreifend andere Aufgaben. Und da wird für ein Touristen-Auto mit Insass:innen, die dumm genug sind, bei dem Schneefall noch rauszufahren, halt kein Konvoi gemacht. Das entscheiden die Schneepflugfahrer:innen selbst und in der Situation. Verstehen wir.

Für die „Nordkap-Expedition“ haben wir unsere Snowboardanzüge ausgepackt. Die hatten wir gestern Nacht schon an und auch wenn wir aussehen wie ein Zebra auf LSD und ein Müllmann auf dem Weg in den Krieg (saisonalem Schlussverkauf und Restposten aus nicht so gut gegangenen Farbkombis sei Dank), die Dinger sind sauwarm. Gut, um damit eine Zeitlang draußen rumzuspringen. Allerdings auch etwas sperrig und offensichtlich nicht dafür konzipiert, sich hinter das riesige Lenkrad eines 70er-Jahre-Autos zu quetschen. Und tatsächlich so warm, dass wir ein bisschen eingehen. Wir wechseln noch im Besucherzentrum auf unsere normale Kleidung die wir drunter getragen haben. Die Anzüge verpacken wir aber noch nicht, vielleicht brauchen wir sie die Tage ja nochmal.

Um 13:00 Uhr geht der Konvoi zurück und wir machen uns anschließend direkt auf die Rückfahrt nach Alta. Gleicher Weg wie gestern, durch andere Tageszeit, andere Richtung und anderes Wetter völlig andere Ausblicke. Krass, wie sehr sich der Charakter einer Straße nur durch die Fahrtrichtung ändern kann. Haben wir gestern vor allem in, auf und vor die Berge geschaut, so schauen wir heute bei immer noch strahlender Sonne erst in gefühlt endlos schneebedeckte Weite. Fast rechnen wir mit Warnschildern vor kreuzenden Tauntauns oder Wampa-Überfallkommandos, es könnte der Eisplanet Hoth (aller!beste!Episode!) sein.

Im strahlenden Sonnenschein scheinen die Nachwuchs-Solbergs Trainingsrunden zu drehen. Diverse sehr schnelle oder schnell gemachte Autos sind unterwegs und obwohl wir mit 70-80 km/h selber gefühlt sportlich unterwegs sind, sind wir ein offensichtliches Verkehrshindernis. Und obwohl das alles knapp wirkt und auch noch bei Schnee und Eis stattfindet – das klappt alles relativ stressfrei für uns.

Im weiteren Verlauf der E69 wechselt das Wetter wieder häufiger, Wolkenwände bis runter auf die Straße wechseln sich mit Schneegraupel und Sonnenschein und bedrohlich grauschwarzen Wolkenbergen ab. Die Temperatur fällt immer weiter, bis Skaidi ist sie auf unter -20 Grad gefallen, das Außenthermometer kommt langsam an Skalagrenzen. Was uns auffällt: Matthias´ Seitenscheibe friert immer mehr zu. Auch sein Außenspiegel. Gestern bereits. Auf Katrins Seite passiert das nicht. Jetzt, wo die Temperatur so tief geht wie bisher noch nie, friert auch die linke Kotflügelseite während der Fahrt zu. Wir spekulieren erst mit dummen Witzen „wo der Coolere in diesem Auto sitzt ist somit geklärt“, anschließend mit der Konstruktion der Volvo 140er-Reihe (eigentlich allen Reihen mit B16/18/20-Motor und viellicht sogar den artverwandten Sechsendern): der Motor ist längs eingebaut, bedeutet, das die Zylinder hintereinander liegen. Hat man irgendwann aufgegeben und die Motoren quer eingebaut, verbraucht nämlich deutlich weniger Platz in der Motorhaube. Der Vorteil von längs eingebauten Motoren (mit Hinterradantrieb) ist, dass man die Kraft, also die Drehung des Motors nicht um 90 Grad umlenken muss, sondern, völlig vereinfacht gesagt, einfach ein Getriebe und eine Antriebswelle zur Hinterachse antüddeln kann. In so einen Motor muß zum einen das zu verbrennende Gemisch rein, in unserem Fall über den Vergaser gemischt, und zum anderen müssen die Abgase wieder raus. Und das passiert immer auf einer Längsseite des Motorblocks. Im Fall der Volvo Redblocks auf der rechten Motorseite, also läuft auch der Auspuff rechts-mittig entlang. Und wahrscheinlich sorgt das für etwas mehr Wärme rechtsseitig. Matthias darf jetzt jedenfalls innen Scheiben kratzen. Auch eine Erfahrung.

Spannend ist auf der Rückfahrt Richtung Alta, dass all die Parkplätze, auf denen gestern noch die Autos mit den Anhängern für die Skidoos standen, jetzt leer sind. Die Menschen haben ihre Wochenendhütten besucht und eine gute Zeit gehabt und sind jetzt wieder am eigentlichen Wohnort. Während wir wieder über den Pass nach Alta fahren (diesmal haben wir geguckt, keine Namensschilder, auch so kriegen wir den Namen nicht raus) fällt die Temperatur erneut auf unter -20 Grad. Gleichzeitig bricht die Nacht herein. Alta erreichen wir bei Abenddämmerung, es ist nur geringfügig „wärmer“ geworden, wir liegen bei -16 Grad. Aber es ist wolkenlos, der KP-Wert ist auch hoch. Könnte eine gute Polarlichtnacht werden. Wir fahren zum Hotel Scandic Alta direkt gegenüber der Nordlichtkathedrale. Die hat leider zu, im Hotel ist das Restaurant Alta, hier wollen wir zu Abend essen. Nicht ganz günstig, aber sehr lecker. Es gibt Lachs und Rinderfilet, vorab ein Fischsüppchen und Krabbensalat.

Von dort aus fahren wir zu unserem Hotel für die Nacht, dem Altafjord Gjestegaard. Wir haben alle Informationen für einen Self-CheckIn bekommen, das Hotel selber ist ein bisschen fancy und schick. Was für ein Kontrast zur letzten Nacht in Alta, vor allem weil es auch noch 6 € günstiger ist. Inklusive Frühstück. Das Zimmer ist wunderbar vorgeheizt, ein leises spielendes Radio begrüßt uns. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl, breiten uns ein wenig aus und legen einen Moment die Füße hoch. Bis das Telefon bimmelt – die Aurora-App sagt, jetzt ist eine gute Kombi aus relativer Wolkenfreiheit und gutem KP-Wert. Also wieder in die warmen Klamotten und raus. Und direkt vor dem Hotel erleben wir riesige Polarlichter über dem gesamten Himmel. Erneute dilettantische Fotoversuche mit dem Handy und als der Handy-Akku bei krasser Kälte die Grätsche macht der Entschluss, Arm in Arm das Ganze einfach nur zu genießen und aufzusaugen.

Was bleibt von diesem Tag, eigentlich von den letzten zwei Tagen? Wir sind völlig voll. Mit Eindrücken. Mit Bildern. Mit Grandiositäten. Die letzten zwei Tage haben so krass geballert, waren so eindrücklich, haben alles gegeben, was wir noch auf der Bucketlist für diese Tour hatten: fetteste Schneelandschaften, Polarlichter, nette Begegnungen, tolle Unterkünfte, gutes Essen. Einen kurzen Moment haben wir das Gefühl nach Hause zu können. Alles gesehen zu haben. Und dann schlagen wir unsere Routenplanung auf, nehmen ein, zwei Modifikationen vor. Und freuen uns, noch weitere 13 Tage Urlaub zu haben. Denn eines wissen wir von Roadtrips inzwischen: hinter der nächsten Kurve kann es okay sein. Oder mistig. Oder der absolute Wahnsinn. Und deswegen lohnt sich die nächste Kurve.

Kleine Anmerkung noch: wir freuen uns wirklich mega über all das Feedback, das wir bekommen. Gefühlt hatten wir noch nie so viele Rückmeldungen und das bedeutet echt was. Sich abends noch einmal hinzusetzen und den Mitschrieb des Tages in einen Text zu gießen, scheint manchmal weniger attraktiv als das Bett. Die Begeisterung, mit der ihr da draußen mitlest und unsere Tour verfolgt, feuert aber an. Danke dafür. Und entschuldigt, wenn wir nicht auf jede Nachricht direkt oder intensiv eingehen – wir versuchen trotz aller digitaler Präsenz auch möglichst viel beide Augen in der Welt um uns herum zu haben. Ist also nicht böse gemeint;)

7 Kommentare

  1. Hallo Leute,
    Ich lese eure Berichte jeden Tag und friere mit euch.
    Geile Bilder und völlig anders als beim BSC 2016 (Team „die Anhalter“).
    Besonders krass sind natürlich die Vespafahrer.
    Ich spende heute noch 30 € für ihre Charity.
    Best regards,
    Barney Heymann

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  2. Hallo Ihr Zwei, für uns ist es atemberaubend bei Euch live dabei zu sein. Danke herzlich dafür. Wir wünschen Euch weiterhin glückliche Fahrt und viele wunderbare Eindrücke. Fühlt Euch innig umarmt. Rosi und Volker

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