Tag 17 – mit Schwung durch die Matschrutsche

von Hammerdal bis Malung (Lugnet)

gefahrene Kilometer: 573

Roadtime: 9,5 Stunden

Temperatur: von -3 über +6 zu +1 Grad

51l getankt

1x Schrauber-Pause, 2x tanken mit Pipi, 1h Pause bei Biltema, 1h Pause im Diner, 1x Pipi

Reparaturen: Thermoschalter E-Lüfter, Schwimmerkammerdichtung Vergaser, Kühlerabdeckung, Thermostataustausch

Gestern Abend hat Matthias noch einen Hilferuf in den Facebook-Gruppen des Volvo 140 Klubben Svenska und der Scandinavian Hearse Society sowie auf Instagram via Story geschaltet. Im Kern mit der Hoffnung, dass jemand auf dem Weg heute oder morgen das defekte Thermostat rumliegen hat und aushelfen kann. Die Reaktionen kamen ziemlich flott, besonders Stefan von der Scandinavian Hearse Society hat direkt die wichtigsten Tipps parat gehabt und im Kern waren alle Antworten sehr eindeutig: fahr zu Biltema, die haben das Teil. Zwar in minderwertiger Qualität – aber bis nach Köln sollte es halten. Und zusätzlich noch der Hinweis, dass der nächste Biltema auf der Route in Mora ist und dass dieser am Sonntag auch noch auf hat. Das große Aber schrieb Kolja: die haben nur noch genau EIN Thermostat auf Lager. Zusätzlich gab es hilfreiche Tipps, um bis dahin die Temperatur im Motor ansatzweise Richtung Betriebstemperatur zu bringen und noch Ideen zum tropfenden und selbstheilenden Vergaser.

Das alles hat ein bisschen gearbeitet und der Plan am Morgen steht: Matthias skippt sein Frühstück und widmet dem Volvo 145 Express ein bisschen dringend benötigte Aufmerksamkeit. Als erstes wird der Thermoschalter des E-Lüfters gewechselt. Der hatte sich an Tag 2 bereits verabschiedet. Da wir aber nicht mit hohen Temperaturen gerechnet haben, haben wir das erstmal ignoriert und sind ohne Lüfter gefahren. Das war auch bisher kein Problem, könnte aber ein Problem werden, wenn Matthias den Tipp zum Herstellen von Betriebstemperatur umsetzt: den Kühler soweit zu machen, dass er nur noch wenig Kühlleistung hat. Da wir die Wirkung nicht abschätzen können, wollen wir sicherheitshalber die Lüfter wieder aktivieren. Also den Thermoschalter samt Sensor ausgetauscht. Und wenn das Werkzeug schon draußen ist, kann Matthias sich auch mal den Vergaser anschauen. Die passende Dichtung aus der es raussifft haben wir jedenfalls dabei. Also im eingebauten Zustand von unten die Schwimmerkammer demontiert, die alte (und wirklich etwas marode) Dichtung abgepopelt und die Dichtungsauflagen so gut es so provisorisch geht, gereinigt. Neue Dichtung drauf, alles festgezogen, Motor gestartet – und der Vergaser leckt trotzdem. Bis er warm ist. Also gibt es weiterhin betreutes Tropfen am Morgen. Per Instagram bekommen wir von Karl noch die Idee, das Kondenswasser im Vergaser an der Nadel gefroren sein könnte und der Vergaser deswegen überläuft. Abhilfe könnte eine Isolierpackung über Nacht schaffen. Das werden wir heute Abend bzw. morgen früh sehen. An dieser Stelle an alle, die uns auf den verschiedenen Kanälen geschrieben haben: FETTES, FETTES DANKESCHÖN! Das war alles superwertvoll.

Der Plan für den Hauptteil des Tages steht also: so schnell es Auto, Straßen und Verkehr (und die Straßenverkehrsordnung) zulassen nach Mora zu Biltema, bevor uns irgendwer das Teil wegschnappt. Sind ja nur 400 und ein paar zerkrümelte Kilometer, ist also wie von Köln nach Hamburg für ein paar Autoteile knallen. Was nicht bedeutet, dass das irgendwie seltsam wäre. Es kann sein, dass jemand aus diesem Team mal bis nach Südbayern gefahren ist, um eine Motorhaube für 30 € zu kaufen. Die dann fast nicht in den benutzten V50 gepasst hätte. Aber das ist eine andere Geschichte…

Die E45 ist komplett schnee- und eisfrei, in dem Teilstück, in dem sie parallel auch die E14 ist, sogar vierspurig. Wir kommen ganz gut voran, treffen aber auf ein paar seltsame Zeitgenossen (!). Mehrfach haben wir vor uns 10-15 km/h langsamer als erlaubte Geschwindigkeit fahrende Fahrzeuge. LKW, PKW, egal. Bei passender Gelegenheit, also gerader Strecke, gut einsehbar, kein Gegenverkehr, starten wir einen Überholvorgang und müssen diesen teilweise abbrechen, weil die anderen just in diesem Moment voll durchstarten. Um danach, wenn wir wieder hinter ihnen sind, gemütlich mit 10-15 km/h unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit weiter zu fahren. Der Unsinn erschließt sich uns nicht. Überhaupt der Verkehr: haben wir in den vergangenen Tagen mal Autos gesehen, fahren wir jetzt in einem stetigen Verkehrsfluss. Für deutsche Verhältnisse immer noch geringes Verkehrsaufkommen, für schwedische Verhältnisse der absolute Wahnsinn. Wir stehen nach Biltema sogar mehrere Minuten (so 15-20) in einem Stau. Katrin schafft es in der Zeit ganz entspannt in einem Tierladen nach Hundeschuhen zu fragen.

Insgesamt fahren wir durch immer dichter besiedeltes Gebiet. Die endlosen Wälder – Seen – mal ein Haus-Panorama weichen durchgehend besiedeltem Gebiet. Trotzdem scheinen Toiletten rar zu sein, eine Pipipause artet zu einem 25-minütigen Stop aus, alle scheinen etwas länger auf dem stillen Örtchen zu brauchen. Und das, obwohl wir doch ein Teil kaufen müssen, bevor es jemand anderes tut!

Die durchgängigen Plusgrade lassen den Schnee am Straßenrand zu großen Pfützen schmelzen, gleichzeitig ist massiv gestreut worden. Das Ergebnis ist ein ständiger Matschschleier in der Luft und ergo auch auf dem Auto. Mehrfach halten wir an, um die Scheiben zu reinigen, gleichzeitig sind die Tauwasserpfützen teilweise riesig und dadurch eine ziemliche Gefahr, ausweichen ist dank Gegenverkehr nicht immer möglich. Dass diese Pfützen später am Tag zu einem wirklich ernsthaften Problem werden, ahnen wir noch nicht.

Dem Ziel, so schnell wie möglich bei Biltema in Mora zu sein ist geschuldet, dass wir heute einfach durchziehen. Wir haben wenig Augen für das Land links und rechts, eher das stete Ziel vor Augen anzukommen. Kurz vor Emån windet sich die E45 auf so etwas wie ein Hochplateau und direkt ändern sich die Straßenbedingungen: aus glattem Asphalt wird ein wilder Mix auf massenhaft Streugut, Schnee, Eis und Pfützen. Das ganze mit stark ausgefahrenen Spurrillen, die im Eis schätzungsweise bis zu 10 cm tief sind. Eine wirklich ekelige Strecke. Mit den Spikes wäre das deutlich weniger beängstigend gewesen, so reduzieren wir unsere Geschwindigkeit und fahren vorsichtig. Und damit hat die Stunde der Schweden geschlagen. Begegneten uns an Tag 11 die angehenden Solbergs, so überholen uns jetzt die Erb:innen von Ewy Rosqvist (ziemlich viel Liebe für die Story wo ihr Rallytalent herkommt).

Wir durchstehen das und landen im erwähnten Stau um das Industriegebiet von Mora herum. Niemand will zu Biltema und so fahren wir im Kreisverkehr erstmal am Stau vorbei. Bei Biltema die von diversen Menschen zugesendete Teilenummer gezeigt und innerhalb von wenigen Minuten kommt Matthias freudestrahlend auf dem Parkplatz wieder an. Um direkt wieder kehrt zu machen und ein Eimerchen zu kaufen. Kühlerflüssigkeit sollte man nicht einfach so auf den Boden pladdern lassen. Außerdem könnte man die abgefüllte Flüssigkeit im Anschluß auch einfach wieder zurückführen. Das Thermostat ist schnell gewechselt, die Passform ist eher im Bereich „geht so“. Alleine der Durchmesser unterscheidet sich vom eingebauten OEM-Teil. Aber das ist uns ja bereits angekündigt worden. Die Bestellung bei einem großen Teilelieferanten inklusive neuer Frontscheibe ist bereits im Warenkorb und wird kurz vor der Heimkehr abgeschickt. Kurzer Testlauf auf dem Parkplatz – scheint dicht zu sein, scheint auch zu öffnen. Ob es schließt, wird sich später bei kaltem Motor zeigen.

Vom Biltema fahren wir – es ist mittlerweile irgendwas um 16:00 Uhr und das Frühstück ist morgens ja eher ausgefallen – über die 70 Richtung Rättvik am Ufer des Siljan entlang. Da sich diese Reise nebenbei ja auch mit den Nicht-Gewinner:innen der großen Rankings (war mal die erste Diesdas-Brücke, ist der zweitlängste Fluss, hat die drittmeisten Findlinge pro km2) beschäftigt, verdient sich der Siljan unbedingt seine zwei Zeilen. Der siebtgrößte See Schwedens in der Provinz Dalarna ist wie die meisten Seen in Schweden ein Knoten- und Verwirrpunkt für Flussläufe: durchflossen wird er vom Fluss Österdalälven, einen Zufluss hat er jedoch auch vom nördlich gelegenen Orsasjön der vom Oreälven gespeist wird. Spannend an diesem See ist aber vor allem, dass die Geologie des Sees und seiner Umgebung durch einen Asteroideneinschlag vor ca. 370 Millionen Jahren geprägt ist. Der Krater füllte sich mit Sedimenten, vor allem Kalkstein und durch die wiederholten Vergletscherungen Skandinaviens in den Eiszeiten schürften sich die leichter zu erodierenden Gesteine der Kraterfüllungen ab, so dass der Siljan und einige kleinere Seen in seinem Umfeld heute den Einschlagskrater grob nachzeichnen. Als würde das den Siljan und seine Umgebung nicht schon zu einem richtigen Kracher machen, kommt aus dieser Gegend die typisch rote Farbe der Holzhäuser in Schweden und die weltweit bekannte Falukorv – letztendlich nichts anderes als eine Lyoner.

Vor allem aber schenkt uns der Siljan heute einen phänomenalen Sonnenuntergang, in dessen letzten Strahlen wir an seinem Ufer zum Diner 45 in Rättvik, laut Eigenwerbung einem originalen 50er Jahre US-Diner, kommen. Wir haben uns unser Abendessen heute redlich verdient, es gibt Burger und Pulled Pork Fritten, ganz so wie man es von einem Diner erwartet.

Von dort schlägt GoogleMaps einen Weg südlich um den See herum vor, über Leksand bis Djurås und von dort über die E16 zu unserer Unterkunft kurz vor Malung. Begründung: Streckensperrung auf der E45. Kommt uns bekannt vor, diesmal vertrauen wir aber blindlings. Und folgen der freundlichen Stimme in die Nacht. Sie führt uns ins Vägskälled Naturreservat, über eine sehr kurvige Straße durch sehr hügeliges Gebiet. Und sie ist sehr weit ab vom Schuss, deswegen kaum geräumt, voller Eis, Schnee und gefrorener Tauwasserpfützen. Wir rutschen einige Male sehr bedenklich, so anstrengend und so nervenaufreibend war keine Strecke bis hierhin. Eine wirkliche Tortur über mehr als 50 km und das erste Mal haben wir ernsthaft Angst um uns und das Auto. Das ist wirklich kein Spaß, vor allem nicht mit mehr als 500 km auf dem Buckel.

Jede Rutschpartie ist irgendwann vorbei, mal schlechter, mal besser. Wir schaffen es heil aus dem Naturreservat raus, biegen auf die E16 ab und haben direkt wieder eine freie, gut befahrbare Straße. Auf der kommen wir zügig zum Hotel Lugnet, einem sehr feudalen Holzhaus – leider schon etwas in die Jahre gekommen. Wir beziehen unser Zimmer, hören den Nachbarn über uns beim Familienschnack zu und denken über unsere letzte Etappe in Schweden nach. Morgen geht es nach Göteborg.

2 Kommentare

  1. Lieber alter Volvo,

    ich kann Dein allabendliches Frohlocken darüber, dass Du es dem automobilen Jungvolk mal wieder richtig gezeigt hast, regelrecht hören – und nachempfinden. Deshalb jauchze ich hier im Ruhrgebiets-Vorfrühling laut und herzlich mit Dir. Und gratuliere aufrichtig, denn Du hast Dich bisher wirklich gut gehalten.
    Weißt Du, was mir außerdem richtig Freude macht? Dein Chef-Chauffeur Matthias ist – jetzt sei bitte nicht gleich beleidigt – ja so eine Art „Altenpfleger“, genauer: Auto-Altenpfleger. Und erfreulicher Weise bist Du ja nur in sehr überschaubarem Umfang Nutznießer seine Pflegekunst. Ich habe früher mal in einer ähnlichen Branche – also der Altenpflege für Menschen – gearbeitet. Daher gefällt mir seine Formulierung „betreutes Tropfen am Morgen“ so gut. Als ganz junger Bursche – da gab es die Wehrpflicht noch in Deutschland (Du warst gerade erst „geboren“) , der ich jedoch den Zivildienst im Altenpflegeheim vorzog – habe ich älteren Herren über ihren Kummer über tropfende Leitungen hinweggeholfen. So wie es Matthias jetzt bei Dir auch gemacht hat. Und nach meinen „Dichtungseinsätzen“ hatte ich stets auch immer viel zu erzählen – so wie Matthias jetzt auch. Lediglich die Umgebungen der Einsätze sind absolut nicht vergleichbar. Was Du für Sonnenuntergänge zu sehen bekommst!!! Einfach wunderbar. Aber ein paar Untergänge waren bei mir auch dabei -:)

    Nun wirst Du bald dahin zurückkehren, wo Du das Licht einer schwedischen Autofabrik erstmalig erblickt hast. Das muss ein grossartiger Moment für Dich werden / sein!!!
    Stell Dich darauf ein, dass Du keinen einzigen Deiner Geburtshelfer treffen oder wieder erkennen wirst. Und wenn doch: die haben vermutlich auch alle so ihre Leitungsundichtigkeitsprobleme wie Du.
    Ich wünsche Dir eine würdevolle Einfahrt in den Hof Deiner „Mutter-Firma“. Zeig Deinen besten Augenaufschlag beim hoffentlich vorbereiteten Pressetermin und schlag den Ersatz der Frontscheibe heraus.
    Für den Rest der Reise wünsche ich Dir alles Gute. Du hast allen Grund, Dich auf die Heimkehr zu freuen: ich gibt es einen friedlichen, top-ausgeruhten Vierbeiner, der sehnsüchtig darauf wartet, Dich ordentlich anpinkeln zu können. Na ja, und ich will Dich auch in heilem Zustand wiedersehen. Liebe Grüße von Andreas

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  2. Da ich euch
    keinerlei Spotify Songs
    mitgeben konnte
    (da ich sowas Neumodisches nicht habe)
    – habe ich am Wochenende
    gaaaaanz viele Schallplatten gehört
    und Rille für Rille Kilometer abgespult,
    damit ihr bestes weiter und sicher am Ziel ankommt.

    Freue mich schon auf meinen
    Feierabend und neue Zeilen und Fotos
    von euch.

    Gefällt 1 Person

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