Tag 12 – mal kommt hinter einer Kurve Mist, mal kommt hinter einer Kurve Gold

von Alta (Altafjord Gjestegaard) nach Svensby (Solheim Fritidsgård)

gefahrene Kilometer: 381 km

Roadtime: 8,5 Stunden

Temperaturen: -17 über +5 (im Tunnel) zu -13 Grad

getankt: 36 l

2x Pipipause mit Drohnenflug, 2x Supermarkt, diverse Fotostops, 1x Drohnenflug allein

Reparaturen: mittlerweile ein Klassiker: der selbstheilende Vergaser am Morgen

Wenn das heutige Datum kein gutes Zeichen sein soll, was dann? Heute ist der 22.02.2022. Das Team Likedeeler hat bisher immer Startnummern mit der 2 gehabt: bei der Allgäu Orient Rally (noch mit anderem Teamnamen – Küsschen an die Chefin, ohne dich wär hier nix los!) mit der Nummer 222, beim Baltic Sea Circle mit der Nummer 02, bei der 20 Nations mit der 02, beim European Mountain Summit mit der Nummer 222. Menschen, die Quatsch mit Autos machen sind in der Regel ein wenig abergläubisch, so gibt es dieses spezielle Werkzeug für On-the-road-Reparaturen, ein bestimmte Kombi Gas drücken – Choke ziehen – Anlasser betätigen oder weiß der Geier noch was. Wir halten manchmal Zwiegespräche mit unserem 145, entschuldigen uns für harte Etappen, spendieren zum richtigen Zeitpunkt gutes Öl und haben irgendwie immer die 2 mit dabei. Denn bisher haben wir es mit der 2 immer noch nach Hause geschafft.

Also im Wissen, dass heute ein guter Tag wird, stehen wir auf und checken den Frühstücksraum aus. Das Altafjord Gjestegard ist ein liebevoll eingerichtetes, kleines Hotel. Das Zimmer war schon super und auch im Rest des Hauses ist alles sehr stimmig dekoriert. Es gibt gemütliche Couches und Sessel zum Verweilen und um die absolute Sahnelage des Hauses mit Blick über den Altafjord genießen zu können. Und damit das auch mit was in der Hand gemacht wird, gibt es einen Kaffee-/Tee-/Kakao-Vollautomaten zum Selfservice rund um die Uhr. Das Frühstücksbuffett war vom Gesamtsetting her das Beste, was wir bisher auf dieser Tour hatten. Wir frühstücken ganz in Ruhe über eine Stunde und genießen dabei den Ausblick auf den Fjord, über dem sich langsam die Sonne zwischen den Wolken raustraut, packen das Auto und gucken dem Vergaser beim warm werden – bzw. beim Aufhören zu lecken – zu. Außerdem dürfen wir innen Eiskratzen, diesmal an allen vorderen Scheiben. Die Temperaturen hier sind einfach heftig: einige Minuten draußen ohne Mütze und die Ohrenspitzen beginnen zu schmerzen, keine Handschuhe führen zu schmerzhaft abgekühlten Händen. Das mit dem Eiskratzen ist seit gestern Abend etwas schwierig: von der Heckklappe abrutschender und von der Straße hochgewirbelter Schnee hatte sich im Laufe des gestrigen Tages auf der Stoßstange gesammelt, ist bei den wechselnden Temperaturen an Tag 11 etwas angeschmolzen und dann aber schön festgefroren. So sehr, dass wir abends deswegen die Heckklappe nicht mehr öffnen konnten, um Gepäck und frostsicher unterzubringende Vorräte ins Hotelzimmer zu bringen. Letztendlich haben wir es zwar geschafft, das Eis mit viel Krafteinsatz von der Stoßstange zu stemmen – unser Eiskratzer musste dabei aber dran glauben. Wir werden uns also von der nächsten Tanke einen neuen besorgen.

Wir verlassen Alta über die E6. In der Kommune Alta leben gut 21.000 Menschen von denen etwa 12.00 auf die Stadt Alta entfallen. Entsprechend ist der Verkehr am Dienstagmorgen. Nicht zu vergleichen mit der Rushhour im Rheinland, aber wir sind etwas Autoverkehr entwöhnt. Die Stadt Alta wirkt beim Durchfahren, obwohl sie bereits 1704 von eingewanderten Finnen gegründet wurde, sehr jung. Auch hier wurde wie in Honningsvåg beim Abzug der deutschen Besatzungstruppen die Stadt komplett bis auf die Kirche geschleift. Beim Wiederaufbau wurde sich nicht an historischen Grundlagen orientiert. 1976 bekam die Stadt ihr heutiges Stadtwappen verliehen, eine weiße Pfeilspitze auf blauem Grund. Dieses Wappen soll auf die zahlreichen steinzeitlichen Funde in der Region verweisen.

Haben uns die letzten Tage die omnipräsenten Schneehaufen begleitet, haben wir jetzt eine neue Schneeräummethode kennen gelernt: man räumt den Schnee an die Seite, baggert ihn auf LKWs, diese fahren an irgendeinen Küstenrand, in Alta zB eine Hafenmole, am Nordkap einfach eine Klippe, und kippt den ganzen Schnee dann ins Meer. So ist er weg und taut nicht bis in den Sommer rein in irgendwelchen Ecken vor sich hin.

Von den Fjorden steigt, wenn sie nicht zugefroren sind, den ganzen Tag über Wasserdampf auf. So richtig können wir uns das nicht erklären, so warm ist das Wasser nämlich zur Zeit nicht. Eine schnelle Internetrecherche dazu bringt auch keine Erkenntnis, am Ende unterstellen wir touristische Hintergründe. Die Fjorde sehen mit so Bodennebel, korrekter „Wassernebel“, einfach mystischer aus und das lässt sich in Kombi mit Wikingern, Midgard und Polarlichter sicherlich besser verkaufen.

Wir fahren kontinuierlich die E6 entlang. Klingt ziemlich langweilig, ist es aber überhaupt nicht. Die E6 ist auf dieser Etappe eine wilde Mischung aus Küstenstraße direkt an und auf Höhe der Wasserlinie, Berg- und Passstraße durchsetzt mit Steigungen, scharfen Kurven und unendlich vielen Tunneln. Diese haben eine eigene Klimazone, bei Einfahrt deutlich unter -10 Grad Außentemperatur, in der Mitte der Tunnel teilweise Plusgrade bis 5 Grad und bei der Ausfahrt wieder deutlich unter -10 Grad. Dadurch bildet sich in den Tunneln Nebel, der die Sicht teilweise auf unter 50 m reduziert. Grund für uns vorsichtig durchzufahren, kein Grund für norwegische LKW vom Gas zu gehen. Es geht entlang des Langfjörden mit einem Fotostop mit Blick auf den Njulgeråssa (869m) und das Nevernesfjellet (ebenfalls 800+m) durch die Skanden Richtung Lyngenalpen. Norwegen zieht hier alle Register: gigantische, schneebedeckte Berge mit großen Gletschern, harte Abbruchkanten an denen Schmelzwasser zu großen Eisskulpturen gefroren ist, eine ständig wechselnde Straßenführung, ständig wechselnde Temperaturen mit Unterschieden (draußen) von bis zu 10 Grad, große Weite beim Blick auf und in die Fjorde, in denen viele Fischfarmen schwimmen. Es ist in seiner Einzelheit garnicht zu beschreiben, jede Kurve bringt heute einen neuen Eyecatcher.

Die Lyngenalpen sind eine kleine, gerade mal 90 km lange und 15-20 km breite Bergkette auf der Lyngenhalbinsel zwischen Lyngenfjord und Ullsfjord. Ungefähr auf der Hälfte schneidet ein Seitenarm des Ullsfords gute 14 km in die Gebirgskette hinein. Der höchste Gipfle der Lyngenalpen ist der Jiekkevárri mit 1834 m. Spannend für uns sind die Alpen und die Lyngenhalbinsel aus mehreren Gründen: zum einen führt direkt an dem Seitenarm des Ullsfjords die 91, eine kleine, abwechslungsreiche Straße entlang. Diese ist nur gut 20 km bis zum nächsten Fährhafen lang aber sie macht wirklich Spaß. Nicht nur auf Grund ihrer Beschaffenheit, sondern und gerade auch wegen ihrer Umgebung. Zum anderen ist es hier recht dünn besiedelt, ergo wenig Streulicht in der Nacht. Vor allem aber ist die Halbinsel von einer besonderen, rauhen Schönheit. Die Skanden sind eine an sich zwar gigantische, in ihrer Erscheinung aber eher knubbelige Bergkette (nix gegen Knubbelberge!), die LyngenALPEN haben ihren Namen aber offensichtlich auf Grund ihrer schroffen, häufig wie abgerissenen Felsstruktur. Zu erreichen ist die Halbinsel entweder über den Landweg – was einen ziemlichen Umweg einmal komplett um den Fjord herum bedeuten würde, oder über die Fährverbindung Olderdalen – Lyngseidet. Die wollen wir nehmen, immerhin ist diese Fährfahrt durch die Landschaft drumherum etwas ganz besonderes.

Auf dem Weg zur Fähre in Olderdalen machen wir noch einen Fotostop an der Bergkette Mettevoll, wir kriegen einfach nicht genug von dieser Region. Was uns auffällt: alle Ortsschilder sind hier dreisprachig. Die Ortsnamen sind in norwegisch, nordsamisch und in kvenisch ausgeschildert. Nordsamisch ist die mit Abstand größte Sprache aus der Gruppe der samischen Sprachen und wird noch von gut 15.000-20.000 Samen in Finnland, Schweden und Norwegen gesprochen. Kvenisch ist eine ostseefinnische Sprache, die von Kvenen gesprochen wird, Nachkommen finnischer Einwanderer (die zum Beispiel auch Alta gegründet haben). Seit April 2005 ist kvenisch auch eine anerkannte eigene Sprache in Norwegen, etwas 10.000 Menschen sprechen sie, die wenigsten beherrschen sie aber schriftlich.

Bis hierhin ist uns unser Glück hold: bestes Wetter, kein Schneefall, blauer Himmel und Sonnenschein. Dazu phänomenale Landschaften und grandiose Ausblicke. Und während im Sommer die Aussichtspunkte und Park- und Rastplätze rappelvoll sind, haben wir jetzt jeden Spot im Prinzip alleine. Wir sind nur noch drei Minuten vom Fährableger in Olderdalen entfernt, als wir die Fähre auf dem Wasser sehen. Mit Fahrtrichtung Lyngseidet. Wir haben sie verpasst. Die nächste Fähre kommt in über anderthalb Stunden erst und legt dann auch erst wieder nach 15 Minuten ab. Die Chance, die großartige Fährfahrt durch diese Gebirgslandschaft zu machen, ist angesichts der Sonnenuntergangszeit damit hin. Wir überlegen ein bisschen hin und her und rechnen Routen durch und fassen den Entschluss, nicht auf die nächste Fähre zu warten, sondern der E6 bis Oteren zu folgen und dort auf die 868 abzubiegen und an der unteren Kante der Lyngenalpen den Fjord wieder hoch zu fahren. Im Sonnenuntergang kommen wir bis Oteren, danach fahren wir im Dunklen die 868. Was superärgerlich ist, denn das was wir an Ausblicken erahnen, sieht beeindruckend aus. Noch ärgerlicher ist, dass die gut 20 km 91 quer über die Halbinsel damit auch ihren Reiz verloren haben. Für Matthias waren diese 20 km aber eines der Highlights in dieser Region. Entsprechend niedrig ist das Laune-Niveau im Volvo. Hunger tut sein übriges, auch die gut 160 km mehr stecken uns mittlerweile in den Knochen. Das war so nicht geplant.

„Highlight“ ist dann noch, dass in einem der Tunnel auf der 868 die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, das die Scheiben von außen beschlagen, wir die Wischer nutzen müssen, diese den gesamten Schmöck der letzten Tage einmal querschmieren und wir überhaupt nichts mehr sehen. In einem Tunnel, der anderthalb Fahrstreifen breit ist und so Ausweichbuchten hat. In einer dieser Buchten halten wir an, um mit Glasreiniger die Wischerblätter und die Scheibe zu reinigen und werden dabei von Norweger:innen überholt, die sich ganz deutlich nicht an die vorgeschriebenen 60 km/h halten. Man wächst ja mit den Herausforderungen vor die man gestellt wird und Scheiben putzen in einem Tunnel während mit deutlich über 100 km/h an einem in Armlänge vorbei geknallt wird, machen auf jeden Fall weiser. Zum Beispiel, dass auch zugefrorene Wischerblätter ab und an gereinigt werden müssen.

Im Dunklem kommen wir an unserer Unterkunft an, ein freistehendes Cottage auf einer (Ex-)Farm, betrieben von einem älteren Ehepaar. Wir checken ein und schnacken ein wenig und bekommen einen Sechser frische Eier vom Hofhuhn geschenkt. Die Hütte ist leider ziemlich ausgekühlt (knapp unter 11 Grad sind es drinnen), es dauert ein wenig und braucht intensiven E-Heizungs- und Bollerofeneinsatz bis sie erträglich warm ist. Wir tragen all unser Gepäck in die Hütte, es ist Halbzeit und wir müssen ein wenig umpacken und logistisch optimieren. Klassiker nach einer Handvoll Tagen im und aus dem Auto leben. Anschließend kochen wir uns Rouladen und wollen gerade die Beine hochlegen, als Katrin bei einem Blick aus dem Küchenfenster bemerkt, dass da vielleicht Polarlichter über uns sind. Also ziehen wir uns wieder an und stapfen raus in die Kälte. Und der Himmel zündet über uns richtig. Während die Polarlichter der letzten Tage „nur“ grün angehauchte Schleier waren, sehen wir jetzt kräftig grüne Vorhänge über den ganzen Himmel. Wir fummeln wieder am Handy rum und so langsam haben wir es raus, ganz passable Fotos zu machen. Und dann stehen wir einfach Arm in Arm da, ignorieren die vor Kälte fast tauben Füße und Finger und sind schwer ergriffen. Als wenn die Lyngenalpen kurz „Sorry, dass ihr selber so dumm wart und die Fähre verpasst und dadurch alles nur im Dunklen gesehen habt, hier ist was Fettes zum Trösten“ sagen wollen. Wir nehmen das Angebot dankend an. Diesen magischen Moment Himmelsfeuer haben wir für immer.

4 Kommentare

  1. wow, was für tolle Bilder!!

    Wollt ihr beim Leichenwagentreffen Abends eine Dia-Show machen
    und Geschichten erzählen?! – Das ist ALLES so toll, was ihr seht, erlebt und schreibt!!

    Danke dafür!

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  2. Hallo Ihr Zwei, wir sind begeistert und staunen über die Nordlichter immer wieder .Herrlich. Frage: Die Milchstraße muss ja besonders schön anzuschauen sein durch diese Dunkelheit vor Ort? Ich liebe diese kompakte Menge an Sternen und Schnuppen. Hier leider zu viel Lichtsmog.. Fühlt Euch gedrückt. Rosi und Volker

    Gefällt 1 Person

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