Tag 20 – Frühling

von Göteborg, Schweden bis Trans, Dänemark (Rikke og Franks Svineri)

gefahrene Kilometer: 267 Kilometer

Roadtime: 10 Stunden

Temperatur: von 4 über 10 zu 4 Grad

getankt: 26l

4 Stunden Fährfahrt, kurze Motorcheck-Pause, 1x umziehen mit Pipi und Scheibe putzen, 15 Minuten Fährfahrt, 1x Supermarkt, 1x tanken, 1x 1h Spaziergang über die Klippen

Reparaturen: tagtäglich heilt sich der Vergaser selber, irgendwas stimmt immer noch nicht mit der Temperatur, entweder ist das Thermostat schon wieder defekt (vielleicht durch Schmöckablagerungen?!) oder der Temperatursensor der Anzeige ist im Eimer (Letzteres scheint wahrscheinlich)

Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken: das große Abenteuer ist vorbei, die spannenden Geschichten sind erzählt und die Held:innen reiten bei Abspannmusik in den Sonnenuntergang. Und lebten glücklich bis an ihr Ende… Könnte so sein, wenn da nicht zwei Menschen und ein Auto wären, die weitere Abenteuer suchen werden und – nun ja – auch noch nach Hause müssen. Und darum wird es ab jetzt gehen: Das Team Likedeeler versucht nach Hause zu kommen. Und weil wir wir sind und der gerade Weg immer der langweiligste Weg ist, fahren wir noch ein bisschen durch die Gegend.

Zu unserem Leidwesen fängt unser Tag noch früher an, als die Daily Roadroutine der letzten Wochen. Gepackt haben wir schon gestern und so sind die Sachen alle schnell im Auto verstaut. Wir frühstücken noch in Ruhe im Hotel und schmeißen dann den Volvo an. Der startet etwas widerwillig, es ist kalt und nebelig und die hohe Luftfeuchtigkeit scheint zwei, drei Starterumdrehungen mehr nötig zu machen. Natürlich machen wir danach eine Runde betreutes Tropfen. Wir geben dem Volvo seine Zeit, bis er bereit ist, sich mit uns auf den Weg zu machen.

Durch den Nebel zwinkert schon, noch müde und schwach, die Sonne, lässt aber bereits jetzt erkennen, dass sie heute einiges auf der ToDo-Liste hat. Der Fähranleger von StenaLines ist nur 15 Minuten vom Hotel. 15 Minuten in denen Katrin auf Grund eines „Familientraumas“ etwas schwitzt: während eines Urlaubs mit selbiger in Schweden vor etlichen Jahren schepperte ihnen ein alter Mercedes auf genau diesem Stückchen auf dem Weg zur Fähre hinten drauf. Der Kofferraum war hinüber, das Gepäck unerreichbar und die Fähre dank Unfallaufnahme durch die Polizei fast weg…Trotz dichtem Berufsverkehr schaffen wir es ohne Blessuren bis zum Anleger und checken ein. Da wir mit der Fährbuchung für den Fall, dass wir noch Ärger mit dem Volvo haben, flexibel bleiben wollten, haben wir ein Premium-Ticket gebucht. Neben der Möglichkeit der kostenlosen Umbuchung bietet es uns auch den Priority-CheckIn und Out, also zuerst auf die Fähre, zuerst wieder runter. Sicherlich kein Muß, aber ziemlich komfortabel.

Im sich langsam auflösenden Nebel legen wir ab und fahren durch den Göteborger Hafen. Dieser ist im Kern entlang des Göta Älv Ufers angelegt, man bekommt bei der Hafenausfahrt also einiges geboten. Begleitet werden wir von drei kleinen Motorbooten, sie sehen nach Rettungseinheiten aus. Offensichtlich wird dort gerade das Nähern und Heranfahren an große Schiffe bei voller Fahrt ausgebildet. Nach einigen Minuten durchfahren wir die Älvborgsbron. Ziemlich cool, dass wir die Brücke jetzt bei Tag, bei Nacht und im Nebel erleben konnten. Am Göteborger Schärengarten und vielen, vor dem Hafen ankernden Schiffen vorbei geht es raus aufs offene Meer. Wir ziehen ein Göteborg-Fazit und sind uns sicher: hier kommen wir noch einmal hin. Vielleicht wenn es etwas wärmer ist.

Auf dem Weg rein, es ist mittlerweile doch ziemlich frisch auf Deck geworden, entdecken wir noch die Pet Toilet und sind etwas amüsiert. Zum einen über dieses Angebot, aber auch über seine etwas hilflose Umsetzung, denn wir haben eine Ahnung, was unser Hund hier machen würde. Nämlich nichts. Auf der anderen Seite ist es absolut großartig, dass auf dieser Fährverbindung nicht nur Hunde mit aus dem Auto raus dürfen, sondern es sogar einen eigenen Bereich zum Aufenthalt gibt. Inklusive Trinknäpfe und Pet Toilet. In diesem Bereich setzen wir uns an großzügige Fenster und lassen draußen das Meer an uns vorbei ziehen. Außerdem machen wir den Blogartikel zu gestern fertig, nachdem Sankt Pauli gestern aus dem Pokal geflogen ist, war die Luft etwas raus. Und in diesem Hundebereich kommt ein bisschen Vermissung nach unserem Hund auf. Er ist nicht mehr der Jüngste, lange Autofahrten gehen zwar klar, aber auf Dauer hätte es bei diesem Trip deutlich zu wenig Auslauf gegeben. So hat er es sich bei Matthias´ Eltern gut gehen lassen und wird gut ausgeschlafen und durchgekrault auf uns warten.

Beim Anlanden in Frederikshaven riecht das Auto wieder im Innenraum nach Benzin. Das hatten wir vor dem Losfahren schon einmal. Damals war auch der Vergaser noch dicht, zusätzlich waren alle Benzinleitungen dicht und auch der Tank hatte einer Druckprüfung standgehalten. Nicht nur wir waren mit unserem Latein am Ende, auch die uns unterstützenden Werkstätten hatten dazu keine Idee mehr. Wir haben das also einfach hingenommen, in der Kälte war es dann weg, mit Plustemperaturen scheint es dann wieder da zu sein. Bei der Ausfahrt merken wir, dass wir der freundlichen Dame von GoogleMaps noch gar keine Orientierungspunkte für die weitere Fahrt gegeben haben und entscheiden uns, bis nach Skagen, den nördlichsten Punkt von Dänemark zu fahren. Wir halten an einem Parkplatz, checken mal kurz die Lage und stellen fest, dass Skagen nicht wirklich Sinn ergibt. Vor allem nicht, wenn wir, aus Gründen ist das so geplant, bei Tageslicht am Ziel ankommen wollen.

Von Frederikshavn aus fahren wir über die 35 Richtung Hjørring, von dort nehmen wir die 55 über Løkken bis Aabybro. Die Straßen ziehen sich durch typische dänische Nordseelandschaft. Felder, unterbrochen von kleinen Buschwerken und Baumansammlungen, rechter Hand sehen wir die ersten Dünen. Es ist ein bisschen hügelig, die Straßen sind in hervorragendem Zustand und seit langem kann man sich auch beim Autofahren mal wieder zurücklehnen. Ab Aabybro geht es über die 11 Richtung Thisted, parallel zum Nordufer des Nibe Bredning, einem Nebenarm des Limfjordes. Der Limfjord ist ein langgestreckter Sund, also eine enge Meeresstraße, der die Nordsee vor Agger und Thyborøn mit dem Kattegat (dem Meeresgebiet zwischen Jütland und der schwedischen Westküste) vor Hals im Osten verbindet. Der Limfjord hat gute 1000 km Uferlinie, bekannt ist der Limfjord vor allem für seinen Muschelfang. Hier werden primär Miesmuscheln gefangen, der Limfjord hat aber auch die letzten Austernbänke Dänemarks, gleichzeitig das nördlichste Vorkommen von Austern in Europa.

Bei Østerild fahren wir an einem Windturbinen-Testfeld vorbei. Historisch wurde die Gegend schon seit ca. 1450 durch fliegenden Sand geplagt. Um 1889 herum hat man mit der Anpflanzung von Bäumen in Plantagenform begonnen. Man hoffte, so den Sand in den Griff zu bekommen. Um 2012 wurde damit begonnen, eine Testfläche für die Entwicklung von Offshore-Windturbinen zu suchen, diese müssen bestimmten Standards unterliegen und letztendlich fiel die Wahl auf Østerild. Insgesamt stehen hier Testturbinen mit einer Höhe von 240 m, in Zukunft ist die Entwicklung von Turbinen mit einer Höhe von bis zu 400 m geplant. Spannenderweise hat die Nutzung der Gegend als Testfläche zu einer Ansiedelung von Fledermäusen geführt. Seit 2015 kann man hier auch Seeadler beobachten. Kurz vor Thisted haben wir dann auch endlich das Wasser vor Augen, ab hier begleitet es uns ständig. Bei strahlender Sonne ein toller Ausblick und es macht Spaß, hier zu fahren.

Hinter Koldby biegen wir auf die 527 in Richtung Vesterby ab, hier fallen uns bei einer kurzen Pause die ersten Knospen auf. Ein bisschen verrückt für uns, waren wir vorgestern noch im tiefgefrorenen Schweden, auch in Göteborg war noch deutlich Winter, so sind wir hier jetzt im Frühling angekommen. Mit einem dafür geschärften Blick fallen uns jetzt auch die frischen Grasnarben und der ganz zarte Hauch von Grün, wie ihn die ersten neuen Triebe durchschimmern lassen, an den Bäumen auf. In Vesterby nehmen wir die 181 die erst geradewegs nach Westen läuft, um dann im rechten Winkel nach Süden abzuknicken. Rechts haben wir jetzt die Nordsee, links das Krik Vig. Als 1825 das Meer die Nehrung Agger Tange durchbrach, konnten Schiffe erstmalig in den Limfjord einfahren. Auf Grund seiner Tiefe war das Wasser um Krik ideal als Anker- und Umschlagplatz. Durch die Landzunge vor den Wellen der Nordsee geschützt, konnten hier Schiffe ungefährdet beladen und gelöscht werden. Primär wurden hier Getreide, Bauholz und Eisen zum Weiterverkauf in Thisted und Aalborg verladen. Heute sind große Teile verlandet und auf Grund der wenigen Menschen hier ein beliebtes Vogelgebiet.

Der Durchbruch von 1825 ist heute der Thyborøn-Kanal, dieser wird von einer kleinen Fähre, die fester Bestandteil der Straße 181 ist, überbrückt. Wir haben diesmal Fährglück und kommen exakt so an, dass wir in Ruhe ein Ticket am Automaten ziehen, der Löschung der Fahrzeuge auf der Fähre zugucken und dann selber auf die Fähre fahren können. Die dann exklusiv für uns wieder zurück nach Thyborøn fährt. Der Hafenbereich und die ersten ein, zwei Kilometer der 181 sind dann eher unschön, hier wird produziert und man hat bei der baulichen Planung der Produktionsstätten wenig auf Ästhetik geachtet. Auch Thyborøn selber ist eher pragmatisch angelegt, dänische Dorfästhetik fehlt weiträumig.

Bei Harboøre fahren wir auf den Flyvholmvej der im Strandvej weitergeht. Matthias´ Familie macht seit vielen Jahren einmal im Jahr gemeinsam in Dänemark Urlaub und seine Wurzeln hat diese Tradition in dem kleinem Ort Ferring. Vorbei an dem Brackwassersee Ferring Sø fahren wir in das Dorf. Die Sonne beginnt gerade unterzugehen und durch die Ausrichtung der Uferlinie tut sie das in einem wunderschönen Winkel zum Land. die ganze Gegend ist in goldenes Licht getaucht. Deswegen wollten wir noch vor Einbruch der Dunkelheit hier sein. Wir parken den Volvo 145 Express am Jens Søndergaard Museum. Jens Søndergaard war expressionistischer Maler zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Das Museum, Teil des Lemvig Museums, ist in seinem ehemaligen Sommerhaus untergebracht. Von Ferring aus laufen wir die sich Richtung Bovbjerg Fyr anhebende Steilküste entlang und genießen das Rauschen der Brandung und die Sonne und den Wind im Gesicht. Mal zu Fuß gehen, ist auch nicht verkehrt.

Mit dem Abendrot setzen wir uns ins Auto und fahren die verbleibenden 3 Kilometer bis zu Rikke og Frank´s Svineri wo wir ein kleines Appartement für die Nacht gebucht haben. Wir werden sehr herzlich von Rikke empfangen, das Appartement ist ein kleines Träumchen. Die Frühstückszeit für den nächsten Morgen können wir uns aussuchen und kriegen Eier und Speck aus eigener Tierhaltung angekündigt. Das Auto steht direkt vor der Tür und durch die große Glasscheibe verabschieden wir vom Essentisch bei Spaghetti Bolognese die letzten Sonnenstrahlen.

Und haben noch einen Gedanken im Kopf: bei unserer Tourenplanung haben wir ja mit verballertem Kopf vorgestern Abend völlig übersehen, dass wir nicht eine Nacht in Dänemark eingeplant hatten, sondern zwei. Denn wir wollen erst am Freitag in Hamburg sein. Von der Svineri bis Hamburg sind es aber nur round about 4,5 Stunden Fahrt. Ein Zwischenstop irgendwo über Nacht macht also nur bedingt Sinn. Deswegen schreiben wir Rikke und Frank ob wir nicht noch eine Nacht länger bleiben könnten. Was wir können. Und auch tun werden. Und uns so auf einen spontanen Tag völliges Rumhängen ohne Programm freuen.

3 Kommentare

  1. gute Nacht –
    und morgen dann ein entspanntes und zufriedenes „Rumhängen“
    Dickes Dankeschön euch Dreien, dass ihr uns mitgenommen und
    immer gut unterhalten habt.
    Da habt ihr euch rumhängen, ausruhen und Frühling morgen wahrlich verdient 🙂
    Und bei Sonne und Frühling, reicht´s ja dann auch mit Schnee und Eis.

    Eine friedvolle Nacht euch & dem Rest der Welt!!

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  2. Hallo ihr zwei, nachträglich noch herzlichen Glückwunsch an euer Gerburtstagsauto. Erst bei euren Schilderungen des Geburtstags und des Volvomuseums ist mir wieder eingefallen, dass ich selbst mal als Student so einen hatte, für ca. ½ Jahr. Ich glaube, der hieß 143 und war eine weiße Stufenhecklimousine, Automatik. Das muss so Ende der 70er gewesen sein und das war zu der Zeiteben ein Auto, das ich mir als Student eben leisten konnte: Genügend TÜV-Restlaufzeit, um es eine Weile ohne größere Reparaturen fahren zu können. Quasi als Letzt- oder maximal Voerletzt-Besitzer. Das macht mir deutlich, was 50 Jahre bei diesem Baujahr bedeuten. Damals starben die Autos ja in der Regel nach 8 (Kleinwagen) – 12 Jahren (Oberklasse) an Rost. Und ich erinnere mich auch wieder deutlich an Probleme mit dem Versager. Der war völlig anders aufgebaut, als ich das von meinen Mopeds und von den Renaults kannte. Bei mir war eine Membran kaputt und das äußerte sich seltsamerweise nicht in einem Totalausfall, sondern ich konnte einfach nicht schneller als 60 km/h fahren. Gute Heimfahrt noch! Best regards, Barney Heymann

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    1. Hallo Barney,
      ja, leider sind die meisten 140er irgendwann als günstige Brot- und Butterautos verheizt worden. Und wenn sie es irgendwie überstanden haben, dann sind sie für die Restaurierung hochwertigerer Volvo geschlachtet worden. Umso mehr haben wir uns darüber gefreut, in Schweden etliche davon auch im Wintereinsatz auf der Strasse zu sehen;)

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