Tag 22 – Wenn schon, denn schon

von Trans (Dänemark) nach Köln (Deutschland)

gefahrene Kilometer: 971 km

Roadtime: 11 Stunden

Temperatur: von 4 über 6 und 1 zu 5 Grad

89 l getankt

6x Pipipause, 4x tanken

Schäden: Temperatur- und Tankanzeige ungenau

Wir starten den Tag noch einmal mit dem hervorragendem Frühstück von Rikke und Frank. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint, das ist perfektes Reisewetter. Schnell ist der Volvo gepackt und wir bezahlen bei Frank die zweite Nacht und die beiden Frühstücke. Übrigens das einzige Mal, dass wir auf der ganzen Tour mit Bargeld zu tun haben. Ansonsten ging alles entweder mit der Kreditkarte (vor allem an den Tankstellen brauchten wir diese noch) oder mit Apple Pay. Bargeld ist in Skandinavien eher etwas aus der Mode. Für’s Reisen ist das superkomfortabel, grundsätzlich vielleicht etwas schwierig zu bewerten. Wichtig dabei vor allem: die Ein- und Ausgänge im Auge behalten. Gerade die Tankstellen blocken immer einen Maximalbetrag, in der Regel irgendwas um die 150 € und buchen dann natürlich nur den eigentlichen Betrag ab, aber für eine gewisse Zeit bedeutet das trotzdem mehr nicht verfügbares Geld. Wir nutzen unsere Kreditkarte als eine Guthaben-Kreditkarte, entsprechend schauen wir regelmäßig auf den Zwischenstand und laden im Zweifel nach. Alternativ braucht man einfach einen entsprechend großzügigen Verfügungsrahmen.

Obwohl wir einen langen Tag vor der Brust haben, an dem wir alle Statistiken der letzten Reisetage brechen werden, starten wir recht spät und wählen für einen Großteil Dänemarks noch die landschaftlich reizvolle Strecke die 181 entlang. Die gut 175 Kilometer lange Küstenstraße geht von Hanstholm ganz im Norden Dänemarks die komplette Nordseeküste entlang, bis sie am südlichen Ende des Ringkøbing Fjords Richtung Südosten abbiegt und bei Varde schließlich in die zurück Richtung Norden laufende 12 übergeht. Beim Starten des Volvos fällt auf, dass die Tankanzeige trotz vollem Tank nur noch 3/4 Füllung anzeigt. Wir fahren also eher nach Kilometerzähler als nach Anzeige, da diese bereits nach gut 250 km auf „Leer“ steht. Böse Zungen, die ein paar Kilometer mit uns geschrubbt haben, behaupten ja, wir würden unsere Roadtrips primär an Tankstellen verbringen, aber mehr als 250 km schaffen wir dann doch mit einem Tank. Vielleicht erklärt sich so auch, dass die Temperaturanzeige nicht in Schwung kommt. Die zeigt seit gestern durchgehend kalt an – wenn man ein Viertel Anzeige aufschlagen würde, wären wir bei einer glaubhaften Motortemperatur. Das Kombiinstrument steht eh schon auf der Durchcheckliste, das prüfen wir also zu Hause.

Die 181 ist eine unaufgeregt zu fahrende Straße, toller Asphalt, sanfte Kurven, ein klitzekleines bisschen hügelige Streckenführung, viele lange Geraden. Trotzdem ist das keine Straße zum Durchknallen. Die abwechslungsreiche Landschaft hinter den Dünen der dänischen Nordseeküste lädt zum gemütlichen Cruisen ein, das Bild vor den Scheiben ist abwechslungsreich. Dank der beiden großen Fjorde fährt man teilweise mit ausgedehnten Wasserflächen auf der östlichen, also der dem Land zugewandten Straßenseite. Hier liegen riesige Vogelgebiete, einige davon als Brutreservate ausgewiesen. Zu den Zugzeiten im Herbst und im Frühjahr herrscht hier reger Flugverkehr.

Am Nissumfjord steht die Straße teilweise unter Wasser, wir müssen immer wieder in den Gegenverkehr ausweichen. Die Wasserstände sind lang und sehen tief aus, der Verkehr ist überschaubar und entsprechend gehen wir kein Risiko eines abgesoffenen Autos ein. Wobei eine Unterbodenwäsche auf keinen Fall verkehrt wäre. Die ganze Region um den Nissum- und den Ringkøbingfjord sind nicht umsonst begehrte Tourismusgebiete. Nah genug für die aus Deutschland Anreisenden, eine schöne, teils noch sehr ursprüngliche Nordseelandschaft im Süden mit Wattenmeer und im Norden mit rauher Seeküste und geprägt von einem schönen Mix aus Feldern, Heidelandschaften und kleinen, knubbeligen Waldschonungen. Nicht umsonst ist Dänemark und gerade der südwestliche Teil für uns auch ein Jahr für Jahr angesteuertes Erholungsgebiet. Hier laden wir einmal im Jahr gerne unsere Akkus wieder auf und genießen Natur und Klima.

Auf Grund einiger Baustellenumfahrungen sieht unser Tracking hinter dem Ringkøbing Fjord etwas desorientiert aus, im Kern steuern wir aber Ribe an, um von dort Richtung Flensburg zu fahren. Ab Flensburg hängen wir uns auf die Autobahn und ziehen bis Köln durch. Das ist noch eine ziemliche Monster-Etappe zumal Autobahnspulen im Oldtimer jetzt nicht gerade das größte Vergnügen ist. Wir sind zu schnell für die LKW und zu langsam (~110 km/h) für den restlichen Verkehr, aufmerksames und umsichtiges Fahren ist also angebracht. Wir sind mit guter Musik, ausreichend Snacks und Getränken ausgestattet und haben auf den gut 570 km Autobahn genug Zeit, um die letzten drei Wochen ein wenig Revue passieren zu lassen und ein kleines Fazit zu ziehen.

Unsere Routenplanung war in großen Teilen ziemlich gut. Die Etappen an der Ostsee hoch waren abwechslungsreich und die Städte entlang der Strecke haben mehr geboten, als wir wahrnehmen konnten (oder auf dieser Tour wollten). Bis auf waghalsige LKW-Fahrer:innen ließ es sich entspannt und angenehm fahren, außerdem hat der Blick auf die Ostsee und die eine oder andere schöne Brücke immer wieder belohnt. Ebenfalls großartig waren die Etappen die schwedisch-finnische Grenze hoch in den Norden. Die kleinen Dörfer und die großen Mengen Schnee und Eis bei gleichzeitig noch recht „dichter“ Besiedelung hatten durchaus ihren Reiz. Außerdem ist der Grenzfluss Torne Älv auch zugefroren wirklich schön. Spannend war hier die parallele Beschäftigung mit der politischen und gesellschaftlichen Geschichte der Region. Finnland im Anschluß hat speziell Matthias ja etwas Bauchschmerzen bereitet, immerhin ist er da noch nie heile rausgekommen. Aber diesmal hat Finnland sowohl das Auto verschont als uns auch eine wunderbare Unterkunft beschert. In Finnland haben wir uns endgültig für eine Verlängerung des Trips Richtung Norden und für das Nordkap entschieden, was definitiv richtig war. Ab Alta nordwärts ist Skandinavien im Winter noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Meterhoher Schnee, schnelle und spontane Wetterwechsel, kombiniert mit der dortigen Fjordlandschaft schaffen ein ganz besonderes Erlebnis. Hätten wir das ausgelassen, hätte etwas gefehlt. Und obwohl Katrin einmal und Matthias bereits zweimal am Nordkap waren, ist es doch ein emotionales Highlight dieses „Ziel“ zu erreichen. Und ein Sammelpunkt, an dem man ähnlich (oder noch stärker) Bekloppte treffen kann. Ab dem Nordkap fing ja quasi die Rückfahrt an, diese planten wir zunächst aber mit einem Umweg durch die Lyngenalpen. Kein großer Landstrich und touristisch eher überschaubar erschlossen war der Stop hier (und kein Halt in Tromsø wie ursprünglich geplant) nicht nur wegen der Polarlichter und der Hundeschlittentour der Wahnsinn. Diese Gebirgskette hat einen sich deutlich von der Skanden unterscheidenden Charakter, eine eigene Wildheit. Hier hätten wir auch länger bleiben können. Im Anschluß folgte dann die notwendige aber in sich eher unspektakuläre Rückfahrt durch die Mitte Schwedens. Bestimmt ist diese ganze Strecke und die Landschaft eigentlich wunderschön, gegen das Atemberaubende die Tage vorher stank das aber alles ziemlich ab. Und überschattet wurde das emotional auch sicherlich durch das Wissen, dass wir uns auf dem Heimweg befinden. Göteborg ist ein Kapitel für sich, von der Stadt haben wir deutlich zu wenig mitbekommen. Dänemark zum Schluß war gut zum Runterkommen und Durchatmen. Dafür eignet sich dieses Land und seine Küste einfach ganz wunderbar. In Zukunft würden wir wahrscheinlich deutlich weiter im Voraus buchen, die ein oder andere nicht so tolle Unterkunft hätte wahrscheinlich vermieden werden können, wenn wir nicht kurz vorm Einschlafen mit schon völlig dullem Kopf noch irgendwas gebucht, sondern uns etwas mehr Zeit für einen Überblick über das Angebot sowie die entsprechenden Rezensionen gelassen hätten.

Die Vorbereitungen am Auto (dazu schreiben wir wegen einiger Nachfragen noch einmal einen eigenen Artikel) haben sich gelohnt, auch wenn wir den Motorvorwärmer zum Beispiel nicht so häufig einsetzen konnten, wie wir es gerne getan hätten. Einen Satz Spikereifen auf Felgen mitzunehmen, war Gold wert. Wir haben nach dem Wechsel auf Winterreifen ja noch einmal einige Schnes/Eis-Straßen-Momente gehabt und das wäre trotz sehr guter Winterreifen im Norden die absolute Hölle gewesen. Mit modernen Autos mag das gehen, mit so einem alten Knochen ohne irgendwelche Hilfsmittel ist eine physikalische Traktionsverstärkung unabdingbar. Ein paar Spuren hat der Trip trotzdem hinterlassen: die Windschutzscheibe ist gerissen, der Vergaser muss überholt werden, das Thermostat noch einmal getauscht werden, irgendetwas stimmt mit dem Kombiinstrument nicht, der Sensor vom Thermoschalter muss noch einmal richtig befestigt werden und es gibt einige Dinge, die jetzt aufgefallen sind und ergänzt werden müssen. Unterm Strich aber haben wir nach einigen Schreckmomenten am Anfang keinen echten Ausfall gehabt und nichts, was wir nicht irgendwie beheben konnten. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an alle, die unsere Überlegungen vorab mit uns durchdiskutiert haben, wichtige Ratschläge und Hinweise hatten und uns auch praktisch bei einigen Dingen unter die Arme gegriffen haben.

Die gewählte Kleidung war auf alles vorbereitet: wir hatten Anziehsachen für Temperaturen von +10 bis über den Daumen -30 Grad dabei. Gebraucht haben wir die Sachen für den Niedrigsttemperaturbereich nicht wirklich, was okay war. Hätten wir eine Panne gehabt, wäre das aber ein sinnvolles Backup gewesen. Ebenfalls nicht gebraucht haben wir den Campingkocher, den hatten wir auch als Notfallkocher und -heizung für den Pannenfall sowie für richtig schlechte Unterkünfte mitgenommen. Was wir beim nächsten Mal vor Ort noch kaufen würden, wären warme Schuhe. Wir hatten unsere dicken Wanderstiefel dabei, mit doppelten Socken, aber wir haben immer wieder sehr kalte Füße gehabt und es hat ewig gedauert, bis sie wieder warm waren. In den Leihstiefeln während der Hundeschlittentour war das nicht der Fall. Außerdem würden wir beim nächsten Mal einen elektrischen Heizlüfter – so ein kleines, kompaktes Teil – einpacken. Viele Unterkünfte sind zu spät angeheizt worden, so dass sie bei Ankunft noch stark ausgekühlt waren. Highlight diesbezüglich waren 11 Grad. Es hat gefühlt immer ewig gedauert, bis die Unterkünfte dann warm waren, manchmal bis zum nächsten Morgen. Nach einem Tag auf der Straße und in der Kälte eher unschön. Wir haben uns dadurch auf jeden Fall beide im Laufe der Tour eine Erkältung zugezogen.

Ansonsten war es ein grandioses Abenteuer, mit einem 50 Jahre alten Auto durch den skandinavischen Winter zu fahren. Einen Oldtimer so viele Tage und Kilometer am Stück zu bewegen, ist an und für sich schon ein besonderes Erlebnis. Das auch noch bei Schnee, Eis und sehr dunkler Nacht zu machen, toppt das Ganze noch einmal. Gute Vorbereitung des Materials, gute Planung, viel Umsicht und eine gute Portion kölsches „Ett hätt noch immer jut jejange“ haben zu einem superguten Abenteuer und Erlebnis geführt. Und dem Wissen: das geht.

Spät in der Nacht kommen wir im Likedeeler-Hauptquartier an, entladen den Volvo noch schnell und freuen uns über unsere Matratze, unser Bad und eine gut vorgeheizte Wohnung (Danke dafür!). So schön es ist, unterwegs zu sein und so traurig es ist, dass das Unterwegs sein immer wieder auch ein Ende hat, so schön ist es doch auch, an einem Ort zu sein, an dem alles an seinem Platz ist, die Dinge so sind, wie sie sein sollten und man in Ruhe und Frieden entspannen kann.

Jetzt muss das nur noch die restliche Welt da draußen auch tun. In Ruhe und Frieden entspannen. Und vielleicht mal einen wilden Roadtrip machen.

2 Kommentare

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