Tag 3 – von Schwarz zu Grau

von (Kiel) Göteborg nach Gastorp

308km gefahren

Roadtime: 09:10h

Sonnenaufgang Start: 08:25

Sonnenuntergang Ziel:16:12

Temperatur: 1- 4 Grad, neblig bis bewölkt

27l getankt

3x Pipipause, 1x Tanken, 1x Scheibe putzen, 1x Biltema und Lidl, 1x Saab Museum (ca. 1 Stunde), 1x Besuch bei Stefan (ca. 2h)

nix repariert

Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 21 Knoten (sagenhafte 39km/h) schippern wir die Nacht über die Grenze zwischen Skagerak und Kattegat entlang. Die See scheint ruhig, angekündigt war Wind mit ca. 3 Beaufort aus westlicher Richtung, wir bekommen jedenfalls kaum etwas mit, die Sorge vor Seekrankheit – wir sind beide anfällig – scheint unbegründet. Nach dem ausgiebigen Abendessen und einem kurzem Deckspaziergang ziehen wir uns auf’s Zimmer zurück und machen auch recht früh die Schotten dicht. Um 05:30 Uhr klingelt der Wecker, wir brauchen noch etwas um in die Gänge zu kommen. Trotz komfortabler Betten war die Nacht etwas unruhig, die Klimaanlage brummte in einer Lautstärke, die selbst durch Ohropax nicht zu bändigen war. Und sie gibt uns ein unnettes Präsent mit: Wir wachen beide verschnupft auf.

Mit noch kleinen Augen „springen“ wir nacheinander unter die Dusche, die nicht richtig ablaufen will und so das Bad komplett überschwemmt. Wir schaffen die obligate Körperhygenie bevor auch noch das Zimmer mit Teppich unter Wasser steht und machen uns auf zum Frühstück. Dort sind wir so früh, dass wir noch einen Platz am Fenster ergattern. Noch ist es draußen komplett schwarz. Das Abendessen konnte punkten, das Frühstück nicht so sehr. Erst recht nicht, als Katrin nach Informationen bezüglich einiger Inhaltsstoffe fragte. Obwohl überall steht, dass man für Informationen zu Allergenen das Personal fragen soll, führt dieses sich auf, als hätte Katrin verlangt, dass sie sofort die eigenen Eltern verkaufen sollen. Auch das Buffet lässt zu wünschen übrig. Matthias ist noch ausreichend satt vom Abendessen, Katrin hilft sich mit Obst und Gemüse. Wir lassen uns davon aber nicht stressen und essen ganz in Ruhe. Währenddessen schälen sich aus dem Schwarz erste erkennbare Abstufungen am Horizont heraus, später gesellen sich zart durch die Dämmerung schimmernde Schaumkronen von Wellen dazu, bis nach und nach ein Ausblick möglich ist. Über allem liegt ein grauer, nebliger Schleier der das Sonnenlicht nicht so richtig durchlässt. Trotzdem sehen wir bald auch erste Felsinseln, geankerte Schiffe und Leuchtfeuer – Göteborg ist nicht mehr sehr weit entfernt. Wir sind fertig mit dem Frühstück und gehen an Deck, um den Tag dort zu begrüßen und die Hafeneinfahrt an der frischen Luft zu verfolgen.

2022 haben wir Göteborg mit einer Fähre in die andere Richtung verlassen und dabei schon einmal die Älvsborgsbron unterfahren. Zwei Tage zuvor waren wir drüber gefahren. Eine 45 Meter hohe, sehr zweckmäßige und doch elegante Hängebrücke. Wir genießen den Anblick, anschließend packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg zum Auto. Um 09:15 soll man dort sein, dies gestaltet sich ob des Staus im Treppenhaus schwierig. Erst um Punkt 09:15 werden die Tore zum Parkdeck geöffnet. Wir verpacken unseren Kram und haben ein DejaVu: Auch beim Boarding gab es eine Zeit, zu der wir unbedingt am Auto sein sollten und dann verging noch sehr viel Zeit, bis es wirklich losging. Gleiches Spiel, anderer Hafen. Gegen 10:10 Uhr verlassen wir die Fähre, stehen dann nochmal gut 50 Minuten auf dem Hafengelände. Jedes Auto wird vom Zoll in einer einzelnen Schlange kontrolliert. Bei uns wollen sie neben der Tatsache, ob wir etwas zu verzollen hätten auch noch wissen, was wir in Schweden machen und ob es unser erstes Mal in Schweden sei. Dabei Blick in die hinteren Türen, vom Öffnen der Kofferraumklappe kann Matthias sie abhalten. Was war das eine schöne Zeit, als Europa noch ein Land der Freizügigkeit war…In der Schule gab es früher „genau ausgemessene Grenzen“ auf den Schultischen, damit der Tischnachbar nicht einen Millimeter mehr Platz nutzen konnte als ihm zustand. Und genau so kindisch wie das damals wirkte, wirkt der neue nationalistische Trend der Abschottung. Wir werden sehen, was wir davon haben. Die Vermutung liegt nahe, dass daraus wenig Gutes folgt.

Vom Hafen aus nehmen wir die landschaftlich reizvolle Strecke – die E20 Richtung Alingsås bis Vårgårdabiegen und dort auf die 42 Richtung Nordwesten. Wir fahren gut 1,5 Stunden durch nebelverhangene Wälder, kleine schnuckelige Dörfer und vorbei an gepflügten Feldern mit schwerer, brauner Erde bis nach Trollhättan. Nachdem wir vor drei Jahren zum Geburtstag unseres Volvo 145 Express das Volvo Museum in Göteborg besucht haben, widmet sich unser automobiler Bildungsauftrag dieses Mal dem zweiten schwedischen Autobauer. Das Saab-Museum liegt direkt am Åkersström, einem ursprünglich natürlichem Fluss, dessen Verlauf zur kommerziellen Nutzung als Kanal im 19. Jahrhundert komplett umgestaltet wurde. Uns wurde es mehrfach wärmstens empfohlen, die Saab-Fahrer:innen in unserem Umfeld schwören darauf (Liebe Leute, ihr wisst wer ihr seid: Es ist wirklich Zeit für einen gemeinsamen Roadtrip!)…

…Aber ein bisschen werden wir enttäuscht. Die Ursache finden wir auch sehr schnell: Wie schon im Volvo Museum ist das Saab Museum kein wirkliches Museum. Es erzählt keine wirkliche Geschichte. Es informiert hier und da über die Exponate, setzt diese aber kaum in einen Zusammenhang zueinander. Das Saab Museum ist vielmehr eine Galerie, eine Sammlung, mit ganz hervorragenden und spannenden Stücken. Und wenn man es so betrachtet, dann machen sowohl das Volvo-Museum vor drei Jahren als auch das Saab-Museum Spaß. Was uns im Saab-Museum fast vollständig fehlt sind die Flugzeugproduktion und andere Erzeugnisse wie Boote & Trucks (Scania). Die Ausstellung beschäftigt sich ausschließlich mit der Kfz-Sparte von Saab.

Nach gut einer Stunde sind wir durch und starten zu einem ungeplanten aber bekannten Zwischenstop: Biltema. Wir brauchen neue Scheibenwischer, unsere montierten schmieren. Und heute morgen, nach einer kalten Nacht auf der Fähre, erschien unsere Starterbatterie etwas schwach. Wir brauchen etwas um die richtige Batterie zu finden, ergänzen den Einkauf um einen Zollstock, eine Sprühflasche zum Reinigen der Scheiben von außen und Handwärmer für den Notfall (unsere haben wir zu Hause vergessen). Anschließend besorgen wir uns im nahen Lidl noch Sprudelwasser und düsen zufrieden los. Was wir allerdings vergessen haben, sind die Scheibenwischer. Zum Glück gibt es noch ein paar Biltemas auf der Strecke 😉

Es ist immer noch nebelig und grau, die Straße ist matschig versifft und der Leichenwagen sieht nach weniger als 200 km wie gepökelt aus. Da der Biltema-Besuch etwas länger gedauert hat, entscheiden wir uns gegen die bisher eingeschlagene landschaftlich reizvolle Strecke und fahren direkt von Trollhättan nach Floby. Denn wir sind noch verabredet! Warum? Dafür muß etwas ausgeholt werden. Unser Volvo hat eine (wahrscheinlich irgendwann einmal) nachgerüstete Mittelkonsole. Deren Plastik hat jegliche Weichmacher ausgedünstet, es ist spröde und an jeder erdenklichen Stelle gebrochen. Eigentlich hält das Ganze nur noch mit Gaffatape zusammen. Als wir die Sitze zum Autosattler brachten, haben wir auch die Mittelkonsole mitgenommen. Der Sattler hat nur abgewunken und eine Reparatur als aussichtslos deklariert. Auch Nachfragen in diversen Foren und Chatgruppen für alte Volvos brachten kein Ergebnis, scannen und 3D-Drucken würde wahrscheinlich in der benötigten Größe absurd teuer werden. Im Zuge dieser ganzen Anfragen und Diskussionen hatte Matthias auch Stefan angeschrieben. Stefan hatte uns vor drei Jahren schon einmal weiter geholfen, ist Mitglied in der Scandinavian Hearse Society und lebt in Floby in einem automobilen Wunderland – einer alten Tankstelle mit Werkstatt und viel Platz für diverse Leichen- und Krankenwagen und andere ganz wundervolle Autos, schwerpunktmäßig Amis. Und als Matthias für einen Selbstversuch bereits Glasfaser und Kunstharz bestellt hatte, meldet sich Stefan und hat eine neue Mittelkonsole aufgetrieben. Niemals verbaut, irgendwann aus einem Restbestand von einem Freund gekauft und dann ewig in einer Halle eingelagert. Das schwierige beim Thema Mittelkonsole für unseren 140er Volvo ist nämlich, dass nur das Modelljahr 1972 das alte Armaturenbrett vom Vorfacelift-140er hat, aber den Mitteltunnel mit mittigem kurzen Schaltknauf vom Facelift-140er. Sprich: Die Mittelkonsole von den Modelljahren bis 1971 passt nicht, da der Schaltknauf woanders montiert ist und die Mittelkonsolen ab 1973 passen nicht unter das alte Armaturenbrett. Entsprechend rar sind die Dinger und entsprechend gefreut haben wir uns über die Meldung, dass Stefan eine solche aufgetrieben hat. Noch mehr gefreut haben wir uns, dass Stefans Freund nichts dafür haben will.

Wie passend, dass wir im Prinzip an Stefans Tankstelle vorbeifahren und das Teil abholen können. So sparen wir uns das Geld und das Risiko des Versands und Stefan die Mühe. Stefan lädt uns mit seiner Frau Jennie noch zu Fika ein. Fika ist eine soziale Institution in Schweden. Man unterbricht das Tun, um mit Familie, Freund:innen oder Kolleg:innen einen Kaffee zu trinken und in der Regel etwas Süßes dazu zu essen. Quasi eine ausgedehnte Kaffeepause mit kleiner Zwischenmahlzeit. Das Ganze ist elementarer Bestandteil der schwedischen Kultur und wahrscheinlich einer der Gründe, warum Schweden an Platz Vier des Pro-Kopf-Absatzes von Kaffee weltweit liegen. Zum Kaffee gibt es Semla, ein Gebäck, das es traditionell von Januar bis März gibt. Es sieht ein wenig aus wie Windbeutel, der Teig hat aber mehr die Struktur eines Berliners. Anstelle der Marmelade befindet sich saftiges Marzipan, der Teigknubbel ist halbiert und mit Sahne gefüllt. Unglaublich lecker. Wir quatschen über Gott und die Welt. Erstaunt sind wir, als beide erzählen, sie hätten wissentlich noch nie Polarlichter gesehen. Eine Info macht uns jedoch ziemlich Gedanken: Auf die Frage, ob das Wetter so normal sei, antworten Stefan und Jennie, dass es vollkommen untypisch warm sei aktuell in Skandinavien. Eigentlich müssten jetzt knackige Minusgrade herrschen. Inklusive Garagentour bleiben wir gute zwei Stunden und fahren dann durch die inzwischen eingesetzte Dunkelheit zu einer kleinen Hütte bei Gastorp. Was uns nicht loslässt, ist die Temperaturinfo. Katrin checkt das Wetter auf der Strecke und fast die gesamte Route entlang ist die Prognose um den Gefrierpunkt herum, teilweise sogar deutlich im Plusbereich. Das irritiert uns, wir suchen Webcams entlang unserer Route und sehen zwar hier und da Schnee, von der weißen Masse, die wir vor drei Jahren durchfahren haben, kann man aber wirklich nicht sprechen. So richtig wissen wir noch nicht, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen sollen. Enttäuschend ist sie allemal.

In Gastorp angekommen laden wir das Auto fast komplett aus. Wir müssen unsere Rucksäcke mit frischer Wäsche bestücken und ein paar Sachen umpacken. Bevor es an diesen Artikel geht, gibt es noch wärmende Blumenkohlsuppe mit ausgelassenem Speck. Und vielleicht später noch ein bisschen was zum Snacken für bessere Laune. Der Tag fühlt sich gebraucht an & das trotz des netten Nachmittags bei Stefan & Jennie ;(

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