Tag 9 – ein bisschen Gold und Silber…

von Enontekiö bis nach Alta (Altafjord Gestegaard)

277 gefahrene Kilometer

Roadtime: 07:30

Sonnenaufgang Start: 09:46 OEZ (08:46 MEZ)

Sonnenuntergang Ziel: 14:11 MEZ

25l getankt

Temperatur -4 bis 0 Grad

1x Pipipause, 1x Foto, 1x Juhls Silber-Galerie, 1x Foto mit Pipi, 1x Nickerchen mit Pipi, 1x Essen, 1x tanken, 3x Altafjord

Reparaturen: Batterietausch

Früh klingelt der Wecker. Nicht wirklich weil wir unmittelbar sofort aufstehen müssen. Sondern weil das Auto Aufmerksamkeit braucht. Wie schon die ganzen letzten Tage. Die erste Tat des Tages lautet nämlich immer: raus in die Kälte, Auto aufschließen, zwei Schalter betätigen, das Auto wieder abschließen und nach drinnen verschwinden. Denn das Auto hängt zwar die ganze Nacht am Landstrom, um die Batterien bei der Kälte zu laden, aber der Motorvorwärmer und der Innenraumheizer dürfen nur ca. drei Stunden vor Start genutzt werden. In der Regel wird das über eine Zeitschaltuhr oder über Funk geregelt. Es gibt sogar ein App-taugliches Modul für unser Auto. Alles ziemlich teuer, also tun es in unserem Fall auch zwei Schalter, die manuell im Auto betätigt werden müssen. Die Kostenersparnis von 180 € Startpreis wird also durch kurzes Schockwecken erkauft.

Gestern hat unser Außenthermometer irgendwie den Dienst quittiert, heute spontane Wunderheilung und Rückkehr zum Dienst. Und noch etwas fällt beim frühmorgendlichen Wechselbad der Temperaturen auf: Finnischer Himmel kann so etwas wie blau. Tatsächlich scheinen die Wolken sich etwas aufzulösen. Was für eine Perspektive: Nach 8 Tagen grau in grau vielleicht die Chance auf freien Himmel und Sonnenschein. Und vielleicht sogar auf Polarlichter, wenn sich das bis heute Abend weiterhin so hält.

Zum Frühstück besuchen uns Meisen und schlagen sich an der Futterstelle unmittelbar neben dem Esstischfenster den Bauch voll. Uns hetzt heute nichts, ab jetzt sind unsere Tagesetappen von überschaubarer Länge, um auch links und rechts ein wenig Zeit verbringen zu können und nicht nur durch die Gegend zu ballern. Wir packen ganz gemütlich unsere sieben Sachen und zum spätesten Check Out um 12:00 Uhr Ortszeit starten wir den Motor.

Direkt gegenüber der Einfahrt zum Gelände unserer Unterkunft geht die 93 weiter. Jene Straße, die uns vorgestern den letzten Rest gegeben hat. Auch heute ist sie – auch mangels Alternativen – die Straße unserer Wahl. In Finnland ist sie zwar nur als 93 ausgeschildert, ist jedoch auch hier Teil der E45, einer ca. 5.190 km langen durchgehenden Europastraße. Sie beginnt in Alta in Norwegen (unserem heutigen Ziel) und endet in Gela an der Südküste Siziliens. Matthias stellt kurze Überlegungen an, ob das einen Roadtrip wert sein könnte. Allerdings besteht die E45 in großen Teilen Mitteleuropas aus schnöden Autobahnen. Abenteuer klingt anders. Kleiner Funfact zu Europastraßen: In Deutschland bei der Beschilderung eher vernachlässigt, sind sie in vielen anderen Ländern Europas eine Bezugsgröße. Genauso wie deutsche Autobahnen nach einem Grundprinzip nummeriert sind, kann man sich auch recht einfach die Systematik von Europastraßen entschlüsseln. Grunsätzlich werden Europastraßen zwei- oder dreistellig nummeriert (stolpert man mal noch über einstellige, so sind dies Relikte aus den Anfangszeiten). Die wichtigsten Routen sind zweistellig nummeriert und haben als Endziffer entweder eine 0 oder eine 5. Die Endziffer 5 beschreibt jene Europastraßen, die einen Nord-Süd-Verlauf haben, die Endziffer 0 steht für einen Ost-West-Verlauf. Die Nummerierung passiert von West nach Ost bzw. von Nord nach Süd. Von den wichtigsten Routen abzweigende, sie verbindende oder anschließende Routen haben dreistellige Nummern. Die erste Nummer gibt die Anfangsziffer der nächsten nördlich verlaufenden Europastraße mit einer zweistelligen auf 0 endenden Ziffer wieder, die zweite entspricht der Anfangsziffer der nächsten westlich verlaufenden Europastrasse mit einer zweistelligen auf 5 endenden Ziffer wieder und die dritte Ziffer ist eine Seriennummer. Und obwohl sich dieses Reglement so anhört, als hätte es der deutsche Amtsschimmel höchstpersönlich entworfen, so hat Deutschland bei der Nummerierung der E451 dagegen verstoßen. Warum auch immer.

eine Europastraße von Nord nach Süd

Auf geht es also Richtung Alta. Die Straße verläuft grade und entspannt, die Landschaf ist recht weitläufig und flach, entsprechend sanft ist der Straßenverlauf. Links und rechts die finnlandtypische Vegetation aus viel Nadelwald und Birkenbestand, alles vom Schnee gepudert. Die Sonne lünkert uns durch die Rückspiegel immer wieder zu und wir lassen den Volvo laufen. Die ersten 17 Kilometer in vollständiger Einsamkeit, erst dann begegnet uns Gegenverkehr. Ein Auto, dann für viele weitere Kilometer erneut niemand. Man merkt die geringe Bevölkerungsdichte hier oben im Landesinneren. Immer wieder sehen wir eingezäunte Rentierherden im Hinterland. Eher ungewöhnlich erscheint da das Schrottauto im Straßengraben. Ohne Scheiben und vollständig mit Schnee gefüllt irritiert es etwas im Nirgendwo. Das Kopfkino springt – diversen Skandinavienkrimis sei Dank – direkt an.

Wir reisen in die Vergangenheit. Als wir die Grenze Norwegen/Finnland (und gleichzeitig auch Lappland/Finnmark, wobei letztere irritierenderweise in Norwegen ist) überfahren, stellen sich unsere Handys wieder eine Stunde zurück auf MEZ um. Alle anderen Uhren hatten wir für die drei Tage gar nicht umgestellt.

Auf unserem Weg liegt Kautokeino. Die flächenmäßig größte Kommune Norwegens hat ganze 2848 Einwohner (zur Größendimension: Es ist halb so groß wie Sachsen). Gut die Hälfte lebt in der gleichnamigen Stadt. Sie ist nicht nur Verwaltungsstandort, sie ist vor allem kulturelles Zentrum der Samen. Ihr heutiges Siedlungsgebiet erstreckt sich über die nördlichen Teile Schwedens, Finnlands und Norwegens sowie bis zu den Küsten der Barentsee und des weißen Meers auf der russischen Halbinsel Kola. In allen Ländern gelten sie als indigenes Volk. Nur Norwegen stellt sie aber unter den Schutz der ILO-Konvention und räumt ihnen damit besondere Rechte und Schutzmechanismen ein. Ursprünglich ein nomadisch lebendes Volk, das sich vor allem mit Rentierzucht und Robbenjagd wirtschaftlich beschäftigt hat, leben heute über 60% der Samen von modernen Berufen. Tourismus spielt hier eine wichtige Rolle.

In Kautokeino liegt auch Juhls Silber Galerie mit einer schönen Geschichte. Eine junge Silberschmiedin landet vor langer Zeit in der Finnmark und verliebt sich in einen Dänen, der seit 1959 dort lebt. Sie schaffen die erste Silberschmiede in der Finnmark und entwickeln einen Silberschmiedestil, der sich zum einen an der Kunst der Samen (zum Beispiel den Felszeichnungen in Alta) oder der Natur (hier insbesondere an Flechten und Moosen) orientiert und Inspiration holt.

Alle Stücke werden vor Ort in der eigenen Werkstatt gefertigt. Inzwischen hat die Tochter der beiden Künstler:innen die Leitung übernommen. Was diesen Ort aber besonders macht, sind zwei Dinge: seine Lage und seine Architektur. Auf einem Hügel über der Stadt gelegen schaut man in das Tal des Kautokeino elva, der sich hier durch die Berge und Hügel mäandert und sich da wo Platz war zu größeren Durchflussseen aufgestaut hat.

Die beiden Künstler:innen Regine und Frank Juhls haben an diesem Ort in kompletter Eigenleistung nach und nach ein aus mehreren Segmenten und Etagen bestehendes Gebäude gebaut. Dessen äußere Ansicht orientiert sich an den traditionellen Unterkünften der Samen und ist gleichzeitig eine eigenwillige Interpretation davon.

Im Inneren spiegeln sich in den verschiedenen Räumlichkeiten und Abschnitten verschiedenste Aspekte ihres Schaffens und Lebens wieder. Von Malereien über Töpferarbeiten bis hin zu großen Skulpturen und Installationen und krönend einem riesigen Wandmosaik befinden sich unzählige Arbeiten der beiden hier.

Zusätzlich gibt es gemütliche Sitznischen, einen Café-Bereich sowie die offen zugänglichen Werkstätten der Silberschmied:innen.

Jeder Bereich hat ein eigenes Thema und erzählt eine eigene Geschichte. Zwischen und in all dem immer wieder Vitrinen mit den Silber- und Bronzeschmuckstücken sowie Alltagsgegenstände, feine Finndolche, Kleidungsstücke, Waren aus dem Fairtrade-Handel und Kaschmirteppiche. Was Ware und was Ausstellungsstück ist, ist garnicht so klar zu erkennen, die Trennung scheint bewusst weggelassen zu sein.

Dass ein durch eine große Glasscheibe abgetrennter Hühnerstall mit Schafen davor auch mit von der Partie ist, erscheint fast schon selbsterklärend logisch. Wir bekommen eine Führung durch das Haus und bestaunen dieses Gesamtkunst- und Lebenswerk. Nach gut einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg.

Die Sonne im Rückspiegel verabschiedet sich mit spannender Farbpalette. Gleichzeitig hat sich die Vegetation deutlich verändert. Die Bäume sind niedriger, haben mitunter nur noch das Format größerer Büsche. Wir sind ziemlich eindeutig in der subpolaren Vegetationszone angekommen.

Was jetzt folgt, ist eines dieser Roadtrip-Träumchen. Die letzten ca. 80 Kilometer bis Alta stürzt sich die E45 die Felsen hinab. Keine klassische Serpentinen-Abfahrt an einem Berghang, sondern eine achterbahnfahrt-ähnliche Streckenführung parallel zum Verlauf des Altaelv. Im Prinzip hat man die Straße einfach neben das Flussbett auf den Boden gedübelt. Perfekt in Szene gesetzt wird das Ganze vom schroffen, hart abgebrochenen schwarzen Alta-Fels, alles ordentlich weiß gepudert. Die Straße ist komplett überfroren, hohe Geschwindigkeiten sind nicht wirklich möglich. Auch die lokalen Rallye-Asse in Privatautos sehen das so. Im Sommer mit dem richtigen Auto muß das ein Heidenspaß und großes Risiko für den Führerschein und die Urlaubskasse sein. Bereits 2022 hat uns dieser Straßenabschnitt sehr beeindruckt und wir haben noch ein wenig mehr zu den Besonderheiten von Alta-Gestein herausgefunden.

Gegen 16:00 Uhr kommen wir in Alta an und gehen beim lokalen Thai-Gastronomen essen. Untypisch für uns, dass es so früh ist, für den Abend sind aber ganz erfolgreich aussehende Kp-Indexe vorhergesagt und wir hoffen auf stabile Löcher zwischen den Wolken. Deswegen wollen wir auf jeden Fall schon etwas im Bauch haben. Das Essen ist okay. Wir haben schon besser und deutlicher schlechter gegessen, herausragend ist die Freundlichkeit des Services. Nach dem Essen, während Matthias sich aus seinen Klamotten schält, um ins Auto einzusteigen, entdeckt Katrin lilafarbene Schimmer in den leider flächig vorhandenen Wolken. Es gibt keine Abstrahlquelle von unten, es müssen also Polarlichter sein. Die Wolken vermasseln es nur leider ganz ordentlich.

Wir fahren schnell raus aus Alta, auf die andere Seite des Fjords. Wir spekulieren auf weniger Licht und freiere Sicht. Ersteres scheitert recht ordentlich. Wir hatten nicht mehr auf dem Schirm, dass hier die gesamte Uferstraße des Fjords beleuchtet ist. Sehr angenehm zum Autofahren, eher doof wenn man weniger Licht im Umfeld sucht. Freiere Sicht finden wir zwar nicht direkt dort, wo wir sie vermuten, aber dennoch haben wir am Ende freie Sicht auf einen grauen Himmel. Denn die Wolkendecke hat sich wieder konsistent zugezogen. Überall wo Licht vom Boden abstrahlt sehen wir das Grau der tief hängenden Schneespucker. Irgendwie frustrierend, den der Kp-Index startet gerade richtig durch.

Die Temperatur liegt wieder um 0 Grad, wir stehen in – für NRW-Verhältnisse dicker Winterkleidung – draußen und frieren nicht. Für norwegische Verhältnisse sind wir fast sommerlich angezogen. Unsere Schneeanzüge liegen jedenfalls wieder ordentlich verpackt im Kofferraum. Zwar noch griffbereit, aber wahrscheinlich brauchen wir sie nicht mehr. Ab 19:00 sinkt die Wahrscheinlichkeit Polarlichter zu sehen wieder rapide.

Wir machen uns auf den Weg zurück nach Alta, fahren einmal am Hotel vorbei, um in der Nähe des Flughafens zur einzigen Tankstelle mit 98 Oktan im Angebot zu fahren. Unser Motor mag gerne hochoktanig, alles unter 98 Oktan wird nur klingelnd verdaut. Und das wollen wir nicht auf Dauer, deswegen sind eine handvoll Extrakilometer für den guten Saft auf jeden Fall drin. Anschließend rutschen wir über die inzwischen stark überfrorene Straße durch die bekannten Spurrillen bis zu unserem Hotel. Dieses kennen wir bereits von der letzten Tour. Man hat uns einen Mitarbeitenden-Parkplatz hinter dem Haus frei gemacht, denn dort ist Landstrom vorhanden.

Den ganzen Tag über hat das Auto sich nur widerwillig starten lassen. Wir hatten dieses Batterie-Gedöns ja schon früher auf der Tour und hatten bei Biltema in Südschweden noch eine neue Batterie gekauft. Die Auswahl war nicht sehr groß. Die Batterie ist etwas kleiner als die, die wir derzeit verbaut haben, könnte also Probleme in der Halterung machen. Auch ist der Anlaufstrom geringfügig niedriger. Und da die alte Batterie es erstmal tat, wanderte die neue auf Nummer Sicher in den Kofferraum. Der auf der Fahrt nach Finnland losgerappelte Lichtmaschinenstecker hat der alten Batterie aber wahrscheinlich den Rest gegeben. Obwohl durchgehend 13,8 und mehr Ladestrom anliegen, kommt sie kaum auf 12V. Und dass, nachdem sie ja zuletzt zwei Tage durchgehend am Ladegerät hing. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Bleiakku sein Zeitliches gesegnet hat. Also steht vor dem verdienten in-den-Sessel-rutschen ein Tausch der Energieträger an. Drei Schrauben lösen, den alten Block vorsichtig aus dem Motorraum und der umliegenden Verkabelung puzzeln, das Neuteil wieder zurückpuzzeln, alles anschließen und Probestarten. Ohne müdes Rödeln zündet der B20-Motor sofort, zur Sicherheit kommt alles aber trotzdem wieder an den Landstrom. Sicher ist sicher.

Wir machen noch einen Spaziergang am Fjord entlang und snacken im Anschluß im Erker des Hotels Süßes und Salziges während wir Fotos sichten, diesen Artikel schreiben und uns auf die nächsten Etappen freuen. Vom Erker aus blicken wir über die letzte Häuserreihe und weit über den dunklen Fjord und den schwarzen (aber noch bewölkten) Nachthimmel. Sollte sich heute Nacht noch etwas tun, wir werden es nicht verpassen.

3 Kommentare

    1. Wir haben nen ziemlich altes Bleibatterie-Teil. Riesengroß und unhandlich. Hat aber genug Saft um gefühlt alles anzuschieben. Hilft aber ja nicht, wenn die Batterie so durch ist, dass es selbst nach einem kurzem Tankstop kaum für den Anlasser reicht. Man will ja nicht immer die Haube zum Starten aufmachen;)
      So ein PowerBooster steht auf jeden Fall auf dem Wunschzettel! Welchen hast Du?

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      1. Meiner ist von Tedura, lässt sich auch über den Zigaretten Anzünder wieder aufladen.

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