Tag 10 – Ice, Ice Baby

Von Alta bis Svensby (Slåtteng)

245 km gefahren

Roadtime: 06:05

Sonnenaufgang Start: 09:05 Uhr

Sonnenuntergang Ziel: 14:41 Uhr

20 L getankt

Temperatur: -7 Grad Celsius (gefühlt -14 wegen Windchill)

2x Pipipause, 1x Foto mit Pipi, 3x Fotos, 1x tanken mit Fotos, 1 Stunde warten auf die Fähre, 40 Minuten Fährfahrt

Reparaturen: kurzfristige Wunderheilung der Tankuhr und Motortemperaturanzeige

Das Altafjord Gjestegård hat nicht nur ganz wunderbare Zimmer. Es besticht vor allem durch sein Frühstück. Der kleine Frühstücksraum ist wintergartenähnlich angelegt und man blickt direkt auf den Altafjord und die ihn umgebenden Berge. „Breakfast with a view“ in Reinform. Wir stehen früher auf als nötig, um den Morgen entsprechend genießen zu können. Auch oder gerade dafür haben wir die letzte Nacht auf Selbstversorgung verzichtet.

Das Auto ist schnell beladen und vom Landstrom getrennt. Der Motor startet in einem Wimpernschlag. Ganz anders als die letzten Tage. Völlige Irritationen verursachen die Tank- und Motortemperaturanzeige. Diese hatten auf der letzten Wintertour ihren Geist aufgegeben. Erst ließen sie sich noch durch fachmännische Handgriffe zum Arbeiten überreden, in Folge quittierten beide dann aber auf der Zielgraden nach Hause endgültig ihren Dienst. Seitdem zeigt die Tankanzeige über den Daumen 25% weniger an, als im Tank ist. Wir fahren seitdem also mit dem Tageskilometerzähler als Hinweisgeber. Bei der Motortemperaturanzeige sind wir uns nicht so sicher, mindestens 25% weniger Anzeigewert scheinen auch hier realistisch. Als Ursache ins Auge gefasst ist der Spannungsstabilisator. Dieser macht aus den schwankenden Spannungen im Bordnetz stabile 5,1V, das brauchen die beiden Instrumente nämlich für die Anzeige. Das Ding ist wahrscheinlich durch. Dachten wir zumindest. Denn auf einmal zeigt die Tankuhr glaubhafte Werte an, ebenso die Temperaturanzeige. Seltsame Entwicklung. Um der frisch aufkommenden Freude direkt einen Dämpfer zu versetzen: Zwei Motorstarts später ist wieder alles beim Alten und die Instrumente zeigen zu wenig an. Kurz haben wir einen Zusammenhang mit eingeschaltetem Fernlicht im Verdacht, aber das erweist sich als Trugschluss. Irgendwie noch seltsamer. Also fahren wir wieder nach Tageskilometerzähler und tanken lieber zu früh als zu spät und vertrauen bei der Motortemperatur auf den eingebauten thermostatgesteuerten Lüfter.

Noch beim Frühstück fällt uns auf, dass wir Sonntag haben. Und anders als in Schweden haben in Norwegen die Läden sonntags zu. Dumm, dass wir noch Getränke für die nächsten drei Tage nachbunkern müssen, da wir uns diese wieder in etwas Abgeschiedenheit befinden werden. Zum Glück finden wir noch einen Supermarkt, der mit reduziertem Angebot offen hat. Er ist im gute 5 Minuten entfernten Stadtzentrum. Also kurzer Umweg und wir bunkern nach, was wir noch brauchen.

Auf dem Parkplatz weht uns ein heftiger Wind um die Nase, laut Wetterapps wird uns das diesen Tag über begleiten. Der starke Wind sorgt dafür, dass sich die überschaubaren Minustemperaturen richtig kalt anfühlen, ordentliches Einpacken wird beim Verlassen des Autos heute also notwendig sein.

Alta verabschiedet sich von uns in guter Tradition der letzten Tage: Der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Unser Weg wird uns heute fast vollständig über die E6 führen. Die E6 ist quasi Norwegens küstennahe Nord-Süd-Verbindung. Sie startet in Kirkenes nahe der russischen Grenze, verläuft bis Trondheim entlang der Küstenlinie und biegt dann ins Landesinnere ab, durchquert Oslo und endet dann im südschwedischen Trelleborg. Mit über 3000 Kilometern ist sie die längste durchgehende Straßenverbindung in Skandinavien und wird bis Trondheim auch unserer Tour Orientierung geben. Die Relevanz der E6 für Norwegen zeigt sich immer dann, wenn an ungünstiger Stelle ein Erdrutsch, ein Brückenschaden oder ähnliches passiert. Dann sind Norden und Süden des Landes manchmal faktisch voneinander getrennt.

Wir kommen gerade aus einem der vielen Tunnel, als wir die erste freie Rentierherde entdecken. Zwischen Straße und Fjord, um uns herum eigentlich nur Felsen. Wie genau die Tiere dorthin gekommen sind, können wir uns nicht genau erklären. Ein Foto ist nur im schnellen Vorbeifahren möglich.

Gute 40 Kilometer hinter Alta gibt es die zweite Überraschung nach der Tunnelausfahrt. War vor dem Tunnel das Wetter entspannt, so fahren wir jetzt in dicksten Nebel mit heftigem Schneefall und sehr starkem Wind von der Seite.

Ab hier erleben wir eine neue Qualität von vereister Straße. Waren die geschlossenen Eisdecken bisher eher durch Autos verdichteter Schnee, fahren wir jetzt über echtes Eis. Der verdichtete Schnee gibt den Reifen immer noch einen gewissen Grip. Man sieht an den Spuren, dass die groben Stollen mit dem Untergrund agieren und ein gewisses Maß an Längs- und Querführung herstellen. Glattes Eis, wahrscheinlich verursacht durch Anschmelzen und wieder gefrieren, agiert überhaupt nicht. Das Einzige, was hier für Quer- und Längsführung sorgt, sind die Spikes. Und das auch nur bedingt. Beim Bremsen, Abbiegen, Kurven fahren, Beschleunigen – also all dem, was Autofahren so ausmacht, kommen sie schnell an ihre Grenzen. Physik lässt sich halt nicht austricksen. Und trotzdem sind wir froh, die Teile zu haben.

Ganze Teile des heutigen Tages wären ohne schlicht und ergreifend nicht machbar gewesen. Worüber wir auch froh sind, sind unsere Schuhspikes, Überzieher für egal welchen Schuh. Denn wo ein Auto der Physik hoffnungslos ausgeliefert ist, ist Standfestigkeit für Menschen schon lange vorbei.

Aus den Straßenbedingungen lässt sich auch ein Rückschluss auf eine Wetterveränderung vornehmen: Wo etwas antaut, ist häufig Sonne mit im Spiel. Und tatsächlich illert die Sonne erst schamhaft durch die sich öffnende Wolkendecke, um sich mit jedem Kilometer Richtung Süden immer mehr Himmel zu erobern, bis wir gegen Ende des Tageslichts auf einen blauen Himmel mit hübschen Dekowölkchen schauen. Klar, an den Bergen sammeln sich noch immer dunkle Wolkenmassen, aber über uns ist es klar. Und das kann gerne so bleiben. Eine kalte, sternenklare Nacht wäre jetzt genau nach unserem Geschmack.

Und obwohl wir große Teile des Tages auf spiegelglattem Eis verbringen, haben wir auch Geländeabschnitte, in denen der Schnee komplett weg ist, Gras und Vegetation vollständig zu sehen sind und die Straße komplett „winter“-frei ist, nur um hinter dem nächsten Hügel wieder im dicksten Winter-Wonderland zu sein. Fühlt sich seltsam an, dieses ständige Wechseln der Zustände.

Ob das typisch norwegische Küstenlinie ist – keine Ahnung. Was typisch norwegisch ist, sind gelbe Fahrbahnlinien. Für’s deutsche Auge ungewohnt, machen sie mit all dem Weiß richtig Sinn. In Schweden und Finnland war es quasi unmöglich, Orientierung auf der Straße zu bekommen. Hier in Norwegen sind die gelben Linien sehr lange deutlich zu erkennen und danach immer noch ansatzweise zu erahnen. Was dazu führt, dass die Aufteilung der Straße für Hin- und Gegenverkehr deutlich besser funktioniert.

Wir verlassen die Finnmark in westlicher Richtung und fahren in die Provinz Troms. Scheinbar eine völlig überbevölkerte Provinz. Lag die durchschnittliche Besiedelung der Finnmark bei 1,5 Menschen pro Quadratkilometer, so leben hier 6,5. Zum Vergleich: Mecklenburg Vorpommern ist flächenmäßig geringfügig kleiner, dort leben 70 Menschen pro Quadratkilometer. Obwohl also aus unserer Perspektive Troms immer noch spärlich besiedelt ist, merken wir im Vergleich zu den letzten Tagen eine deutliche Zunahme des Verkehrs. Wir sind nicht mehr alleine auf der Straße. Das bedeutet natürlich, wir müssen uns wieder benehmen. Was wir natürlich tun, inklusive Parktickets ziehen. Wobei das nicht ganz korrekt ist, Parktickets zieht man hier nicht. Man wählt am Automaten die Parkzeit, gibt sein Kennzeichen ein, bezahlt per Karte und fertig ist der Bumms. Oder man macht das Ganze einfach via App. Digitalisierung lässt grüßen.

In Olderdalen verlassen wir die E6 und biegen ab auf die 91. Eine von den Straßen, die bei Matthias ein Leuchten in den Augen auslösen. Weit kommen wir aber nicht, nach 230 Metern stehen wir vor dem Ende der Straße. Hier geht es nicht mehr weiter, der Asphalt hört abrupt auf und dahinter kommt ziemlich viel Wasser. Selbst mit Anlauf wird das nix. Wir müssen also auf die Fähre warten. Für diese gibt es einen Fährplan, selbsterklärend ist der aber nicht. Und nachdem uns 2022 die Fähre vor der Nase weggefahren ist und wir einen riesigen Umweg fahren mussten, gehen wir diesmal auf Nummer Sicher. Und zwar so sehr auf Nummer sicher, dass wir eine Stunde vor Abfahrt sind da. Katrin nutzt die Zeit, um Fotos von der Umgebung zu machen. Matthias fängt mit diesem Text an.

Die Umgebung, die Katrin fotografiert, ist bisher unterschlagen worden. Die E6 schlängelt sich ab Alteidet, ca. 80 Kilometer hinter Alta, an einem Fjord nach dem anderen entlang, unterbrochen von kurzen Abstechern in die umliegenden Berge. Egal in welche Richtung man schaut, man sieht eigentlich immer Wasser, riesige, schneebedeckte Berge und schroffe Felsen und Klippen.

Unterbrochen von weitläufigen Buchten mit Anlegestegen und kleinen Fischerbooten. Immer wieder sehen wir große Fischfarmen. Es ist dass, was man sich so allgemein unter Norwegen vorstellt. Die starken Kontraste von weißem Schnee, blauem bis ultramarinem oder fast schwarz-farbenem Meer, dunklen Felsen mit schlammig-braunen oder leuchtend blauen gefrorenen Wasserfälle und dem winterlich klaren Himmel mit Sonnenschein ziehen uns völlig in ihren Bann. Jede einzelne Kurve bringt einen Blick und keiner davon enttäuscht.

Die Fähre ist offizieller Bestandteil der Landstraße 91. Bezahlt wird durch Abscannen des Nummernschildes bei der Auffahrt. Auch hier: Digitalisierung lässt grüßen.

Die Fährfahrt selber dauert gut 40 Minuten, dabei queren wir den Lyngenfjord. Es ist eine spektakuläre Fährfahrt durch ein Bergmassiv. Zu allen Seiten sind riesige Berge und man fährt mit einem Schiff hindurch. Vor uns liegen die Lyngenalpen, eine Kette von Bergen, die eine Landzunge zwischen Lyngen- und Ullsfjord bilden. Sie sind in nord-südlicher Richtung ca. 90 km lang und ca. 15-20 km breit. Ungefähr in der Mitte schneidet ein Seitenarm des Ullsfjords, der Kjosen, von West nach Ost gut 14 Kilometer tief in das Gebirge ein.

Touristisch ist das ganze Gebiet nicht richtig erschlossen, die großen Anlaufstellen Tromsø und Alta liegen zu nah. Dennoch hat es uns eben dieses kleine Stückchen Land angetan. Die Felsen sind hier ein wenig rauher und scharfkantiger (und deswegen bei Bergsteigenden recht beliebt) und durch den Kjolsen bekommt die Landschaft eine ganz eigene Prägung. Entlang des Kjolsen führt die 91 rund 21 Kilometer bis zu ihrem nächsten Fähranleger über den Ullsfjord. Diese 21 Kilometer haben eine eigene Anziehungskraft, wir fahren dafür auch mal extra einen Umweg.

Heute kommt unsere Fähre passend zur blauen Stunde in Lyngseidet an. Wir fahren die ebenfalls komplett glatt zugeeiste 91 bis zu unserer Unterkunft. Hier werden wir zwei Nächte bleiben. Die Auffahrt gestaltet sich noch einmal schwierig, sie ist ebenfalls spiegelglatt. Mit etwas beherztem Druck auf das Gaspedal und genügend Gewicht auf der Antriebsachse (da liegen ja die anderen Reifen) schaffen wir es den Hügel hinauf. Das Haus ist riesig, wir haben Platz ohne Ende und werden von der Besitzerin freundlich empfangen. Zur Begrüßung bekommen wir selbstgemachte Tynnlefse, ein dünnes Fladenbrot, das auf einer speziellen Backplatte gebacken wird. Traditionell besteht diese aus Stein oder Gusseisen, heute gibt es natürlich auch elektrische Varianten. Am ehesten ist Lefse wohl mit Crépè oder Wraps zu vergleichen, der Geschmack ist aber deutlich säuerlicher. Tynnlefse werden traditionell mit Butter, Zucker und Zimt bestreut oder mit Wurst, Schinken oder Käse belegt. Ihre Schwester, Tykklefse, also die dicke Lefse, wird eher als Kuchenstück serviert. Darüber hinaus gibt es noch regionale Besonderheiten: Lefse aus Kartoffelmehl, die als Ersatz fürs Hotdog-Brötchen verwendet werden, Lefse mit Braunkäse und Sauerrahm, Lefse mit Anis und mehr. Unsere hier, ganz traditionell zubereitet, schmeckt hervorragend und ist der perfekte Snack vor dem Abendessen.

Wir stellen uns auf Entspannung um und behalten die Fenster im Blick. Draußen ist es inzwischen stockfinster, der Mond und die Sterne sind klar zu sehen. Wenn es heute losgehen sollte – und der Kp-Index lässt darauf hoffen, dann möchten wir nichts verpassen. Entsprechend stehen die Schuhe mit Spikes bereit, die Schneeanzüge liegen in greifbarer Nähe und auch der andere Kälteschutz wartet nur auf seinen Einsatz.

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