Tag 3 – der Winter naht. Westeros ist nur 570km entfernt.

von Nymo nach Västerås

gefahrene Kilometer: 570

Roadtime: 8 Stunden

59l getankt

Temparatur von 2 über 0 zu 4 Grad

1 Pipipause, 1 Reparaturpause, 1x Biltema, 2x tanken, 1x Essen

Reparaturen: Tankanzeige, knarzendes Gaspedal

Wir starten den Tag mit dem Morgengrauen, duschen, frühstücken in Ruhe und wollen grade los, als auf Matthias´ Handy die Nachricht für eine vorgemerkte Abbuchung vom Girokonto eingeht. Von Audible. Weder Matthias noch Katrin haben Audible. Also erneut mit der Notfallhilfe der Bank telefoniert um diese Abbuchung zu stoppen – das geht aber erst, wenn das Geld bereits abgebucht ist. Also ist ab jetzt regelmäßiges Kontochecken angesagt um dann über das Onlinebanking die Abbuchung wieder zurück zu holen. Dinge, mit denen man im Urlaub gerne die Langeweile vertreibt.

Wir verlassen Nymö und obwohl wir gestern kurz vor Feierabend noch getankt haben steht die Tanknadel auf absolut leer. Also so im Bereich „nur noch auf Restgase fahren“. Matthias ist kurz irritiert und versichert sich, ob er denn gestern wirklich noch getankt habe oder ob das nur Einbildung ist. Ist es aber nicht, jedenfalls versichert Katrin das glaubhaft, auch der Tageskilometer-Zähler mit niedrigen km-Zahl (wir nullen immer beim Tanken) stützt das. Die Situation wird bereinigt von einer effektiven aber nicht in jeder Lebenssituation produktiven Methode: einem herzhaften Faustschlag. Dieser von oben auf das Armaturenbrett fachmännisch ausgeführte Reparaturhandgriff überredet die Tankanzeige zu glaubwürdigen Werten. Und das nachhaltig, das Problem taucht den Rest des Tages nicht mehr auf. Alte Autos. Langweilig wird es mit denen nicht.

Gestern Abend haben wir im Rahmen der Manöverkritik das Lastenheft für den heutigen Tag geändert. Die Fahrt unmittelbar an der Küstenlionie entlang ist wunderschön, aber gesäumt von lauter kleinen Ortschaften in denen maximal 40km/h erlaubt sind, zwischen den Ortschaften idR 60km/h. Das hat gestern hart aufgehalten und wir sind ja nach Schweden gefahren, um im Norden Schnee und Eis zu erleben. Und eine Chance auf die Polarlichter zu haben. Da bringt es nichts, in Süd- und Mittelschweden nett rumzubummeln. Heute ist der zweite Transfertag und wir müssen (wollen) noch mal Strecke machen. Noch einmal ordentlich Kilometer machen. Also ab auf die E22.

Der Nachteil von Kilometerfressen ist, dass es meist eher unspektakulär ist. Autobahnen sind halt da gebaut wo wenig im Weg ist. Trotzdem sehen wir zunehmend Eis auf Seen, an Felsvorsprüngen oder (fast weggeschmolzene) Schneehaufen der Räumkommandos. Wir fahren über die 22 auf die 27 auf die 25 auf die 37, über Karlshamn Richtung Växjö. Die Strasse, mittlerweile keine Autobahn mehr, ist gesäumt von dichten Wäldern, durchsetzt mit Seen und Flüsschen und vor allem mit riesigen Felsbrocken. Entweder mitten im Wald oder zu langen Mauern neben den Feldern aufgetürmt. Die erratischen Blöcke wurden während des letzten Glazials, das vor etwa 115.000 Jahren begann und mit dem Beginn des Holozäns vor ca. 11.700 Jahren endete, von riesigen Gletschern mitgerissen. Die Gletscher bedeckten damals ganz Skandinavien und reichten bis Berlin. Aus diesem Grund findet man Schwedenfindlinge nicht nur in Schweden sondern auch in Nord- und Ostdeutschland. Ihre charakteristische Form, für Felsgestein relativ abgerundet, bekamen sie durch den ständigen Abrieb zwischen Gletscher und Grundgestein.

Die Strasse führt uns einige Höhenmeter hinauf und das Thermometer fällt Richtung null Grad. Über die 28 kommen wir auf die 31 und halten bei Boskvarnas an einem fast vollständig zugefrorenem See. Der Wind peitscht ordentlich, deswegen fällt der Stop für Landschaft gucken (und Geschäfte erledigen) nur kurz aus. Was uns hier auffällt: unser Auto ist mittlerweile ordentlich gepökelt, die eigentlich schwarz lackierten Stahlfelgen sind jetzt in modernem Grau. Wir fahren weiter Richtung Jönköping und halten kurz an einem Biltema. Biltema ist der schwedische „kann und hat fast alles“ Laden, eine verrückte Mischung aus Spielsachen, Werkzeug, Handwerks- und Gartenbedarf, Autoteile und vielem mehr. Wir haben unser Abschleppseil zu Hause vergessen und wollen nicht blank dastehen sollten wir in einen Graben rutschen. Und Schlossenteiser zu besorgen ist uns voll durchgegangen.

Ab Biltema setzt andauernder Nieselregen ein, die Sonne hat sich den Tag über eh kaum zwischen den Wolken durchgetraut, jetzt wird es einheitlich grau. Grasu, nieselig, um die null Grad. Richtiges Matschwetter. Macht uns wenig aus, wir wollten heute ja eh Strecke machen und im Auto bleiben, von unten und im Rücken wärmt uns unsere Bio-Sitzheizung, die Heizung des Volvos läuft auf 1/4 und das reicht mehr als dicke aus.

Während Katrin noch einmal die Strecke checkt, fällt ihr auf, dass wir im Prinzip unmittelbar an Snavlunda vorbei fahren. Wem es bei Snavlunda in den Ohren klingelt hat entweder zwei Wochen im Sommer 2016 wahlweise in einem Saab 9000, in einem VW T3 oder in einem Volvo 145 Express verbracht oder ist ultra-aufmerksame:r Leser:in dieses Blogs. Auf der Kirchwiese in Snavlunda liegt quasi der Geburtsort unserer Rallye-Gang. Beim Baltic Sea Circle 2016 haben wir hier einen schönen Abend verbracht und uns am nächsten Tag entschieden „erstmal“ in Kolonne gemeinsam weiter zu fahren. Das haben wir im Prinzip den gesamten BSC über nicht mehr geändert, lediglich für drei Tage versicherungsbedingter Trennung für die Routen via Russland oder Finnland mussten wir von einander lassen. Aus einem gemeinsamen relativ spontan entstandenem Zeltlager am Ende des zweiten Rallyetages ist eine der besten Crews überhaupt geworden, die durch daheimgebliebene Liebste ergänzt wurde und mittlerweile eine ganze Rücksitzbank voll Nachwuchs hat. Ihr wisst, wer ihr seid. Euch haben wir am liebsten im Rückspiegel 😉

Also fahren wir einen kleinen Umweg und checken diesen so geschichtsträchtigen Ort aus. Das Gemeindehaus in dem wir duschen durften scheint mittlerweile privat bewohnt zu sein, ansonsten sieht es eigentlich so aus, als seien wir grade eben erst losgefahren. Es ist schön, dass an manchen Orten die Zeit eine andere Geschwindigkeit hat.

Langsam wird es dunkel, wir fahren über die R50 am Vättersee entlang. Der Vättern ist der zweitgrößte See Schwedens, 135km lang und 31km breit, bis zu 120m tief. Mit diesen Dimensionen macht der See eher den Eindruck einer See, es ist verrückt wie groß ein Binnengewässer sein kann. Bei Motala suchen wir uns einen Brugerbrater direkt am Seeufer raus. Er liegt wunderbar, hat riesige Fenster mit Blick auf den vom Wind gepeitschten See und das Speiseangebot macht einen hervorragenden Eindruck. Wenn der Laden saisonbedingt nicht geschlossen wäre. Also gibt es beim Franchise-Asiaten etwas Alternatives, wir werden satt und sind gestärkt für die letzte Etappe durch die Dunkelheit.

Als Etappenziel haben wir Västerås rausgepickt, bekannt durch das im Sommer stattfindende US-Car-Treffen Power Big Meet. Das ist aber nicht der Grund für dieses Ziel. Auch nicht der zu „Game of Thrones“-Flachwitzen, insbesondere mit dem ersten Schnee und Eis der Tour im Kombination, einladende Stadtname. Grund für dieses Etappenziel ist schlicht und ergreifend das wir Stockholm umfahren wollen (keine Lust auf zuviel Menschen und Verkehr) und Westero…Västerås am Ende des vorgenommenen Kilometerradius liegt. Und wir hier ein Hotelzimmer für 45€ mitten in der Stadt bekommen haben. Das ist tatsächlich ganz okay, der niedrige Preis erklärt sich durch fehlendes Personal. CheckIn geschieht in einem anderem Hotel dreihundert Meter die Strasse runter. Dort gibt es auch Frühstück. Wir bummeln nach einem kurzen Zimmercheck noch durch die Stadt und freuen uns auf‘s Füße hochlegen. Der nächste Tag wird noch geplant und dann heißt es „Ab ins Bett!“…

3 Kommentare

  1. Das nenne ich eine gelungene Arbeitsteilung: ich spreche dem alten Volvo Mut und Zuversicht zu, ermuntere ihn mit sanften Worten zur Erbringung seiner Bestleistungen auf dieser Tour, während Ihr ihm mit robuster Autobastler-Pädagogik klarmacht, welche Zicken er lieber unterlassen sollte. Er scheint diese Doppelstrategie ja auch angenommen zu haben. KlopfKlopfKlopf!!! Grüßt ihn bitte herzlich von mir. Eure Tourbeschreibung ist sehr schön und fernwehvirusinfektiös!!! In wenigen Wochen werden wir aber in Euern Spurrillen ebenfalls in der Gegend sein.
    Ich wünsche Euch gute Erholung für die nächste Etappe. HG v Andreas RB

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