Tag 15 – Scenic View

von Neverdal bis Mo i Rana (Yttervik Camping)

464 gefahrene Kilometer

Roadtime: 09:20 h

Sonnenaufgang Start: 08:45

Sonnenuntergang Ziel: 15:56

Temperatur: 4 Grad (Windchill -2) bis 0 Grad

42 l getankt

1x Pipipause, 5x Aussicht mit Fotos, 1x Fähre, 2x Fotos mit Pipi, 2x tanken, 2x reparieren mit Pipi, 1x Donutpause,

Reparaturen: die Batterie muckt, Sicherung E-Lüfter, Austausch & Reparatur Kugelschreiber Tagesdokumentation, Scheibenwischerschalter

Es ist noch dunkel, als unser Wecker klingelt. Kein wirkliches Kunststück, geht die Sonne doch immer noch sehr spät auf. Nach den üblichen Wachwerdritualen frühstücken wir in Ruhe und genießen dabei die Morgendämmerung und die sich aus dem Dunkel schälende Aussicht. Der Regen scheint aufgehört zu haben und auch wenn der Wind noch ordentlich bläst, hat er offenbar seine Wut vom Vortag verloren. Grau ist es immer noch, aber auch Kollege Nebel ist heute offenbar nicht im Dienst. Ein guter Start in den Tag, das könnte heute echt was werden. Wir sammeln unsere sieben Sachen ein, verstauen alles im Auto und laufen noch eine Runde durch den Ort. Es ist eine kleine Ansammlung von Häusern, ein bisschen seltsam, da von völlig heruntergekommenem Haus mit Schrott und alten Autos im Garten bis zur Mini-Villa mit perfekt gepflegtem Garten alles dabei ist. Alle gemeinsam teilen sich einen großartigen Blick auf den Glomfjord. Schon verrückt, mit dieser Aussicht jeden Tag neu aufwachen zu können.

Auf jeden Fall scheint es das Wetter heute gnädiger mit uns zu meinen. Wir starten den Motor und sind etwas in Sorge: So richtig springt der Wagen nicht an. Schwach dreht der Anlasser, zünden will der B20 aber nicht. Nach zwei, drei Versuchen bei denen das Voltmeter bedenklich tief sinkt, springt der Motor dann an. Die letzten Tage hatten wir den Ladestrom immer im Blick, auch den losgewackelten Stecker haben wir immer wieder kontrolliert. Eigentlich war da alles mehr als im grünen Bereich. Warum die neue Batterie jetzt auch schlapp auf der Brust ist – keine Ahnung. Erstmal läuft der Motor und wir entscheiden, ihn vorübergehend nicht mehr auszumachen. Wir klemmen uns wieder auf den FV17 und lassen uns entlang des Glomfjords treiben.

Der FV17 ist Teil einer der Norwegian Scenic Routes, quasi den staatlich gekrönten schönsten Landschaftsstraßen. Wir freuen uns da sehr drauf, gestern Nachmittag sind wir einen Teil davon bereits gefahren und haben dunkelheits- und unwetterbedingt nichts gesehen. Heute ist das anders. Wir haben phänomenale Ausblicke auf Wasser das im Fjord ist und das durch das Tauwetter gefühlt überall von den Felsen stürzt, auf Berge, Inseln, Boote, Vegetation und ein wunderschönes Bändchen Asphalt. Dieses Bändchen muss durch etliche Tunnel. Direkt der erste ist eine richtige Wucht. Wir durchfahren den mit 7.615 Metern an Platz 15 der längsten Tunnel Norwegens liegenden Svartistunnel. Er ist supereng. Vor uns müssen zwei LKW aneinander vorbei und das ist wirklich Millimeterarbeit zwischen den groben Felswänden. Es gibt keine Entlüftungsanlagen, die Abgasbelastung in der Tunnelröhre ist deutlich sichtbar. Eine Panne möchte man hier echt nicht haben. Fußgänger:innen und Radfahrende dürfen den Tunnel deswegen überhaupt nicht benutzen. Momentan ist der Verkehr sehr überschaubar. Wir möchten nicht wissen, wie sich hier der Smog im Sommer sammeln muß.

Am Rastplatz Braset halten wir. Von hier kann man das blaue Eis des zweitgrößten norwegischen Gletschers sehen. Der Svartisen-Gletscher hat insgesamt 60 Gletscherarme und besteht aus zwei Hauptgletschern, dem 148 km² großen Østisen und dem 221 km² großen Vestisen. Der Gletscher wird seit 1900 zusehends kleiner, der menschengemachte Klimawandel wird seinen Teil dazu beitragen. Wissenschaftler:innen gehen aber auch davon aus, da der Gletscher bereits vor dem zweiten Weltkrieg stetig schrumpfte, dass es noch weitere Gründe gibt. Das Tauwasser des Gletscher floss bis 1959 noch unter dem Eis in das Røvasstal ab und sorgte so im Sommer für zahlreiche Überschwemmungen. Um das in den Griff zu bekommen bohrte man einen Tunnel und konnte das Tauwasser jetzt kontrolliert abfließen lassen. Durch den Rückgang des Gletschers wurde diese Lösung irgendwann obsolet.

Von Braset aus ist es fast nur noch ein Katzensprung den FV17 entlang bis zur Ortschaft Esøya. Die Ortschaft trägt den Namen der Insel, auf der wir uns gerade befinden. Der FV17 wird hier durch eine Fährverbindung nach Ågskardet unterbrochen. Dort geht der FV17 ein kleines Stückchen weiter bis in Jektvik erneut auf die Fähre gewechselt werden muss. Das Land zwischen diesen beiden Orten wird durch die Berge in denen der Svartisen-Gletscher liegt, vom Rest der Welt abgegrenzt, man kommt nur über die Fährstrecken dorthin. Wir biegen um die Ecke zum Fähranleger und sehen ein vertrautes Bild: keine Fähre und keine anderen Autos. Aber wir sehen die Fähre auf der anderen Seite des Fjords liegen. Matthias checkt den Fahrplan, die nächste Fahre soll um 13:30 Uhr gehen. Es ist gerade irgendwas um 10:30 Uhr. Sicherheitshalber checken wir ergänzend die Fähre ab Jektvik, den Fahrplan verstehen wir nicht wirklich.

Fähre vs. Straße

Während wir unsere Optionen durchdeklinieren, halten hinter uns einige weitere Autos. Matthias steigt aus, um dort zu fragen, was Sache ist. Im ersten Auto sitzen Handwerker. Sie wissen nicht Bescheid, sind aber auch irritiert, dass die Fähre nicht fährt. Sei aber auch egal, sei ja alles Arbeitszeit. Im zweiten Auto ebenfalls Irritation über die nicht fahrende Fähre, offenbar sei der Fahrplan kurzfristig geändert worden. Richtig sei, dass die Fähre wohl erst in drei Stunden ablege. Was mit der Fähre ab Jektvik sei, sei völlig unklar, diese fahre zur Zeit nur auf Zuruf. die Fährfahrt selber dauere aber gut eine Stunde, so dass es sein könne – im schlechtesten Fall – dass man gute zwei Stunden auf die Fähre warten müsse, um dann eine Stunde Überfahrt vor der Brust zu haben. Kann aber auch sein, dass die Fähre nicht fahre. Und dann säße man da halt erstmal fest. Drei Stunden warten, um dann noch einmal drei Stunden zu warten und überzusetzen mit dem Risiko, im Nirgendwo hinter dem zweitgrößten norwegischen Gletscher hängen zu bleiben? Auf gar keinen Fall! Wir fahren zurück und durch das Hinterland über die E6. Keine Experimente mehr. Einfache und klare Entscheidung mit Folgen: gut 50 Kilometer bis zu unserer Unterkunft zurückfahren, ab dort gute 150 Kilometer bis Fauske, wo wir gesten Nachmittag gegessen haben, um wieder auf die E6 zu kommen. Summa summarum also 400 Kilometer Sackgasse hin und zurück. Unsere Laune trübt das nicht so richtig.

Der FV17 ist wunderschön und macht Spaß zu fahren. Die Ausblicke sind fantastisch und wir sehen so auch noch jenen Teil, den wir gestern nicht gesehen haben. Das Wetter verspricht eine entspannte Fahrt, trotz bedecktem Himmel. Aber ohne Regen, Nebel oder Sturm. Das reicht uns. Mit ein paar Fotostops ziehen wir durch bis Saltstraumen, dem gestern beschriebenen Mahlstrom. Hier halten wir an und machen ein paar Fotos. Richtige Strudel und Strömungen gibt es gerade nicht. Wir sind – wie soll es anders sein – genau in der Mitte des Sechs-Stunden-Fensters vor Ort, in dem die Gezeitenaktivität am geringsten ist. Nehmen wir mit Humor, die Brücke entschädigt nämlich. Die 1978 eröffnete Brücke aus Spannbeton zieht ihre 768 Meter Länge direkt über den Mahlstrom. An ihrer höchsten Stelle ist die Bogenbrücke 41 Meter hoch. Der längste ihrer 10 Bögen misst 160 Meter. Steil ist sie. Über einen schmalen Fussweg kann man für eine gute Sicht über den Strom laufen. Wir sparen uns den Aufstieg, es gibt halt nicht viel zu sehen jetzt.

Nicht nur bis hierhin, sondern auch den gesamten restlichen Tag ist Katrin im Fotostress. Eigentlich macht sie im Fahren und bei Pausen wunderschöne Fotos. Zur ganzen Wahrheit von Fotos machen gehört auch, dass da viel Verschnitt bei ist. Gerade wenn man aus dem fahrenden Auto heraus fotografiert. In der Regel ist die Taktung fotografierenswerter Aussichten gut verteilt, so dass Katrin dazwischen Fotos sichte, löscht und für die abendliche Bearbeitung des Blogs schon einmal heraussuchen kann. Heute ist die Verteilung schlecht. Fast die gesamte Strecke über rockt. Katrin kommt mit der Sichtung nicht mehr hinterher, jede Kurve verspricht einen neuen Kracher. Ganz im Ernst: Wäre das Wetter wie die letzten Tage, wir würden heute wieder den Papp aufhaben. Heute haben wir aber gute Sicht und jeder Kilometer ist großartig. Wir haben den Verdacht, dass uns der Nebel die letzten Tage – eigentlich seit Finnland – richtig heftig das Roadtrip-Vergnügen geklaut hat. Verstärkt wird der Fotostress durch etwas, für das Matthias die letzten Tage immer wieder dankbar war: Die roten Leitstäbe für die Schneefräsen. Die stecken alle paar Meter im Boden und haben im Dunkel bei schlechter Sicht und Regen dank ihrer Reflektoren hervorragend Orientierung gegeben. Katrin springen sie heute am laufenden Band ins Bild. Und roter Stock vor grün-schwarz-blauem Motiv in grauen Lichtverhältnissen ist dann doch etwas sehr prominent.

Heute genießen wir das Fahren. Bis das Auto ein wenig Zuwendung braucht. Immer mal wieder tröpfelt es ein wenig, der Scheibenwischerschalter muss häufig betätigt werden. Auch um Wischwasser zu spritzen. Irgendwann fällt Matthias auf, dass sich der Schalter komisch anfasst. Er wackelt im Armaturenträger. Der Schalter ist von vorne mit einer Rosette verschraubt. Diese kann Matthias während der Fahrt von Hand wieder befestigen. Hält erstmal, muss zu Hause nochmal richtig festgemacht werden. Außerdem fällt uns ein unangenehmer, schlecht zu beschreibender Geruch auf. Irgendwie verschmort. Gestern bemerkten wir den auch schon, haben wir ihn aber gekonnt wegignoriert. Heute ist er wieder da. Häufig nach Pausen mit laufendem Motor. Sicher ist sicher, deswegen halten wir kurz und schnüffeln uns durch’s Auto. Es könnte mit der Wärmeableitung des Motors zu tun haben. Und da bemerken wir, dass der E-Lüfter überhaupt nicht läuft, auch wenn wir das Thermostat dafür ganz niedrig stellen. Es klickt, der Lüfter startet aber nicht. Was macht man als erstes, wenn ein elektrisches Gerät nicht läuft? Sicherung überprüfen. Und die ist durch. Warum auch immer. Vielleicht hat Matthias beim Batterie einbauen nicht richtig aufgepasst. Im Laufe des Tages bekommen wir an einer Tankstelle entsprechenden Ersatz – sicherheitshalber nehmen wir noch eine zweite Sicherung mit.

Während wir der E6 über die Røklandhochebene folgen (höchster Punkt ist auf sagenhaften 692 Metern über Normalnull), fällt uns ein, dass wir eigentlich so weit südlich sein müssten, dass wir den Polarkreis so langsam verlassen müssten. Haben wir vielleicht den Übertritt schon verpasst? Wäre nicht das erste Mal, dass wir gekonnt daran vorbeifliegen. Katrin checkt und stellt fest: Kommt gleich. Und ergänzend fällt ihr auf: Das ist der Ort, an dem wir das erste Mal den Polarkreis überfahren haben. 2016 mit der Rallye-Gang beim Sommer Baltic Sea Circle.

Polarkreis 2016
Polarkreis 2025

Überhaupt, diese Rallye-Gang. Wir müssen ein bisschen Grinsen. Denn sie ist das beste Beispiel dafür, dass das Internet nicht nur ein Ort voller schlechter Menschen ist, sondern dass das Internet auch etwas echt Gutes sein kann. Matthias hatte vor der ersten Rallye eher per Zufall Kontakt mit Hinne vom Team GinTourismo. Beide schrieben ein wenig, Hinne hatte gute Tipps und so liefen sich die beiden mit ihren Team-Mates Katrin und Hauke beim Start zwangsläufig über den Weg. Zeitgleich kamen ebenfalls übers Internet Micha und Matthias in Kontakt. Und verabredeten sich, am Vortag des Startes gemeinsam zu frühstücken und in Kolonne nach Hamburg zu fahren. Der Rest ist Geschichte. So entstand die mittlerweile um weitere Menschen gewachsene Rallye-Gang.

GinLikePolarAvil 2016

Und es gibt so viele weitere tolle Geschichten, wie die Kombination „alte Autos und Internet“ am Ende echte Menschen mit echten Geschichten im echten Leben mit uns zusammen gebracht hat und daraus etwas Wundervolles wurde. Sei es Watt’n’Schrauber-Lars, der einen wirklich unterhaltsamen Blog zu seinem Leben mit alten Autos schreibt (mehrere Volvos, einen alten Passat, einen Golf 1 Cabrio, einen Golf 3 Kombi, mehrere Mercedes und einen Traktor) und der die besten Ausfahrten in unserem Kalender organisiert. Vor Kurzem hat er sich seinen Traum von einem Volvo Amazon Kombi erfüllt und will damit demnächst auf Skandinavien-Tour gehen. Eigentlich hängen an Lars noch eine ganze Reihe weiterer Menschen die wir beim Watt´n´Törn oder der Schnitzelfahrt kennen lernen durften. Und ins Herz geschlossen haben. Oder Paul, der einen garnicht so kleinen und trotzdem feinen YouTube-Kanal hat, in dem er Dashcam-Videos mit Memes mischt und über seine Altautoleidenschaft berichtet. Paul sind auch alte Volvos zugelaufen und über diese sowie seinen Dashcam-Kanal sind sich er und Matthias begegnet. Ein paar Burger und Volvo-Stammtische später werden sie demnächst (schnell auf Holz geklopft, damit alles klappt) gemeinsam einen kleinen Schrauberort haben. Oder Stefan aus Schweden, häufiger hier im Blog bereits erwähnt, der uns spontan zu sich einlud, als er mitbekam, dass wir eh beim ihm lang fahren. Oder André, der mit ein paar alten Volvos in Hamburg unterwegs ist und mit dem sich ein reger, unsteter aber beständiger Chataustausch über Autos hinaus ergeben hat. Nur weil man sich bei Instagram über den Weg gelaufen ist. Oder Lars: ebenfalls bei Instagram in die Timeline gerutscht. Er ist Schuld daran, dass Matthias jetzt Mitglied im Volvo 164/140-Club ist und schon mehr fürs Clubleben getan hat, als er jemals wollte (einen Artikel für die Clubzeitung schreiben) und jetzt darüber nachdenkt, zum Clubtreffen zu fahren, denn so schlecht kann das ja garnicht sein. Auch die gesamte Redblocks NRW-Community ist eine Internetbekanntschaft mit Potential. Zwar hat sie es noch nicht aus dem virtuellen Leben in unsere Realität geschafft hat, aber es gibt jetzt schon so viel Wohlfühl-Vibes, dass das nur gut werden kann. Oder Wattie und Robert, die wir erstmals durch das Leichenwagenforum kennengelernt haben. Robert hat einen eigenen Blog und SocialMedia, wo er das Fahren und Schrauben an und von Leichenwagen mit Aufklärung über Tod, Sterben, Abschied und Trauer verbindet und unseren Blog immer wieder supportet. Oder die Menschen, die Teil dieses wirklich geheimen Volvo-Treffens sind, welches sich über das Internet organisiert. Um echt nur einige zu nennen. Und entschuldigt, wenn wir euch hier jetzt vergessen haben. Das war keine Absicht, es ist eher dem Matschkopf am Ende eines langen Tages geschuldet.

Watt‘ne‘Schnitzelfahrt 2024

Als wir endlich am Polarkreis ankommen, ist alles geschlossen. Der große Parkplatz und das Polarkreis-Visitor-Center unerreichbar eingeschneit. Lediglich die Einfahrt ist frei. Hier machen wir etwas, was Micha und Patrick vom Team Polarkreisverkehr 2016 schon gemacht haben. Zur Ehre und mit lieben Grüßen an all die coolen Menschen, mit denen wir unterwegs sind, waren und sein werden, drehen wir ein paar Kreise auf dem Polarkreis. Leider beginnt hier oben Kollege Nebel seinen Spätdienst, entsprechend eingeschränkt ist Sicht und Motiv. Egal. Das wird uns unsere gute Laune heute nicht mehr versauen.

Aber dem Polarkreis geht es wieder bergab. Wir lassen die Hochebene hinter uns und düsen auf der E6 bis Mo i Rana. Hier gönnen wir uns überschaubare Portionen Salat (nach zwei Wochen eher handfestes Essen tut etwas Frisches echt gut) für eine stattliche Summe Geld. Anschließend fahren wir noch 15 Minuten bis zu unserer Unterkunft. In völliger Dunkelheit kommen wir an, erfreuen uns an der schönen Beleuchtung des Platzes und sind gespannt auf Morgen früh. Denn die Unterkunft punktet vor allem mit einem: einer ordentlichen Aussicht.

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