Tag 7 – Berg- und Talfahrt im Flachland

Von Norane nach Göteborg (statt Ugglarp)

Zeit: 11:20 Uhr > 21:20 Uhr = 10 Stunden

Km: 296

Pausen: 1 x Apotheke, 1 x Schleuse, 1 x Pipi, 1 x Königsgrotte in Trollhättan, 1 x Fika in Alingsås, 1 x zusammen zu finden > Panne

Liter: 30,34 (Literpreis 19,39 SEK/98er)

Reparaturen: schon wieder die Zierleisten, Scheibenwischer ist ok, dafür muss der Schalter für den Wischer festgeschraubt werden, Getriebe BMW > nicht erfolgreich

Sonnenaufgang Start: 4:01 Uhr (22:15 Uhr Untergang)

Sonnenuntergang Ziel: 22:03 Uhr (4:17 Uhr Aufgang)

Temperatur: 16 Grad bis 22 Grad 

Es hat die ganze Nacht heftig geregnet. Was in einer lauen Sommernacht im Zelt ganz romantisch sein kann, ist bei 12 Grad und einem bereits durchgefrorenem und feuchtem Abend nur bedingt vergnügungssteuerpflichtig. Zusätzlich fallen dicke, fette Tropfen, die einen Heidenlärm auf dem Zelt machen. Entsprechend gerädert klettern wir aus selbigem und versammeln uns unter unserem Pavillon. Marvin hat bereits die erste Runde Lebensenergie spendenden Kaffee aufgesetzt. Seit ca. vier Uhr regnete es nicht mehr, es weht ein beständiger Wind bei round about 16 Grad, so können die Zelte bis zur Abfahrt noch weitestgehend abtrocknen.

Beim Frühstück klagt Katrin über diffuse Übelkeit und isst nur eine Scheibe Knäckebrot. Als wir anfangen wollen abzubauen, erbricht sie schwallartig das Wenige, was in ihrem Magen ist. Wir kümmern uns um sie, warten bis sich ihr Bauch etwas beruhigt hat und bauen nach der zweiten Runde weiter ab. Denn zumindest Zelte und Pavillion sollten eingepackt sein. Die nächste Regenwolke begibt sich gerade in Startposition.

Katrin ist ziemlich erschöpft. Wir gehen verschiedene Optionen durch. Da Katrin das Gefühl hat, dass es ihrem Bauch jetzt so geleert etwas besser geht, entscheiden wir uns erstmal für den Tagesplan. Ausgestattet mit in Wasser aufgelösten Kohletabletten macht Katrin erst einmal ein Nickerchen auf dem Beifahrerinnensitz und zieht sich aus der (Foto)Dokumentation für heute vorerst raus.

Die Tagesplanung hat heute wieder Team Flensburg übernommen. Es gibt wieder ein Tagesbingo mit Dingen, die man entdecken kann. Unser erster Stop soll eine Schleuse sein. Davor schieben wir aber noch einen Apothekenbesuch ein. Matthias will Vomex besorgen, ein Mittel, das den Brechreiz unterdrückt. Das gibt es nicht, ein Reisemedikament soll aber den gleichen Effekt haben. Mit der Nebenwirkung Müdigkeit. Deshalb verschläft Katrin den ersten Roadbook-Stopp. Die Aufgabe an einer Schleuse erledigt Matthias gemeinsam mit den anderen.Zurück am Auto erorieren wir noch mal die Lage, messen Fieber und überlegen, ob Katrin und Matthias nach Göteborg durchstochern, um ab da die Fähre nach Kiel zu nehmen. Die Tabletten wirken allerdings so gut, dass Katrin entscheidet, dass wir wie geplant weiter machen.

Fotospende von Micha

Also geht es weiter zum nächsten geplanten Stopp. Bei der Kungsgrotta in Trollhättan, einer kleinen Höhle die durch den Fluss Götha in Trollhättan in den Fels gewaschen wurde, halten wir. Diese Höhle wurde von diversen schwedischen Monarch:innen besucht, seit 1754 gravieren sie hier ihre Unterschrift in den Stein. Für unsere Aufgabe schaltet sich wieder ein Item in unserer Tüte frei: Kreide. Damit sollen wir bei der Kungsgrotta unsere königlichen Namen auf den Stein schreiben. Natürlich nicht direkt auf den königlichen Stein, so viel Respekt sollte auch bei einer so seltsam archaischen Einrichtung wie Königshäusern noch sein. 

Zusätzlich zur Kungsgrotta gibt es hier einen beeindruckenden Canyon zu bewundern.  Von der 1889 nach zwei Jahren Bauzeit eröffneten Bogenbrücke hat man einen wundervollen Blick. Wir laufen ein bisschen hin und her, fotografieren und eventuell machen manche von uns noch Quatsch mit Kreide und Asphalt.

Tatsächlich lockt aber Aufgabe 3 nach Alingsås. Die am See Mjörn und der E20 gelegenen Stadt mit knapp 26.000 Einwohner:innen (im gesamten Gemeindegebiet) ist bekannt für ihre pittoreske Holzhaus-Bebauung aus der Zeit um 1900 und die vielen Innenhof-Cafes. Arlingsås gilt als Hauptstadt des Fikas. Fika ist eine soziale Einrichtung in Schweden. Es ist die Unterbrechung des täglichen Tuns, um mit Familie, Freund:innen oder Kolleg:innen zusammen zu kommen und einen Kaffee zu trinken. Dazu gehört fast immer ein fikabröd, ein Süßgebäck, ein Stück Kuchen oder auch belegte Brote. Eine Fika kann überall stattfinden wo es Kaffee gibt. Wir gehen dafür in eins der Hinterhof-Cafes und gönnen uns eine ausgiebige Fika mit leckerem Essen und tollem Kaffee. Dabei diskutieren wir die nächste Etappe und entscheiden uns für eine Umfahrung Göteborgs, um nicht im Feierabendverkehr zu landen.

Wir fahren los, auch in Arlingsås ist dichter Verkehr. Am zweiten Kreisverkehr verlieren wir uns aus den Augen, der Funkkontakt bricht ab und Katrin und Matthias biegen vorne weg im Volvo da ab, wo die beiden anderen Autos weiter geradeaus fahren. Obwohl wir im Volvo bei der ersten Gelegenheit anhalten, ist der Drops gelutscht. BMW und VW sind auf der Autobahn, der Volvo ist auf einer Landstraßen-Umfahrung. Wir koordinieren uns via Telefon & Chat und verabreden uns für ein Städtchen, das in etwa Schnittpunkt beider Routen ist. Zwischenzeitlich fängt es wieder an zu regnen. 

Vor Kirche und Friedhof von Hemsjö warten BMW und VW auf uns. Bereits als wir uns nähern, kommt wieder Leben in den abgebrochenen Funk und wir finden zu einander. Zum Glück. Denn unsere Navigation hatte sich kurzzeitig aufgehangen. Es folgt ein kurzer Schnack, dann wollen wir weiter fahren. Volvo startet den Motor, VW startet den Motor, nur vom BMW kommt kein Lebenszeichen. Hier tut sich nichts. Offensichtliches Problem: der Wahlhebel der Automatik schlackert lose in seiner Führung. Irgendein Gang scheint drin zu sein, der Wagen steht wie festbetoniert in der Parkbox.

Gemeinsam überlegen wir, was der Fehler sein könnte und grenzen schnell auf einen gerissenen Bowdenzug ein. Das macht uns Kopfschmerzen, Ersatzteile für einen E23 sind bereits in Deutschland nur sehr begrenzt vorhanden. Das ist ein mittlerweile recht seltenes Auto. In Schweden rechnen wir nicht mit viel Angebot. Um zu schauen, ob wir irgendeine Übergangslösung schaffen können, bauen Micha und Hauke die Mittelkonsole aus und versuchen die Zugführung nachzuvollziehen. Am Ende scheitern wir aber und rufen den ADAC. Die Wartezeit überbrücken wir mit Lachsschnittchen. Wenn schon liegen bleiben, dann mit Stil.

Nach gut 1,5 Stunden kommt der Abschlepper, der wortkarge Fahrer macht sich ohne viel Federlesen an die Arbeit, checkt die Lage und bringt den Abschlepper in Position. Dass er dafür fast die ganze Straße blockiert scheint weder ihn noch Vorbeifahrende zu stören. Der BMW wird mit der blockierten Hinterachse auf Rutschkeile aus Plastik gezogen und mit der Vorderachse auf die Ladefläche des Abschleppers. So kann er etwas aufgebockt werden, um auch von unten den Schaden begutachten zu können. Hier ist klar zu sehen, wo der Zug abgerissen ist. Mit viel Engagemant – und immer noch sehr wortkarg – versucht der Abschlepper den BMW wieder fahrbar zu machen. Leider ebenfalls erfolgslos. Drei Stunden nachdem der BMW nicht ansprang ist es also klar: Er wird in eine Werkstatt geschleppt.

Und wie soll es anders sein: Es ist Donnerstagabend und der Samstag ist Nationalfeiertag. Das Zeitfenster für eine Reparatur ist also überschaubar. Unseren geplanten Campingplatz werden wir heute nicht erreichen, sondern in der Gegend bleiben. In unmittelbarer Umgebung sind alle Hotels ausgebucht, auch ein AirBnB antwortet uns nicht. Also buchen wir uns in einem Hotel direkt neben der Autobahn vor Göteborg ein. Micha und Marvin packen noch ein paar Sachen um, Micha fährt im Abschlepper mit zurück nach Arlingsås und wir hinterher. Bei Mekonomen wird der Wagen abgeladen, wir laden Micha ein und machen uns auf den Weg nach Göteborg. Inzwischen ist es 21:00 Uhr. Als wir uns unserem Hotel nähern ist es kurz vor halb zehn. Und nochmal an diesem Tag sackt uns kurz das Herz in die Hose.

Von außen sieht das Hotel wie die schlimmste Absteige aus. Aber uns bleibt jetzt keine andere Option. Beim Betreten Beruhigung: Offenbar wurde nach dem Motto „der Gast ist ja vor allem drinnen“ ins Interieur und Ambiente investiert. Drinnen ist es sehr gemütlich und nett. Wir bringen unsere Sachen auf die Zimmer, machen einen kurzen Sanitär-Stop und treffen uns direkt wieder, um zum nahe gelegenen Max Burger zu gehen, einer Fastfood-Kette. Wir haben alle Kohldampf, niemand ist mehr wählerisch. Selbst Katrin steigt wieder beim Essen mit ein. Wir besprechen die verschiedene Optionen und entscheiden uns am Ende, den nächsten Tag abzuwarten. Und zusammen zu bleiben. Niemand wird zurück gelassen.

Die Aufregung des Tages flacht langsam ab und nach einem kurzem Aufenthalt in der Hotellobby zieht es uns alle ins Bett. In ein richtiges Bett mit eigenem Klo direkt nebenan, das aktuell wirkliche Plus der Situation.

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