Tag 9 und 10 – Abschied in Raten

Tag 9 – Freizeit? Wer braucht das schon?

Von Orø nach Flensburg

Zeit: 17:40 Uhr > 22:45 Uhr = 5:05 Stunden

Km:  328

Pausen: 1 x Mini-Fähre, 1 x tanken mit Wildpipi, 1 x richtig Pipi, 1 x Essen m. Pipi

Liter: 28,22 (Literpreis 18,29 DKK/100er)

Reparaturen: die an der Motorvorwärmkontrollleuchte verschmorte Häkeltasche (natürlich mit Gewebeband, wie sich das gehört auf einer Rallye)

Sonnenaufgang Start: 4:32 Uhr (21:51 Uhr Untergang)

Sonnenuntergang Ziel: 21:54 Uhr (4:49 Uhr Aufgang)

Temperatur: 20 Grad bis 16 Grad 

Wir hatten für heute einen DayOff geplant. Entspannt aufstehen, in Ruhe frühstücken, am Strand chillen, sowas halt. Das heute eine Hochzeit im Restaurant stattfindet, ist uns vorab mitgeteilt worden. Dass die Hochzeitsgäste aber alle Hütten beziehen und dafür kreuz und quer mit Autos über den Campingplatz fahren (und das nicht gerade langsam), nicht. Zum Glück betrifft das nur einen überschaubar zeitlichen Rahmen. Zu unserem Leidwesen allerdings genau während unseres späten Frühstücks. Das ist opulent, wir fahren noch einmal alles auf, was der Kühlschrank zu bieten hat, braten Rührei und rutschen so in den Tag. Wir erledigen unseren Abwasch, duschen ganz in Ruhe. Irgendwie seltsam, das alles in Flatterhose und Flipsflops zwischen (wirklich sehr) schicken Hochzeitsgästen zu machen. Aber wer auf einem Campingplatz feiert, der muß halt damit rechnen.

Wir hängen noch am Strand rum, essen Eis, genießen Kaltgetränke und sind Zaungäste der Vermählung, die mit Blick auf den Strand und uns stattfindet. Wir sind wenigstens so anständig, uns etwas abseits zu halten. Eins, zwei ältere Herr- und Frauschaften finden es völlig legitim sich in unmittelbarer Nähe direkt in der Sichtachse der Zeremonie zu sonnen – und es wäre wirklich genug Platz für etwas Respekt gewesen – naja, Leute halt.

Aufgrund der Wetterprognose entscheiden wir uns dazu, die letzte Nacht unserer Tour nicht wie geplant auf der Insol Orø zu verbringen. Die Uhrzeiten schwanken, aber jeder Wetterbericht sagt Regen für die Nacht voraus. Und in der letzten Nacht noch einmal richtig schön durchnässte Zelte haben – das ist maximal unattraktiv. Denn das bedeutet, dass wir alle am Folgetag gucken müssten, wie wir die Zelte wieder trocken kriegen. Deswegen gilt für heute folgender Plan: Wir chillen ausgiebig, genießen Strand und Platz, sortieren die Campingausrüstung zurück auf die Ursprungsautos, bauen ganz entspannt ab und machen uns abends auf den Weg nach Flensburg. Und genau so passiert es. Zwischendurch werten wir noch die Ergebnisse der Aufgaben der letzten Tage aus und haben einen knappen, aber klaren Sieger: Team Düsseldorf hat mit Fleiß, Ehrgeiz und KnowHow trotz pannenbedingtem Handicap am meisten Gummipunkte gesammelt. Und gewinnen damit die Organisation des nächsten Rallyecampings 2027.

Ohne große Abstimmung sind kurz nach fünf alle Autos gepackt und wir bereiten uns darauf vor, diesem wunderschönen Ort Lebewohl zu sagen. „Farvel, Orø, wir kommen wieder!“ Die Fähre erwischen wir absolut perfekt kurz vor dem Ablegen, hinter uns schließen sich die Schranken und wir machen uns auf den Weg. Zügig geht es über die Insel Sjælland, wir überqueren den großen Belt über die Storebæltsbron nach Fyn. Die Beifahrenden haben die Aufgabe, uns eine Möglichkeit für Abendessen rauszusuchen. Vorher steht noch die obligatorische Suche nach iner Tankstelle mit ausreichend oktanigem Kraftstoff. Wir steuern eine an und es gibt 100 Oktan. Natürlich nicht geschenkt, aber den guten Stoff gönnen wir uns jetzt. Zum Abendessen finden wir in einem Kaff im Nirgendwo direkt neben der Autobahn einen Asiaten, den peilen wir an. Er liegt in einem in die Jahre gekommenen Einkaufszentrum, es sieht alles etwas fragwürdig aus. Weiter hinten durch ist noch eine Pizzeria. Wir bestellen asiatisch, Team Flensburg ergänzt mit Pizza und Team Düsseldorf entscheidet sich für einen Kurzabstecher zum Restaurant Zur goldenen Möwe direkt an der Abfahrt. Auf dem kleinen Parkplatz des Shoppingcenters stellen wir einen Campingtisch auf und essen unsere letzte Mahlzeit on the road. Die Stimmung ist gelöst, klar, es ist die Rückfahrt und damit das Ende des Trips, aber die restliche Zeit zusammen schöpfen wir noch einmal aus den Vollen.

Internationale Reiseküche

Gut, dass unsere Bäuche jetzt ordentlich gefüllt sind, denn uns rollt ein gewaltiges Unwetter entgegen. Es wird richtig stürmig und Starkregen prasselt auf die Autodächer. Wir sind saufroh, die letzte Nacht nicht in den Zelten zu verbringen. 

Wir kämpfen uns durch die Abenddämmerung und das Unwetter – im Volvo begleitet vom dauerhaften Quietschen der Scheibenwischer – über die deutsche Grenze und kommen am Ende spät im Hauptquartier von Team Flensburg an. Die Autos werden im Vorgarten geparkt, das Nötigste ausgepackt und sich am Küchentisch breit gemacht. 

Eine Diskussion gibt es noch: Die Candybar – gut befüllt vom Team Düsseldorf – ist ein Geburtstagsgeschenk für Ida gewesen. Sie besteht aus einem geschmückten Karton und ist von Ida heiß geliebt. Micha und Marvin hatten den Plan, die Candybar mitzunehmen und gegen eine stabilere und langlebigere Variante auszutauschen. Doch darauf lässt sich Ida nicht ein. Die Candy-Bar bleibt so wie sie ist in Flensburg. Dass sie ziemlich angeschlagen ist von ihrem Dasein mit uns auf Tour, ist völlig unerheblich. Schließlich ist geschenkt geschenkt und wiederholen ist gestohlen.

(das Bild der patinierten Candybar steckt noch im Labor & wird nachgereicht)

Wir lassen den Tag mit einem letzten Kaltgetränk ausklingen und schwelgen noch ein wenig in Erinnerungen bis uns die Augen zufallen und es für alle schnell ins Bett geht. Morgen wird früh gestartet und für die Teams aus dem Rheinland heißt es noch einmal richtig ordentlich Strecke machen. Inzwischen ist der starke Regen auch in Flensburg angekommen und wir sind heilfroh um unsere Entscheidung.

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Tag 10 – Epilog (ab nach Italien)

Von Flensburg nach Duisburg & Düsseldorf

Zeit: 9:40 Uhr > 19:10 Uhr & 20:10 Uhr = 9:30 & 10:30 Stunden

Km: 608

Pausen: 2 x tanken & Pipi, 2 x Pipi, 1 x essen mit Besuch & Pipi, 1 x Kaffeestop m. Pipi, 1 x Abschiedsstopp m. Pipi

Liter: 37,10 (Literpreis 2,00 EUR/98er) + 36 (2.43 EUR/Liter 100er) + 20 aus dem Kanister (100er)

Reparaturen: keine

Sonnenaufgang Start: 4:47 Uhr (21:55 Uhr Untergang)

Sonnenuntergang Ziel: 21:46 Uhr (5:17 Uhr Aufgang)

Temperatur: 17 Grad bis 20 Grad

Müde und etwas gerädert krabbeln wir aus unseren Betten. Anders als bisher haben wir keinen Bock auf den Tag. Denn dieser Tag bedeutet Abschied. Und wenn man so viel Zeit und Kilometer zusammen verbracht hat, dann hat man eigentlich nur bedingt Lust, sich zu trennen. 10 Tage Roadtrip für 10 Jahre Rallyegang neigen sich dem Ende entgegen und alleine die Distanz sagt, dass wir uns zwar nicht aus den Augen verlieren werden, uns aber bis nächstes Jahr deutlich weniger sehen werden. So ist das halt leider mit Fernbeziehungen. Man muß die ausgewählte Zeit zusammen ausgiebig nutzen – und das haben wir getan.

Ein trauriger Volvo lünkert um die Ecke

Es wird geduscht, trotz morgendlicher Stunde in Ruhe gefrühstückt und der erste Abschied mit ein bisschen schnacken noch rausgezögert. Für den heutigen Tag haben Katrin und Matthias ein Roadbook geschrieben, es besteht primär aus einer atmosphärischen Beschreibung des Tages, beinhaltet aber auch eine wichtige Aufgabe. Round about 600 Kilometer mit mindestens zwei Tankstops (weil wir mit fast leerem Tank heute starten) liegen vor uns, gleichzeitig wird enormer Verkehr dank verlängertem Wochenende sein. Das geht nicht ohne Stärkung zwischendurch. Micha und Marvin erhalten von uns eine Zahlenkombination und haben zur Aufgabe, herauszufinden, was es damit auf sich hat. Marvin, ursprünglich aus dem Norden kommend, erkennt sehr schnell die Vorwahl von Oyten und damit ist es nur eine schnelle Google-Suche, um herauszufinden, dass wir einen Zwischenstop bei Daisy´s Diner einlegen werden. 

Katrin und Matthias haben den Diner auf einer der ungezählten Heimfahrten vom Fußball in Hamburg entdeckt. Wahrscheinlich hatte Sankt Pauli zu Hause wieder verloren, wir hatten keine Zeit (und keinen Bock) mehr für Essen im überfüllten Viertel und brauchten aber noch etwas im Bauch, bevor wir durch die Nacht nach Hause ballern. Das Diner ist im Retro-50er-Design, sieht sehr authentisch nach Hollywood-Highschool-Film aus.

Schweren Herzens brechen wir letztendlich auf. Ein letztes Winken aus den Fenstern und schon sind wir auf der Autobahn. Schleswig-Holstein rauscht an uns vorbei, das Wetter ist angenehm, ab und zu tröpfelt es ein bisschen, insgesamt ist es aber warm und schön. 

Nichts stimmt an diesem Bild (außer dem BMW): Wetter doof. Anderes Dachzeltauto doof. Landschaft doof.

Um Hamburg herum staut sich der Verkehr heftig, deutlich mehr als normal und von uns gewohnt. GoogleMaps empfiehlt eine Umfahrung durch die Stadt und über die Elbbrücken. Bei gleicher Fahrtzeit hat fahren im Gegensatz zum Stehen im Stau aber einen eigenen Charme in unklimatisierten Autos. Leider machen wir einen nachhaltigen Fehler: An einer Kreuzung können wir entweder durchs Viertel und am Stadion vorbei fahren oder bei gleicher prognostizierter Fahrtzeit irgendwo anders lang. Matthias, im Volvo vorne weg, entscheidet sich für’s Viertel – das großräumig gesperrt ist. Es findet gerade der Hamburg Iron Man statt. Eine Info, die weder wir noch BigData hatten. Also kämpfen wir uns mehr stehend als fahrend durch die Hamburger City, verzweifeln fast an plötzlichen Sackgassen und Spursperrungen und kommen irgendwann endlich über die Elbbrücken. Um auf der A1 ab Harburg wieder im Stau zu stehen. Hassen wir.

Schön blöd!

Irgendwann liegt auch das hinter uns und wir spulen Autobahnkilometer galore. Der nächste Stau liegt vor uns. Bei Bremen ist eine Brücke kaputt, seit Jahren. Und seit Jahren gibt es hier Stau ohne Ende. Praktisch: das Diner liegt genau davor. Wir fahren also ab als alle anderen auf die Bremse treten. Das Meer aus Bremslichtern kann uns erstmal egal sein.

Im Diner treffen wir Hildegunde und ihren edlen Ritter. Das passt ganz hervorragend, hatten wir doch bereits auf der Hinfahrt bei ihr einen Zwischenstop eingelegt und Kaffee geliefert. Es ist also ein perfekter Zirkelschluss zum Prolog. Lieben wir. 

Der erschlagene Drachenkopf & die Kaffeebeute

Wir spülen unsere (leckeren) Burger mit Eistee und Cola runter und sind schon wieder auf der Bahn. Und probieren etwas Neues aus. Über die Funktion „gemeinsamer Jam“ hören wir in beiden Autos die gleiche Musik und können uns gegenseitig Hits in die Boxen spülen. Das klappt so lange gut, so lange es Internet gibt. In Schweden wäre das also kein Ding gewesen. In der niedersächsischen Provinz aber ist das eine deutliche Herausforderung.

Zusätzlich ist der Verkehr supernervig, man merkt einfach, dass viele Menschen normalerweise nur ihre fünf bekannten Strecken mit dem Auto fahren und bei unbekannter Route und hohem Verkehrsaufkommen echt überlastet sind. Und leider ist die Autobahn voll von solchen Fahrer:innen. Funfact: Ein PKW fährt in Deutschland im Durchschnitt 12.309 km/Jahr. Also round about 1.000 km/Monat, 256 km in der Woche. Also 36 km/Tag. Wenn man dann weiß, dass die durchschnittliche Pendelstrecke in Deutschland bei 17-18 Kilometern liegt, ist es naheliegend, dass die meisten PKW idR auf den immer selben Routen unterwegs sind. Quasi der statistische Beweis für die Sonntagsfahrer:innenthese.

Die Funke krächzt heute weniger als sonst. Wir brauchen was für die gute Laune. Und ein Pipistop ist auch dringend nötig. Also fahren wir bei Osnabrück von der A1, kurven einmal ins parallel liegende Industriegebiet und machen bei der Kaffeerösterei des Vertrauens einen kurzen Boxenstop. Mit frischem Koffein ToGo und leerer Blase steigt unsere Moral wieder merklich. Bis die nächste Staumeldung reinkommt. Wir haben echt keine Lust mehr und entscheiden uns dafür, die A1 zu verlassen und über die A30 zur A31 zu fahren. Hier kommen wir relativ glatt durch, im Radio dudelt die Musik vor sich hin und wir spüren, dass der zweite Abschied relativ nah ist. Kurz vor Bottrop stoppen wir ein letztes Mal zusammen, drücken uns noch einmal herzlich und stellen uns ein letztes Mal gemeinsam in den Stau auf der A3. Um 19 Uhr Uhr ist es soweit: Wir müssen uns verabschieden. Und so winken wir vom Volvo aus dem BMW hinterher. Nach den letzten gemeinsam gefahrenen Kilometern auf der A42 biegt Team Düsseldorf auf die A59 Richtung Süden ab.

Wir queren den Rhein und verlassen die Autobahn, um am Fluß entlang bis ins Likedeeler-Hauptquartier zu fahren. Als kurz nach acht die Nachricht aus Düsseldorf kommt, wohlbehalten ankommen zu sein, ist der Volvo bereits leer geräumt. In der Wohnung türmen sich die Kisten, im Keller ist das Camping-Equipment gut verstaut. Bis zum nächsten Roadtrip.

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