Episode 3

Tag 7:

Wandertag

Uns stecken die letzten Tage konditionsmäßig ein bisschen in den Knochen. Deswegen haben wir entschieden, dass wir keinen Wecker stellen, sondern uns von der Sonne wecken lassen. Und wir haben Glück. Unsere Nische liegt so im Schatten der Berge, dass wir uns erst gegen 10:00 Uhr genötigt fühlen, aus dem Zelt zu klettern. 

Beim Zähneputzen wird Matthias von einem anderem Campinggast angesprochen, ob wir auch zum Festival unterwegs seien. Matthias versteht nur Bahnhof, auch die Ergänzungen „Metal“ und Tolminator“ helfen nicht weiter. Die Verständigung ist sehr schwierig, beide sprechen zwar dieselbe Sprache haben aber beide Zahnbürsten im Mund. Als dieses Hindernis beseitigt ist, bekommt Matthias die notwendigen Informationen, um diese Konversation überhaupt zu verstehen. In der Stadt Tolmin in der Nähe des Campingplatzes findet dieses Wochenende von Freitag bis Montag das Tolminator-Festival statt, Nachfolger der Metal Days. Headliner sind dieses Jahr In Flames, im LineUp sind aber auch Bands wie Agnostic Front, Moscow Death Brigade, Hatebreed und Heaven Shall Burn. Es gibt also vier Tage lang richtig ordentlich Auf-die-Fresse-Stromgitarren-Musik. Das Festivalgelände liegt dort, wo der Fluss Tolminka in die Soča fließt. Man kann also ganz entspannt auf einer Luftmatratze im Wasser treiben und gleichzeitig sich den Nacken beim headbangen nasser Haare brechen während man umgeben ist von Sloweniens wunderbarer Natur. Im August wird es dann auf demselben Gelände noch einmal laut, dann finden ebenfalls vier Tage lang die Punkrock Holidays dort statt. Als Matthias das Lineup checkt, denkt er kurzfristig über Festivaltickets nach. Dropkick Murphys, Good Riddance, Less than Jake, Hot Water Music, Satanic Surfers und H2O sind Bands, die früher bei ihm in Heavy Rotation liefen.

Wir frühstücken und checken noch einmal die für heute rausgesuchten möglichen Wanderrouten und entscheiden uns für die längste. Ca. 3 Stunden geht sie durch die umliegende Natur und macht dabei einige Höhenmeter. Insgesamt werden wir ca. 3,5 Stunden unterwegs sein, reine Bewegungszeit werden 2,5 Stunden sein. Es geht primär durch dichte Wälder und über enge und zum Teil sehr steile Pfade, stellenweise recht geröllig. Immer wieder plätschern um uns herum kleine Bäche und Quellen, willkommene Abkühlung für Arme und Gesicht. An einigen Stellen sehen wir mehr oder weniger professionelle Stauungen der Quellen, aus denen Wasserleitungen ins Tal gehen. Glücklicherweise sind die ersten zwei Drittel vollkommen im Wald, er spendet Schatten und der feuchte Boden kühlt die Umgebungsluft merklich ab. Wir laufen immer parallel zum Fluss Bača und zur Landstraße 403 bis zum Ort Obloke. Dort steigen wir den Bach herab und müssen das letzte Drittel entlang der Landstraße laufen. Hier brutzelt die Sonne uns zwischenzeitlich ordentlich auf den Kopf. Wann immer wir können, steigen wir zur Bača hinab, um uns ein bisschen abzukühlen. Außerdem leistet Katrins neuer Sonnenschirm, ein kleiner Taschenschirm, der silber beschichtet ist und somit die Wärme gut abstrahlt und gleichzeitig Schatten spendet, hervorragende Dienste. Immer wieder ist auch der Fluss Bača aufgestaut, hier nur wirklich professionell und offensichtlich, um Strom zu erzeugen. Wir klettern ein bisschen in und um die offen liegende Anlage und bewundern die dahinterliegende Schlucht. 

Recht erschöpft kommen wir am späten Nachmittag zu unserem Camp, duschen und legen die Füße etwas hoch. Die ganze Strecke, insbesondere aber die Höhenmeter machen sich bemerkbar. Irgendwann schmeißen wir den Grill an, hauen Würstchen drauf und schauen der Abenddämmerung dabei zu, wie sie langsam aber sicher den Tag vertreibt. Vorm zu Bett gehen bauen wir noch das Tarp ab. Die letzten Nächte hat es immer recht viel Kondensfeuchtigkeit gegeben und so packen wir das Tarp jetzt lieber trocken ein.

Tag 8:

Camp Koritnica, Grahovo ob Bači, Slowenien  nach Ljubljana, Slowenien

Zeit: 8,5 Stunden

Km:  156

Pausen: 1 x Pipi, 1 x Postojna, 1 x einkaufen & Leiter abschrauben

Liter: ./.

Reparaturen: ./.

Temperatur: 22 Grad bis 28 Grad (10 Grad in der Höhle)

Wir wachen noch vor unserem Wecker auf und aalen noch etwas rum. Ein Fehler, wie sich ca. eine halbe Stunde später herausstellen wird. Denn aus irgendeinem Grund öffnet der Himmel alle seine Schleusen und lässt ca. 40 Minutan lang richtig ordentlich Wasser vom Himmel fallen. In der ersten Regenpause packen wir alles sehr hektisch zusammen und ärgern uns ein bisschen: immerhin packen wir jetzt ein klitschnasses Zelt ein, das die nächsten drei Nächte eingepackt bleiben wird. Heute fahren wir nämlich Richtung Ljubljana und haben dort ein AirBnB gebucht. Wetterbedingt entscheiden wir uns also gegen unser eigenes Frühstück und für ein (überschauberes) Frühstück vorne in der Rezeption. Während wir dort warten entscheidet sich die Wetter-App um von „die Welt geht unter“ zu „eitel Sonnenschein“ und wir uns dazu, das Zelt doch noch einmal aufzuklappen. So kann Wind und Wärme noch ein gutes Stündchen durchziehen und am Ende ist es nur noch an wenigen Stellen klamm. 

Mit Start entscheidet sich die Sonne endgültig, den Tag einzunehmen. Wir legen noch einen kurzen Stop an einem Denkmal im Ort ein: drei mit den Läufen nach oben gerichtete aneinander gelehnte Gewehre erinnern an die Toten des Dorfes aus dem zweiten Weltkrieg. Sie starben im Partisanenkampf gegen die deutsche Wehrmacht. In der slowenischen Geschichtsschreibung wird dem Kampf der slowenischen Befreiungsfront (Osvobodilna Fronta – OF) als der Nationale Befreiungskampf gedacht. In der Befreiungsfront waren insgesamt fünfzehn verschiedene Gruppen versammelt. Das reichte von der kommunistischen Partei Sloweniens über Christlich-Soziale, Mitglieder der Turnorganisation Sokol, Liberale bis hinzu slowenischen Kulturgruppen und der antifaschistischen Frauenunion. Erfahrungen im Partisanenkampf gab es aber bereits vor der deutschen Besetzung: als Gruppe TIGR (Trst-Istra-Gorica-Rijeka) kämpften bewaffnete Einheiten bereits gegen die Besatzung durch italienische Faschisten. Über 27.000 Partisan:innen starben im Kampf gegen die Deutschen, 1.032 davon in Lagern, 830 davon wurden exekutiert, 133 starben durch Folter und mindestens 862 gelten als vermisst. In fast allen Orten gibt es irgendwo ein Denkmal für die Gefallenen, Mitte 1945 hatte Slowenien rund 1,4 Millionen Einwohner:innen, fast 2% der Bevölkerung starben also im Befreiungskampf.

2020 besuchten wir das Partisanenhospital Franja, ein vollständig autarkes Lazareth- und Reha-Zentrum, gut gesichert und unauffindbar am Ende einer unzugänglichen Schlucht. Mit eigener wasserbetriebener Stromversorgung konnte dort sogar ein Röntgengerät betrieben werden. Die Häuser und Hütten wurden auf hölzernen Ebenen in die Schlucht gebaut. Der Zugang war nur über einen einzigen Weg durch das Bachbett möglich und wer die entsprechenden Trittstufen unter Wasser nicht kannte, brach sich schnell alle Gräten. Zusätzlich sicherten versteckte MG-Nester im Fels den Zugang. Obwohl die Wehrmacht intensive Anstrengungen unternahm, entdeckten sie das Lazarett nie. Leider sind durch eine Sturzflut 2023 die Gedenkstätte und große Teile der originalen Häusern zerstört worden, aktuell kann es wegen Wiederaufbauarbeiten nicht besucht werden.

Anschließend machen wir uns auf den Weg Richtung Ljubljana. Über schmale Bergstraßen geht es Richtung Norden, jedoch nicht lange, bald stehen wir in einem Stau. Nichts geht mehr. Vor uns hat sich ein LKW im Gegenverkehr wahrscheinlich beim Ausweichen im Bankett festgefahren, unmittelbar dahinter ist die Straße durch ein Dorf so schmal, dass nur eine Fahrzeugbreite Platz ist. Also müssen sich erst einmal alle sortieren, die hinter dem LKW irgendwie Platz machen und nach einiger Zeit geht es zumindest für uns weiter. 

Nach und nach öffnet sich das Land, die Straße wird ebenfalls breiter und besser ausgebaut und wir verlassen den alpinen Bereich. Nach ca. zwei Stunden Fahrt erreichen wir unseren heutigen Zwischenstop: eine der weltbekannten Sehenswürdigkeiten von Slowenien, die Höhlen von Postojna. 2020 waren wir hier und konnten sie in der coronalen Besucherlosigkeit erleben. Wir, das waren Matthias und unsere Hamburger Freund:innen, mit denen wir unterwegs waren. Katrin blieb damals draußen, unser Hund Maric durfte nicht mit in die Höhlen. Den Besuch wollen wir noch nachholen.

Die gesamte Gegend um Postojna herum ist Karstgebiet. Im Kern bedeutet das, dass hier alles Karbonatgestein ist. Hauptmerkmal von Karstregionen sind riesige unterirdische Wasservorkommen die durch Korrosion des Gesteins, so genannte Verkarstung entstanden sind. Durch das Versickern von Wasser wird der Stein über jahrmillionen aufgelöst, was anfangs minimalste Ritzen sind, wird über die Zeit zu gigantischen Höhlen. Hier in Postojna entstand daraus ein System von Höhlen mit über 24 Kilometern Länge. An und für sich schon beeindruckend entsteht hier aber etwas Besonderes: während das Wasser immer weiter durch das Gestein sickert, löst es Kalk auf seinem Weg. Tritt das Wasser an Oberflächen, zum Beipiel Höhlendecken, wieder aus, hinterlässt es minimale Kalkrückstände (könnt ihr in Eurer Dusche auch beobachten). Über tausende bis Millionen von Jahren sammeln und wachsen diese Kalkrückstände zu großen Gebilden, Stalaktiten. Gleiches passiert, wenn das Wasser auf den Boden tropft, dann entstehen Stalagmiten. Und wenn sich beide irgendwann miteinander verbinden, dann entsteht ein Stalagmat. Eigentlich sind diese Gebilde reinweiß, gelöste Beimengungen wie Eisenoxid oder Mangan verfärben diese aber auch (hier in Rot und Schwarz).

Die Höhlen von Postojna sind auf knapp 5 Kilometern zugänglich, davon 1,5 Kilometer zu Fuß und die restlichen 3,5 Kilometer mit einer Grubenbahn. Es ist die zweitgrößte für die Öffentlichkeit erschlossene Tropfsteinhöhle der Welt (die größte liegt im Libanon). Neben beeindruckenden Tropfsteinen leben hier auch noch Grottenolme, die man in einem Aquarium besichtigen kann.

Anders als 2020 ist es jetzt rappelvoll. Bereits die Parkplätze platzen aus allen Nähten. Wir werden auf ein Stoppelfeld geleitet. Wir stehen an der Kasse an, um ein Ticket zu bekommen. Wir stehen an, um zur zugeordneten Zeit in die Höhle einfahren zu können. Mit 50 bis 60 anderen deutschsprachigen Besucher:innen bekommen wir eine deutschsprachige Führerin, die uns zackig auf die Grubenbahn scheucht. Insgesamt ist sie sehr freundlich und nett, es ist von Anfang an aber spürbar, dass hier ein enger Zeitplan eingehalten werden muß. Eine Millionen Besucher:innen im Jahr müssen hier halt irgendwie effizient durchgeschleust werden. Die Fahrt mit der Grubenbahn vermittelt einen ersten Eindruck, was uns im Inneren des Berges erwarteten wird. Leider ist aber auch der  Spaziergang durch die Höhle eher ein Stechschritt. Zeit, die beeindruckenden Tropfsteine in aller Ruhe zu begreifen und die Unendlichkeit, die es braucht, um solche Giganten zu erschaffen, haben wir keine. Die nächste Gruppe sitzt uns im Nacken und unsere Guide mahnt immer wieder zur Eile. Eine Verschnaufpause wird uns nur ganz am Ende beim Souvenirshop gegönnt, bevor wir uns mit allen Menschen wieder in die Grubenbahn quetschen. Nach ca. 1,5 Stunden treten wir blinzelnd aus der dauerhaft 10 Grad kalten Höhle ins strahlende Sonnenlicht mit knapp unter 30 Grad. 

Eigentlich ist bei uns grad die Luft raus. An der Ticketschlange haben wir uns aber noch für das Vivarium („see the baby dragons“) bequatschen lassen. Es ist ein schmaler Gang in den Berg hinein, hier sind Schautafeln zu Grottenolmen und ihrer Lebensweise aufgestellt. Leider handelt es sich nicht um einen Rundgang, entsprechend voll gestopft ist alles mit Menschen. Zu den Aquarien mit den Tieren ist kein Durchkommen, der Audioguide spinnt auch rum und wie gesagt – die Luft ist bei uns raus. Just in diesem Moment drängelt sich eine Frau vor uns irgendwie durch die Menschen, stolpert über ein Stück Fels, stürzt und schlägt dabei Matthias volle Kanone in die Weichteile. Für Matthias gehen kurz alle Lichter aus, der letzte Rest gute Laune ist dahin und als die Frau sich berappelt und uns keines Blickes würdigt, kriegt sie von Katrin den passenden Einlauf. Alles in allem: Zeit diesen Ort zu verlassen.

Draußen stärken wir uns noch zu touristischen Preisen bei überschaubarer Qualität – das ist jetzt einfach notwendig. 

Während wir vom Parkplatz fahren, fängt es an zu nieseln, regnet sich aber nicht fest. Unterwegs diskutieren wir final die Matthias seit Tagen beschäftigende folgende Problematik: Unser Auto ist ja bereits durch das Express-Dach recht hoch, obendrauf sitzt der Dachgepäckträger und dort drauf das Dachzelt. Das ist zusammen geklappt, und ganz obendrauf liegt noch die am Dachzelt befestigte Leiter. Wir haben das mal ausgemessen und liegen so ca. bei 2,13 Metern Höhe. Zu unserem AirBnB gehört ein Parkplatz in einem Parkhaus, eigentlich super. So steht das Auto sicher, wir müssen uns keinen Kopf um Parkgebühren machen. Einfahrtshöhe des Parkhauses liegt aber bei 2,10 Meter. Wir sind uns überhaupt nicht sicher, inwieweit solche Angaben mit Toleranz sind. Also überlegen wir Alternativen zum Auto abstellen, bis uns die perfekte Lösung einfällt: Wir schrauben die Leiter einfach ab. Auf einem Supermarktparkplatz lösen wir also die beiden Schrauben, verstauen die Leiter im Kofferraum und sichern die jetzt leere Beule in der Plane mit zwei zusätzlichen Spanngurten. Im Parkhaus zeigt sich zwar, wir hätten die Leiter wahrscheinlich auch drauf lassen können, aber eines gilt auf unseren Touren ja immer: better safe than sorry. 

Unsere Wohnung liegt im selben Block wie unser AirBnB 2020, eine perfekte Ausgangslage, um den Innenstadtbereich von Sloweniens Hauptstadt zu Fuß zu erkunden. Nur wenige Meter sind es bis zur berühmten Drachenbrücke. Wir laden unser Auto aus, in zwei Gängen haben wir alles notwendige in der Wohnung. Sie ist klein, nett und sauber. Außerdem hat sie einen kleinen Balkon und – wichtig – eine Waschmaschine. Wir haben nur frische Wäsche bis hierhin mitgenommen, um Gepäck zu sparen. Kaum eingecheckt läuft die erste Maschine, über Nacht und Folgetag trocknet diese auf dem Balkon.

Inzwischen nieselt es wieder, wir machen uns trotzdem auf einen ersten Spaziergang entlang der durch die Stadt fließenden Ljubljanica. Die abendliche Stadt ist nett beleuchtet, über allem thront das Schloss. Es herrscht eine entspannte und gelassene Atmosphäre in der wir uns schnell willkommen und aufgehoben fühlen. Trotzdem zieht es uns Richtung Bett, in unseren Beinen schmerzt noch der Muskelkater der Höhenmeter von gestern.

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