Episode 4

Tag 9

Wandertag

Wenn man schon einmal in einem richtigen Bett liegt, man frühmorgens zwar durch die eigene Blase geweckt wird, aber nur 5 Meter gehen muss ohne sich anzuziehen und dann einfach wieder zügig unter der Decke ist, dann kann man auch den lieben Gott ne gute Frau sein lassen und sich noch zweimal umdrehen. 

Gegen zehn kommen wir in die Senkrechte, machen uns frisch und entern eine Stunde später die Stadt in der Hoffnung auf etwas zu frühstücken. Leider geht das irgendwie schief. Wir werden uns nicht so richtig einig, dann gibt es kein passendes Angebot und nach etlichen Metern durch die wochenendlichen Menschenmengen orgenisieren wir uns erstmal das Wichtigste: einen Kaffee. Und dort gibt es zufällig hervorragend aussehendes Gebäck. Auf den Stufen der Mariä-Verkündigungs-Kirche aklimatisieren wir und füllen unseren Blutzuckerspiegel auf. Vor uns liegt der Prešerenplatz: eine riesige, gepflasterte Fläche. Laut Reiseführer der Ort, an dem sich junge Menschen verabreden und Fotos machen. Bei gutem bis sehr gutem Wetter ist das aber vor allem der Ort in Ljubljana, der sein eigenes Wetter hat. Quer über den Platz sind in geschätzten zehn Metern Höhe Drahtseile gespannt. Entlang dieser Drahtseile sind Wasserleitungen gelegt. Diese enden in Verneblern. Wenn es warm ist, wird darüber ein konstanter Wasserdunst produziert, der dafür sorgt, dass es, obwohl blauer Himmel ohne eine einzige Wolke, auf dem Platz regnet. Toll nicht nur für Kinder, wir beobachten Menschen allen Alters, die die kurze Abkühlung genießen. Und genau das macht es: obwohl der Platz sehr groß ist, komplett gepflastert und kaum Schatten vorhanden ist, herrscht hier keine drückende Hitze. Richtig gute Idee – muß man als Stadt halt wollen.

Danach erlaufen wir uns die Stadt. Kreuz und quer streifen wir durch die im Halbkreis entlang des Flusses angeordnete Altstadt. Auf dem südöstlichen Ufer erhebt sich der Hügel auf dem sich auch das Schloss befindet. Der regulierte Kanal durch den der Fluss durch die Stadt fließt, ist eines von Sloweniens Kulturdenkmälern von nationaler Bedeutung. In die Stadt tritt der Fluss über das Ljubljankeer Moor ein. Dort soll Jason, auf seiner Flucht gemeinsam mit den Argonauten nach dem Diebstahl des goldenen Vlies einen Drachen erschlagen und die Gegend somit von der Bedrohung befreit haben. Mit den Jahrhunderten wurde das Opfer dieses Kampfes umgedeutet zum Beschützer und Wahrzeichen der Stadt, weswegen er auch überall zu finden ist. 

Ebenfalls überall zu finden sind Eisdielen. Eis ist in Slowenien ein großes Ding. Die Nähe zu Italien (und auch der historisch immer mal wieder erzwungene Einfluss) sind hier zu spüren. Wir werden recht schnell schwach und gönnen uns eine Schale. Eis wird hier in 100g-Portionen in die Becher und Hörnchen gespachtelt. Dafür legt man dann 3,50 € auf den Tisch. Preis/Leistung stehen hier auf jeden Fall in einem Topverhältnis, das Eis hat Weltklasse-Niveau. Ebenfalls Weltklasse-Niveau hat der Kaffee, den wir im Črno Zrno bekommen: Die Bohnen sind mit Hibiskusblüten zusammen getrocknet, schonend geröstet und als Drip Coffee langsam zubereitet. Er schmeckt wie gesüßt, mit blumigen Aromen fast wie ein Tee. Und das ohne Zugabe von irgendwelchen Inhaltsstoffen neben den erwähnten Bohnen. Außerdem haben wir hier die Chance, Katrins Papa eine Freude zu machen – wir tun für seine Münzsammlung die letzten fehlenden slowenischen Euro- und Cent-Stücke auf. Witzigerweise irritiert die Barrista unsere Frage überhaupt nicht, ihr Mann sammelt auch Münzen.

Irgendwann brauchen unsere Augen Ruhe und unsere Körper etwas Abkühlung. Im nordwestlichen Teil der Stadt lockt dafür der Tivoli-Park. 1813 nach den Plänen von Jean Blanchard angelegt, verband er zwei bestehende Parks rund um des Schloss Tivoli und das Schloss Cekin. Damals war Ljubljana Hauptstadt der französischen Provinz Illyrien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Park dann nach einer gleichnamigen Gaststätte neben dem Schloss Tivoli (damals hieß es noch Unterthurn) umbenannt. 1951 erweiterte sich der Park noch um den Zoo, seit 1984 steht er unter Naturschutz. Uns bietet der Park vor allem Schatten und etwas Ruhe vor der völlig überlaufenen Innenstadt. Wir lassen die Seele baumeln und dösen etwas vor uns hin.

Wir hatten überlegt, dass wir eine Bootstour auf der Ljubljanica machen wollen, alle Reiseführer und auch die ausliegenden Infos im AirBnB empfehlen als Start den Anlieger an der Tromostovje-Brücke (direkt am Platz mit dem eigenen Wetter). Auf dem Weg dorthin sehen wir ein kleines Werbeschild für eine Bootstour die genau jetzt starten soll. Warum weiter laufen, denken wir uns und landen auf einem etwas veralteten aber dafür nicht überfüllten Boot. Mit diesem schippern wir eine Stunde den Fluss entlang, trinken dabei eine kalte Cola und genießen den Blick auf die historischen Häuser.

Gegen Abend kehren wir ins Restaurant Sokol ein, benannt nach der Turnorganisation, deren Mitglieder auch in der Resistance waren. Hier soll es traditionelle slowenische Küche geben, der Außenbereich wird von kleinen Wasserverneblern beständig herunter gekühlt. Es gibt Blutwurst mit Kraut und Kroketten sowie Schweinefilet mit so etwas wie gerollten Käse-Pfannkuchen. Letztere sind aber eher süß, vielleicht vergleichbar mit Pallatschinken.

Dem vollen Bauch müssen wir vor dem Zubettgehen etwas entgegen setzen. Wir erklimmen über dunkle Wege den Schlossberg und sind pünktlich zum Abendrot oben. Ins Schloss können wir leider nicht, dort findet ein Sommerkino statt, weswegen der Schlosshof ab 20 Uhr gesperrt ist. In aller Ruhe schlendern wir einen anderen Weg den Berg wieder hinab, streifen noch durch das alternative Viertel mit viel Streetart und enden schließlich am Stauwehr. Dieses ist pompöser gebaut als es einen Zweck hat. Die ägyptisch anmutenden Säulen und Fresken sollen vor allem den Ausgang aus der Stadt markieren und sind wie vieles in der Altstadt vom Architekten Jože Plečnik entworfen worden. Er begann 1925 mit der städtebaulichen Umgestaltung seiner Heimatstadt Ljubljana, die damals noch den deutschen Namen Laibach trug. Seine „am Menschen orientierte Stadtgestaltung“ in Ljubljana wurde 2021 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. 

Von dort wenden wir uns Richtung zu Hause, auf dem Weg kommen wir zufällig noch an einer Eisdiele vorbei und belohnen uns für gut 13 gelaufene Kilometer. Mit Blick auf den Fluss und den Mond rutscht das Eis gut runter, bis ins Bett ist der Weg nicht mehr weit. Mit einem erleichterten Stöhnen strecken wir die Beine aus und fallen in den Schlaf.

Tag 10

Wandertag

Auch heute hat der Volvo Ruhetag. Und auch wir ruhen ausgiebig. Irgendwann zwischen zehn und elf verlassen wir das Haus und machen uns auf um zu Frühstücken. Wir haben uns das Eggs&Tales rausgesucht, ein kleiner Laden mehr oder weniger um die Ecke. Wie klein, das sehen wir, als wir dort ankommen: ganze vier Tische gibt es, keiner ist frei. Uns wird angeboten, uns anzurufen, wenn Platz ist, das sei in einer halben Stunde oder so. Plus Minus man weiß es nicht. Also gehen wir erstmal etwas Aufschnitt für das Frühstück der nächsten Tage und frisches Obst einkaufen. Für das Obst streifen wir über den regelmäßig stattfindenden Zentralmarkt, für den Aufschnitt gehen wir in einen schnöden Supermarkt. Mit erneuter Enttäuschung: auch hier gibt es keine Trüffelchips. Während wir in einem Café in der Nähe einen Kaffee trinken, recherchieren wir. Trüffelchips gibt es anders als nach unserer Erinnerung aus 2020 eigentlich nur in Istrien. Und da sind wir nicht. 

Die Enttäuschung wird durch das Telefonklingeln abgelöst, wir können zum Frühstücken kommen. Ordentlich belegte Toasts und Baguettes stärken uns mehr als ausreichend für den Tag und weil es gut geschmeckt hat und der Laden sehr früh öffnet reservieren wir für Morgen um 08:00 Uhr direkt noch einen Tisch. Denn Morgen haben wir keine Zeit zum Warten, morgen wird wieder einiges an Auto gefahren.

Ab jetzt streunern wir wieder durch die Stadt und haben letztendlich fast jede Ecke mindestens von Außen gesehen. Außerdem steigen wir noch einmal zum Schloss hinauf, doch die Menschenmaßen, die sich dort über den Turm und die Wehrgänge schieben, halten uns davon ab, die fast 20€/Person an Eintritt zu bezahlen. Also ruhen wir uns etwas aus und besichtigen den öffentlich zugänglichen Bereich, anschließend steigen wir den Berg wieder hinab. Unsere Füße qualmen, wir entscheiden uns, den Nachmittag mit etwas Entspannung (und Textarbeit für den Blog) in unserer Wohnung zu verbringen. 

Und hier unterläuft uns ein gewaltiger Fehler. Wir hatten uns eine vegane Konditorei/Restaurant-Kombi rausgesucht. Sie hat jeden Tag von 10 bis 22 Uhr auf. Außer heute. Heute ist Feierabend um 18 Uhr. An einem Samstag. Warum auch immer. Wir bemerken das jedenfalls erst, als wir um 18:30 uns auf den Weg machen wollen. Entsprechend haben wir ein kurzes Stimmungstief, dass wir nur schwer bekämpft kriegen. Die Aussicht auf richtig geilen Kuchen – das war schon sehr verlockend. Wir entscheiden uns am Ende für das Vodnikov Hram, auch ein Restaurant mit slowenischer Küche. Matthias bekommt Pasta mit Trüffelsoße, Katrin Schweinebraten. Es ist okay, unsere Enttäuschung über unsere eigene Dummheit geht trotzdem nicht ganz weg. Wir machen uns nochmal auf den Weg zu dem veganem Restaurant, wir wollen uns an den Schaufenstern wenigstens die Nasen plattdrücken und ein wenig von den tollen Kuchen in der Auslage träumen. Unser Weg führt uns am Dom Nikolai vorbei, er war uns bereits durch seine eindrucksvollen Portale aufgefallen, bisher aber immer geschlossen. Jetzt ist Licht innen drin an und es ertönt Orchesterklang nach draußen. Wir ziehen an der Tür, es ist offen. Eine Frau bedeutet uns, leise rein zu kommen und flüstert uns zu, dass in der Pause zwischen den nächsten beiden Liedern für uns die Möglichkeit wäre, uns nach hinten durchzusneaken. Es spielt das Montreal Youth Orchestra, das im Rahmen seines 50 jährigen Jubiläums auf Welttournee und zu Besuch beim aktuell stattfindenden Ljubljana Festival ist. In der nächsten Pause schleichen wir an den vollen Kirchenbänken durch in den hinteren Bereich. Während das Orchester den Dom mit Klang füllt, können wir uns das erste Mal richtig umschauen. Der Nikolai-Dom ist ein pompöser Barockdom, weniger ist mehr wurde hier beim Bau bewusst vermieden. In Kombination mit dem Symphonieorchester ein eindrucksvoller Moment. Leider sind wir erst zum Ende aufgetaucht, begeisterter Beifall überredet das Orchester aber zu noch einer Zugabe sowie, als wirklich tolles AdOn, einem Chorgesang zum Abschluß. Dass dieser Abend so endet, hätten wir nicht planen können. Trotzdem schlendern wir noch bis zum Restaurant, gönnen uns auf dem Weg noch ein Absacker-Eis, und stellen vor dem Eingang des Restaurant fest, dass sie irgendwann heute im Laufe des Tages ein Schild in die Tür gehangen haben, dass sie geschlossen hätten weil sie ausverkauft seien. Wir beruhigen uns selber, unsere Doofheit hat uns also nicht das Essen und den Kuchen vorenthalten sondern uns ausschließlich vor einem Gang mit knurrendem Magen für Umsonst bewahrt. 

Beruhigt gehen wir Richtung Wohnung und fangen an, unsere Sachen wieder zusammen zu packen. Morgen klingelt der Wecker früh und wir haben einiges an Strecke vor uns. Da helfen ein paar vorbereitende Packmaßnahmen.

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