Tag 2 – Der Tag, an dem wir lost but not lonely sind

Kirchanschöring bis Heiligenblut

km: 262

Start: 11:00 Uhr, Ankunft: 19:00 Ihr

getankt: 21l

einmal Pipipause mit Tankstellen-Eis, eine Stunde Bad Gastein und 30 Minuten Bad Fusch, ein Motor-Cooldown und ein Bremsen-Cooldown auf der Großglockner Hochalpenstrasse

Erster richtiger Tag im Urlaub und den starten wir entspannt. Campingplatz-mäßiges Ausschlafen bis 08:30h, dann Schlägerei vom Nachwuchs im Wohnanhänger nebenan. Darauf erstmal einen Kaffee und ein gemütliches Frühstück. Anschließend erste Planungen für den Tag. Und dabei zeigt sich, das so ein BMW E30 ungeahnte Qualitäten als Whiteboard dank vorne angeschlagener Motorhaube hat.

Der Plan steht: zuerst Bad Gastein, das Dorf der Wolkenkratzer am Ende einer Sackgasse tief hinten im Gasteiner Tal, dann Bad Fusch an der Großglockner Hochalpenstrasse, ausschließlich Landstrassen. Bis zum Gasteiner Tal fahren wir durch schönes bayrisches und österreichisches Alpenland, kleine, gewundene Strassen die viel Spaß machen. Dann biegen wir ins Gasteiner Tal ab, viel Skigebiet, und ganz am Ende ein Ort, den Lifestyle und Rehabilitationstrends geprägt haben, groß gemacht haben und letztendlich auch wieder haben fallen lassen. Seit annähernd zweihundert Jahren wirde hier gebadet und gekurt, mit teils fragwürdigen Methoden. Den örtlichen Thermalquellen mit ihrem hohem Radon-Gehalt wurde heilende Kraft nachgesagt, wissenschaftlich erwiesen sind Radonbehandlungen aber eher nicht. Der Ort ist voller ehemaliger Luxushotels und Badehäuser, architektonisch von Art Deco und Jugendstil bis hin zu 70er Jahre Betonbombast alles vertreten – und bis auf ein Hotel alles leer und verlassen. Spekulation sowohl mit Behandlungsmethoden als auch mit Immobilien haben in regelmäßigen Intervallen über den ganzen Zeitraum der Geschichte von Bad Gastein für Hoch und Tiefs gesorgt.

Die Häuser sind alle auf die steilen Hänge des Talendes gebaut und umsäumen einen eindrucksvolllen Wasserfall. Da deswegen auf sehr kleinem Raum gebaut wirde, wurde in die Höhe gebaut, daher der Spitzname „Dorf der Wolkenkratzer“. Leider ist alles sehr ordentlich verrammelt, ein betreten der Häuser ohne Sachbeschädigung nicht wirklich möglich. Erschwerend kommt hinzu: Lost ist das alles irgendwie, einsam ist aber anders.

Nach einem gemütlichem Bummel durch den Ort machen wir uns die Strasse durch Gasteiner Tal zurück und fahren Richtung Großglockner Hochalpenstrasse. Eine kleine Abzweigung kurz vor der Mautstation geht Richtung Bad Fusch, einem mittlerweile verlassenem Kur- und Badeort mit kleinem Dorf. So die Vorabrecherche. Die Strasse führt über kleine Holzbrücken steil den Nerg hinauf, ist grade mal breit genug für ein Auto, gelegentlich gibt es Einbuchtungen um mit Gegenverkehr klar zu kommen. So stellen wir uns den Weg zu einem LostPlace vor. Parallel zur Strasse kommt ein Bach den Berg hinunter. Von jetzt auf gleich hört der Asphalt auf und wir befinden uns auf einer Schotterpiste, die Strasse wird eher noch enger und die Ränder mittlerweile unbefestigt und ohne Begrenzung. Unser Volvo fährt wie eine Eins. Bodylift, Unterfahrschutz und all die anderen kleinen Verbesserungen, die wir für genau solche Strecken gemacht haben, zahlen sich aus. Michas E30 hingegen freut sich nicht so sehr, als wir oben ankommen scheppert der Auspuff etwas.

Zusätzlich dazu etwas Ernüchterung: von dem Dorf ist im Prinzip nichts mehr über, am Bach gibt es noch ein verlassenes Haus, das ist aber komplett mit moderner Videoüberwachung geschützt. Dafür gibt es fünf Minuten den Berg hoch eine funkelnagelneue Kneipp-Anlage mit Aussichtsplattform und Wanderhütte mit Lokalität. Die Meisten kommen wohl nicht mit dem Auto sondern per pedes, gut frequentiert ist das Ganze trotzdem.

Wir stärken uns etwas und machen uns auf den Rückweg Richting Großglockner Hochalpenstrasse. Ab hier geht es nur noch bergauf. Der Volvo läuft maximal 40km/h im zweiten Gang den Berg rauf. Das aber beständig. Mit jeder Kurve wird die Aussicht beeindruckender. Auf halber Strecke müssen wir beiden Autos eine Cooldown-Pause gönnen, geringe Geschwindigkeit, hoher Arbeitslast und ziemliche warme Umgebungstemperaturen bringen die Lüfter an Leistungsgrenzen.

Oben dann phänomenale Aussicht. Es ist in der Ferne ganz leicht diesig, aber man hat tollen Blick auf die Bergpanoramen. Mächtig. Beeindruckend. Diese fundamentale Zeitlosigkeit ist immer wieder fesselnd.

Runter geht es dann genau so gemächlich, zweiter Gang, nach Möglichkeit Motorbremse um bei maximal 40km/h zu bleiben und die Bremsen möglichst wenig zu benutzen. Ein Wunschgedanke bei den teilweise starken Gefällen, so daß beim Weg hinab auch den Bremsen eine Cooldown-Pause zugestanden wird. Zum Glück gibt es schlimmere Orte um 20 Minuten tot zu schlagen als Passstrasen auf 1600 Metern Höhe. Hier kann man sich einfach hinsetzen und den Ausblick geniessen. Oder Fotos vom Ausblick machen. Oder Fotos von Autos mit Ausblick machen;)

Auf halbem Berg wird uns klar, das unser selbstgestecktes Tagesziel „irgendwo in die Nähe der italienischen Grenze zu sein“ nicht realisierbar sein wird, also checken wir die nächsten Campingplätze aus und landen auf dem Nationalpark-Camping in Heiligenblut. Im Ort selber gibt es auch was zu Essen, schön mit Blick auf die Berge. Morgen geht es definitiv irgendwie in Richtung italienische Grenze, Sorgen bereitet uns das für die ganze Region angekündigte Gewitter. Bereits während ich das hier schreibe blitzt es immer wieder.

2 Gedanken zu “Tag 2 – Der Tag, an dem wir lost but not lonely sind

  1. Ihr Lieben weiter eine gut Reise. Danke, dass ich im Norden die Tour mit verfolgen kann. Tolle Impressionen. Glaube, es ist mal wieder ein Urlaub in den Bergen fällig. Schon sehr lange her. Liebe Grüße Marion

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