von Luleå bis Enontekiö (Ounasloma Luxury Cabins)
501 gefahrene Kilometer
Roadtime: 07:35
Sonnenaufgang Start: 08:26 MEZ
Sonnenuntergang Ziel: 15:28 OEZ (14:28 MEZ)
48l getankt
Temperatur: 0 Grad bis -7 Grad (durch Windchill gefühlt -11)
2x Pipipause, 4 tanken (davon 1x mit Pipipause), 1x Reparatur mit Pipipause, 1x Polarkreis
Reparaturen: Stecker Lichtmaschine
Der Tag startet mit Neuschnee. Über Nacht sind locker 30 cm gefallen. Mit der Tür unserer Unterkunft müssen wir diesen erstmal beiseite schieben, um raus zu kommen. Ob das so gut durchdacht ist, wagen wir zu bezweifeln. Überhaupt war diese Unterkunft sehr speziell. Küche, Bad und Sauna in einem Raum, wobei Küche eher übertrieben ist. Der Esstisch steht eine Etage höher neben der Treppe in einem kleinem Flur von dem zwei verschlossene Zimmer und das Schlafzimmer abgehen. Sagen wir es mal so: Für die Bewerbung war das alles gut fotografiert, es war nichts gelogen, nur bestimmte Details weggelassen. Für eine Nacht okay, aber auch nicht mehr.

Der Tag startet neben dem Üblichen – wachwerden, Morgenhygiene, frühstücken, Sachen packen und im Auto verstauen – also auch mit Auto freischaufeln. Trotzdem starten wir gemütlich und entspannt in den Tag. Und das, obwohl der Wecker bereits um 06:00 Uhr losging. Heute werden wir noch einmal richtig Strecke machen. Gute 500 Kilometer stehen auf dem Plan. Das wollen wir soweit möglich im Hellen machen und fahren deswegen recht früh los. Zwar starten wir erstmal wieder auf der bekannten und tendenziell langweiligen E4 – dieser werden wir auch bis zu ihrem Ende in Haparanda an der finnischen Grenze folgen – aber aus Erfahrung wissen wir, dass dieser Abschnitt es in sich hat. Da die E4 hinter Luleå deutlich weniger Verkehr hat, ist ihr Räumungszustand auch ein anderer. Sprich, es wird glatt und verschneit werden.

Einen ersten Eindruck bekommen wir, als wir auf die E4 auffahren. Durch den vielen Neuschnee haben sich bereits Schienen gebildet. Es gibt quasi zwei freigefahrene Rillen, diese sind flankiert von hohen Eisflächen. Man rutscht also einfach irgendwie auf die Landstrasse, klinkt sich in die Schienen ein und hofft, dass diese nicht irgendwie seltsame Wege nehmen. Die Auffahrt ist von einem Stop-Schild aus ohne Beschleunigungsbereich. Erlaubt sind dort 90 km/h und die werden mindestens auch gefahren. Wie macht man das also am Besten? Mit einem beherzten Tritt auf’s Gaspedal bei gleichzeitigem Einlenken in die Wunschrichtung. Das Hinterteil kommt rum, die Vorderachse synchronisiert sich mit den Fahrspuren. In diesem Moment ist sachtes Gegenlenken angesagt, um das pendelnde Heck einzufangen. Sobald dieses auf Spur ist, wird gradeaus gelenkt und weiter beschleunigt. Manche nennen es „Drift“, hier nennt man es „sich in den laufenden Verkehr einfädeln“.

Die freundliche und ortskundige Frau im Radio würde gerne die effektive Route durch das Landesinnere nehmen. Wir möchten aber gerne die E4 fertig fahren und nehmen dafür ein bisschen Zeitplus in Kauf. Wir wollen ab Haparanda dem Verlauf des Flußes Torne Älv folgen und dafür auf der 99 auf der schwedischen Seite nach Norden fahren.

Zwar könnten wir auch der deutlich besser ausgebauten und einfacher zu fahrenden E8 auf der finnischen Seite folgen, aber wir haben da Bedenken. Bereits dreimal ist Matthias und zweimal Katrin durch Finnland gefahren. Von den drei Malen ist Matthias zweimal und Katrin einmal das Auto, mit dem wir unterwegs waren, kaputt gegangen. Wir sind da irgendwie abergläubisch geworden. Nord-Mazedonien z.B. hat uns bisher roadtriptechnisch wirklich nicht gut getan und Finnland eben auch nicht.

Bei Haparanda zickt beim Auffahren auf die Tankstelle der Motor rum. Er stottert, Öldruck- und Ladestrom-Kontrolllämpchen flackern und er lässt sich nur mit einem beherztem Tritt auf’s Gaspedal im Leerlauf davon überzeugen, nicht auszugehen. Nach dem Tanken geht er ein bisschen schwermütig an, wir schieben es auf finnische Einflußnahme. Alles geht aber gut, wir sind ja noch in Schweden!

Es geht die 99 durch das Tornedalen, also dem Tal des Flusses Torne. Es ist eine besondere Kulturlandschaft, insbesondere auch dadurch geprägt, dass immer mal wieder wichtige Männer random Striche auf Landkarten gepinselt haben. Die politisch vielleicht sinnvoll waren, mit der Lebensrealität der Menschen vor Ort aber wenig gemein hatten. Wir hatten hier schon ein bisschen dazu geschrieben.

Kurz bevor wir den Polarkreis überfahren, halten wir an einem der wenigen Toilettenhäuschen. Und wieder zickt der Motor rum. Diesmal ist auch deutlich auf dem Voltmeter zu sehen, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Motorhaube also auf, zur Kontrolle das mitgenommene Multimeter an die Batterie gehalten und der Verdacht wird bestätigt. Irgendwie liegt da wenig Strom an.

Bei laufendem Motor kann es dafür nur relativ wenige Ursachen geben. Die meisten hängen mit der Lichtmaschine zusammen. Also kontrollierender Blick in diese Richtung und siehe da, da hängt ein Kabel rum. Witzigerweise genau jenes Kabel, dessen Stecker auf dem Auftakt der 2022er-Wintertour schon einmal Schwierigkeiten machte. Damals war eine frische Lichtmaschine gerade verbaut worden, der Stecker des Ladekabels schien das aber nicht gut verkraftet zu haben. Er war auch alt. Gott sei Dank konnte uns Marlon bei Osnabrück damals weiterhelfen. Dieser Stecker hat 3 Jahre klaglos seinen Dienst verrichtet, bis er dann heute absprang. Schnellste Lösung: Einfach wieder drauf stecken und regelmäßig kontrollieren. Wobei einfach wieder drauf stecken etwas schwierig ist. Der Steckplatz liegt gute drei bis vier Finger breit neben dem Auspuffkrümmer und obwohl die ganze Zeit eiskalte Luft in den Motorraum strömt, ist es an genau dieser Stelle einfach sauheiß. Es gibt zwei Optionen: Warten bis das alles ertragbar abgekühlt ist oder versuchen, ein sehr ruhiges Händchen mit dem Risiko einer ordentlichen Verbrennung zu haben. Da ausreichend Material zum Kühlen der möglichen Verbrennung herum liegt, entscheiden wir uns für Option Nummer Zwei und sind erfolgreich. Ab da läuft der Motor wieder tippitoppi. Der Stecker bekommt jetzt aber vor jedem Start extra Aufmerksamkeit.

Fünf Minuten später überqueren wir den Polarkreis und halten natürlich für das obligatorische Erinnerungsfoto. Das Ganze hat natürlich eher symbolischen Charakter, eine gravierende Änderung gibt es mit überschreiten dieser Linie eher nicht. Erst weiter Richtung Norden wird sich die Vegetation verändern. Es ist immer noch kalt und schneeig feucht. Der Himmel ist immer noch grau, wolken- und nebelverhangen, deswegen halten wir uns nicht länger auf.

Die freundliche und ortskundige Frau im Radio schlägt zwei mögliche Routen vor: Einmal einfach immer weiter Richtung Norden in Schweden und einmal eine Flussüberquerung bei Pello, um auf der E8 in Finnland nach Norden zu fahren. Da die 99 auf Grund ihrer geringen Breite und den nicht geräumten Spurrillen wirklich anstrengend zu fahren ist (die Anstrengung wird aber auch durch viel Fahrspaß belohnt) und es langsam Richtung Sonnenuntergang geht, denken wir ernsthaft über die Route auf der besser ausgebauten E8 durch Finnland nach. Unsere Panne für den Tag hatten wir ja schon. Und man muß sich seinen Dämonen ja auch stellen.

Also wechseln wir die Flussseite und die Zeitzone (Finnland ist plus eine Stunde) und nutzen die E8. Hier hat jede Fahrtrichtung ihre eigenen Fahrspuren. Auf der schwedischen Seite waren nur drei vorhanden, das heißt, alle mussten bei Gegenverkehr aus ihren Fahrspuren rausrutschen, aneinander vorbeischliddern und dann wieder zurückrutschen. Außer LKW. Die blieben einfach stumpf in den Spuren und machten die Straße dadurch saueng. Was kümmert sie das alles auch, haben hier doch alle LKW gigantische, stählerne Rammschutzgitter vorne montiert.


Auch wenn es deutlich entspannter zu fahren ist, nehmen wir ein wenig Tempo raus und fahren unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Heimischen Rallyefahrer:innen in Privatfahrzeugen lassen wir sobald möglich den Vorrang.

Inzwischen hat es wieder dichter angefangen zu schneien. Loser Pulverschnee beginnt sich an unserer Heckklappe festzusetzen und mit jedem Kilometer einen immer dickeren Eispanzer zu bilden. Gleichzeitig schmilzt die Wärme im Auto die unterste Schicht immer wieder an, der Fahrtwind gefriert alles sofort wieder. Das Ergebnis ist ein komplett ca. 10 cm dick überfrorenes Heck. Wir versuchen wenigstens die Rücklichter noch freizuhalten. Die Schneeschleppen sind aber mittlerweile so dicht, dass normale Rücklichter, auch moderne, nicht mehr durchscheinen. Die nachträglich von Matthias montierte Nebelschlussleuchte ist jetzt im Dauereinsatz.

Bei Muonijo sehen wir das erste Mal Rentiere. Sie liegen in einer Einfahrt zwischen E8 und Haus und scheinen es sich gut gehen zu lassen. Bei uns ist die Lage launemäßig zwar auch gut, das Fahren ist mittlerweile aber auch hier recht anstrengend. Aus den freien Fahrspuren ist ein Gemisch aus offen liegendem Asphalt, Eisplatten, Schneeverwehungen und von Autos abgefallenen Eisbrocken (insbesondere aus den Radkästen) geworden. Und es ist inzwischen fast dunkel. Das erfordert sehr viel Konzentration beim Fahren und Beifahren. Nicht immer ist die Fahrerseite eisfrei und komplett durchschaubar, so dass man als Fahrer sehr darauf konzentriert ist, in der Spur zu bleiben. Die Beifahrerin checkt den Gesamtzustand der Straße und kann entsprechende Hinweise frühzeitig geben.

Ab Palojoen nehmen wir die 93. Eine Nebenlandstraße, die wieder so eng ist wie die 99 auf schwedischer Seite. Die gut 26 Kilometer bis zu unserer Unterkunft haben es noch einmal in sich. Hat es vorher schon Untergrund bedingt ordentlich gerappelt, sorgt der waschbrettartig gefrorene Belag nun für ständige Vibrationen im Auto. Zusätzlich scheint die Straße – auch das letzte Stück E8 bereits – spiegelglatt zu sein auf Grund der wirklich sturzartig gefallenen Temperaturen. Es ist ein ordentliches Stück Arbeit das Auto in der Spur zu halten. Wir schliddern in einem ständig dröhnenden und klappernden Auto bis zu unserer Unterkunft, einer Ansammlung von Holzhütten in der Nähe des Orts Hetta.

Enontekiö ist die nordwestlichste und flächenmäßig drittgrößte Gemeinde von Finnland, auf 8400 Quadratkilometern leben hier ca. 1800 Einwohner:innen; etwa ein Fünftel davon sind Sami. Hetta selbst liegt am Ufer des Ounasjärvi-Sees. Etwas weniger als ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Gemeinde wohnt hier. Man lebt hier primär vom Tourismus und der Rentierzucht. Und natürlich gibt es hier auch eine unrühmliche deutsche Geschichte zu erzählen: Im Rahmen des Lappland-Krieges von September 1944 bis April 1945 schleiften die Deutschen den gesamten Ort und vermienten das Umland und die Versorgungswege.

Wir tanken noch einmal voll und werden anschließend von der Betreiberin der Anlage sehr herzlich begrüßt. Der Volvo wird komplett ausgeladen, wir bleiben hier für zwei Nächte. Nach all den Kilometern haben wir uns einen DayOff sehr verdient.

Außerdem packen wir ihn direkt an den Landstrom. Die Ladegeräte sollen ein mögliches, durch das Steckerdesaster entstandenes Stromdefizit schnellstmöglich ausgleichen. Für uns gibt es Rouladengeschnetzeltes, anschließend feuern wir die Sauna an. Bis sie warm ist, schmeißen wir uns in unsere Schneeanzüge und suchen den Weg zum See. Leider enden wir immer wieder in Sackgassen ab denen es nur noch durch sehr tiefen Schnee weiter geht. Mehrmals versuchen wir unser Glück. Als der Schnee aber anfängt bis über die Knie zu gehen, drehen wir lieber um.

Wir stapfen noch ein bisschen durch die Gegend und freuen uns über die nette Beleuchtung und die schöne Atmosphäre, während wir gleichzeitig ein wenig Frust schieben: Über uns finden gerade nach Kp-Index heftige Polarlichter statt, sehen können wir davon aber nichts. Es ist komplett bewölkt und diesig. Einzig auf einigen Fotos mit Langzeitbelichtung sieht man einen grünen Schein in den Wolken. Zur Wiedergutmachung gibt es eine knackig heiße Sauna mit anschließender Abkühlung bei zweistelligen Minusgraden.


Da, wo Ihr gerade seid, hatten wir während unserer langen Wohnmobilreise in 2022 auch den dringenden Wunsch, einen oder zwei Tage die Beine lang zu machen und nicht unentwegt durchgeschüttelt zu werden. Haben (im Sommer) in einem winterfesten Blockhaus mit klitzekleinen Lüftungsfenstern gewohnt, die eher an Schießscharten erinnerten. Unvergesslich die bildhübsche Weigerung der Sonne, unterzugehen!!! Das sieht jetzt sicher auf andere Weise sehr attraktiv aus!!!? Geniesst Eure Zeit dort oben!!! HG von … na, Ihr wisst schon …
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