Tag 23 – einmal durchziehen bitte

Von Hirtshals bis Duisburg (Likedeeler Hauptquartier)

960 gefahrene Kilometer

Roadtime: 13:50 Stunden

Sonnenaufgang Start: 07:47 Uhr

Sonnenuntergang Ziel: 17:50 Uhr

Temperatur: 1 Grad (Windchill -7) über 2 bis 0 Grad

89 l getankt

2x Pipi mit Reifen, 4x Pipi, 4x tanken mit Reifen, 1x Teile besorgen (mit Reifen, ca. 30 Minuten), 1x Kaffee bei Daniel und Pipi (ca. 01:35)

Seit wir unterwegs sind, schreiben wir die Sonnenaufgangszeit am Start der Etappe und die Sonnenuntergangszeit am Ziel der Etappe auf. Als Informationsquelle dafür verwenden wir die Wetter-App unserer Mobiltelefone. Als wir uns nordwärts bewegten, ging die Sonne immer später auf und immer früher unter. Als wir wieder Richtung Süden fuhren, wendete sich diese Gesetzmäßigkeit: die Sonne ging immer früher auf und immer später unter. Nicht hier im Blog, aber in unseren persönlichen Aufzeichnungen haben wir auch noch die jeweils anderen beiden Daten erfasst, also „Sonnenaufgang Ziel“ und „Sonnenuntergang Start“. Und hier stolpern wir gerade über eine Unregelmäßigkeit. Der Sonnenaufgang am Ziel sollte auch heute bei südlicher Bewegung gleich oder vor dem des Starts liegen, ebenso sollte der Sonnenuntergang des Starts gleich oder vor dem des Ziels liegen. Seit Tag 21 beobachten wir Folgendes: Der Sonnenuntergang am Ziel (Bergen) ist 17:23 Uhr. Sonnenuntergang am Start (Skei) ist 17:40 Uhr. An Tag 22 das selbe Phänomen: Sonnenuntergang des Ziels (Hirtshals) ist 17:19 Uhr, Sonnenuntergang des Starts (Bergen) ist 17:26 Uhr. Wie kann das sein? Dachten wir bisher immer, je weiter südlich man ist, desto länger ist der Tag (und wenn es eben nur ein paar Minuten sind), beobachten wir nun das Gegenteil. Über sachdienliche Hinweise freuen wir uns sehr. Ansonsten müssen wir von einem Fehler in der Matrix ausgehen und das könnte weitreichende Folgen nach sich ziehen.

Bevor wir uns diese Gedanken machen können, müssen wir heute aber erstmal wach werden. Hilfreich ist die nicht warm werdende Dusche in unserer Kabine dabei auf jeden Fall. Zum glücklichen Wachwerden trägt das überschaubar gute Frühstücksbuffet allerdings nicht gerade bei. Die außerordentlich arbeitsablehnenden und unfreundlichen Servicekräfte erledigen auch hier den letzten Rest Glücklichkeit. Kleiner Tipp an die Reedereien: Es bringt nichts, überall hinzuschreiben, man solle wegen Nahrungsmittelverträglichkeiten und Allergenen doch super gerne das Personal ansprechen, wenn dieses darauf reagiert, als hätte man sie um etwas schier Unmögliches gebeten. Dann doch lieber so tun, als würde einen so etwas von vorn herein nicht interessieren. Das ist ehrlicher. Und das mögen wir mehr. Nach dem Frühstück wird es etwas stressig. Um 07:30 Uhr soll man an seinem Auto sein. Die Fähre hat zwar noch gar nicht angelegt, aber bevor wir diejenigen sind, die alles aufhalten, sind wir lieber pünktlich. Wir verpacken noch unsere Sachen und warten dann gut 40 Minuten, bevor wir von Bord fahren können. Das geht recht zügig.

Eine Grenzkontrolle gibt es, anders als nach der Fähre in Göteborg, nicht. Dafür wartet jemand anderes auf uns: Kollege Nebel in Kombination mit dickem Schneefall. Die Straßen sind weiß verschneit, kaum geräumt und dicke Flocken fallen vom Himmel. Also exakt das, was wir jetzt nicht brauchen. Zum Glück beschränkt sich dieses Wetter nur auf die nördliche Hälfte von Dänemark.

Irgendwann reist das Winterwetter ab und es wird schnee-, eis- und matschfrei. Damit all dies auch keine Chance hat sich festzusetzen, sind die Straßen enorm gesalzen. Innerhalb kürzester Zeit ergänzt sich eine neue Schicht frisches Grau zu den gefühlt zwanzig Schichten Matsch, Salz und Straßendreck Skandinaviens auf unserem Auto. Sah der Volvo 145 Express vorher schon kläglich aus, sieht er an der dänisch-deutschen Grenze vollkommen erbärmlich aus. Eine umfangreiche Generalreinigung ist dringend nötig!

Ab Hirtshals bleiben wir auf der E39. Bleiben? Die E39 sind wir zuletzt bis Bergen gefahren. Ab Bergen geht diese noch weiter nach Stavanger und endet im Hafen von Kristiansand. Vermeintlich. Denn in der Tat ist die Fährverbindung Kristiansand bis Hirtshals Teil der E39. In Dänemark geht diese noch bis Aalborg. Dort endet sie dann wirklich bzw. geht in die E45 über. Diesem Verlauf folgen wir. Kurz hinter Kolding benötigt ein Teil des Teams eine kurze Pipi-Pause, der andere Teil des Teams checkt, ob es in der Nähe – aus Kostengründen nicht direkt auf der Autobahn – eine Tankstelle gibt. Dabei fällt ein Stau vor uns auf, fast im gleichen Moment rasen mehrere Rettungsfahrzeuge am Rastplatz vorbei. Die freundliche und ortskundige Frau im Radio schlägt vor, in zwei Abfahrten die Autobahn zu verlassen, einen kleinen Schlenker zu einer Tankstelle zu fahren und dann weiter südlich wieder auf die Autobahn zurückzukehren. Klingt für uns gut und wir fahren unmittelbar am Ende des vollkommenen Stillstandes von der Autobahn. Was wir noch nicht wissen: Wir umgehen so „aus Versehen“ einer Vollsperrung. Pipipausen haben also durchaus einen tieferen Sinn und der von Roadtrip-Kolleg:innen häufig ins Lächerlich gezogene übermäßige Tankbedarf unseres Autos kann also durchaus auch zeitersparend sein.

Als wir auf der Autobahn zurück sind, Reisegeschwindigkeit und normale Flughöhe erreicht haben, wundern wir uns über ein regelmäßig klackerndes Geräusch. Es scheint geschwindigkeitsunabhängig zu sein, ist relativ leise aber dauerpräsent. In so alten Autos wird man ja – vor allem wenn eh schon etwas im Argen ist – ein wenig sensibel, was unbekannte Geräusche angeht. Deswegen lauschen wir sehr genau hin. Irgendwann beschreibt Katrin dieses Geräusch als „blinkerähnlich“. Kurzer Check: Wir blinken. Seit dem Moment der Autobahnauffahrt. Wie peinlich! Aus irgendeinem Grund hat Matthias den Blinkerhebel nicht zurückgestellt. Das Blinkerlämpchen leuchtet so dezent, dass es beim aktuellen Lichteinstrahlungswinkel so gut wie nicht sichtbar ist. Ist uns noch nie passiert. Ohne weitere Geräuschvorkommnisse oder andere Zwischenfälle überqueren wir die deutsche Grenze.

Ein bisschen beeilen wir uns, die Stauumfahrung hat uns etwas Zeit gekostet und wir sind eigentlich bei Kiel verabredet. Matthias hat die letzten Tage mit Björn bei Instagram geschrieben. Aufhänger war eine Story auf unserem Account, als wir in Kiel auf die Fähre gewartet haben. Björn wohnt in Kiel, hat ein paar 140er-Teile rumliegen und angeboten, dass wir einige davon haben können, wenn wir etwas brauchen. Drei Dinge hatte Matthias direkt im Sinn, eines davon ultrawichtig. Zum einen haben wir da die Türfangbänder. Nach und nach geben unsere den Geist auf. Türfangband ist bei unserem Auto eine irritierende Bezeichnung. Das sind scharnierähnliche Metallmoppeds. Sie verhindern, dass die Tür beim Öffnen zum Beispiel vom Wind zu weit aufgerissen wird und umschlägt. Wenn sie kaputt gehen, verhindern sie aber unter Umständen das Öffnen oder Schließen der Tür, so bei der Lost in the Alps 2020 passiert. Damals fing es mit seltsamem Knacken an. Mindestens zwei Türen knacken gerade wieder seltsam. Außerdem zeigen bekanntlich die Tankanzeige und die Motortemperaturanzeige nicht mehr die korrekten Zustände an. Verantwortlich dafür ist ein kleines Bauteil, dass die schwankenden 12-14 Volt Bordspannung in stabile 5,1 Volt umwandelt. Dieses Teil gibt es nicht mehr. Wir tanken also seit vielen tausend Kilometern nach Tageskilometerzähler und verlassen uns bei der Motortemperatur auf den thermostatgesteuerten E-Lüfter. Das wichtigste Teil von allen ist jedoch die Wischwasserspritzdüse. Vor der letzten Lackierung hatte Matthias vergessen, diese auszubauen. Eine hat es unbeschadet überstanden, eine ist mit Lack unwiederbringlich zugesetzt. Was bedeutet, dass Katrin unter Umständen durch eine maximalst verschmierte Scheibe guckt, bis wir halten und sie reinigen können. Also die Scheibe, nicht Katrin. Etliche Male auf dieser Tour genau so passiert. All diese Teile hat Björn da. Dazu hat er noch einen alten Vergaser und ein paar Ersatzrelais und ist bereit, sich mit uns auf dem Autohof Bordesholm zu treffen. Er kommt mit seinem V70. Zu Hause hat er unter anderem noch einen 244 und einen 145, letzterer ist wohl noch etwas Liebe bedürftig. Wir schnacken und freuen uns sehr über die Teile. Ganz herzlichen Dank nochmal dafür und für die sehr nette Pause!

Von Bordesholm aus fahren wir noch knapp eine Stunde bis zum Elbtunnel. Ab da können wir die Strecke eigentlich im Autopilot bis nach Hause fahren. Die Strecke Duisburg – Hamburg (also A7 – A261 – sehr viel A1 – A43 – A2 – A42) reißen wir ziemlich häufig. Als Dauerkarteninhaber:innen beim magischen FC Sankt Pauli ist jedes Heimspiel für uns und große Teile unserer Crew eine Auswärtsfahrt. Entsprechend wenig Liebe haben wir für die A1 und ihre unzähligen Baustellen. Auch wenn wir hier schon sehr viel gute Zeit mit der Crew zusammen verbracht haben. Oder uns kilometerweit nach grottigen Kicks wieder aufgebaut und den Sinn in dieser einzig möglichen Fußballliebe gesucht und gefunden haben.

Foto: PR

Um noch nicht komplett durchzuballern, tickern wir Daniel an. Er wohnt in der Nähe von Bremen. Nach einem Stop vor Hamburg ein idealer, weiterer Zwischenstop auf der Route. Wir haben uns gefühlt schon ewig nicht mehr gesehen. Es ist eine hervorragende Gelegenheit. Daniel kennen wir von der 20 Nations-Rallye. Gemeinsam sind wir damals die ersten Tage Kolonne gefahren und haben einige wilde Abenteuer dabei erlebt. Und sind uns dabei gegenseitig ans Herz gewachsen. Wie das manchmal bei so Rallyes ist. Man spult gemeinsam Kilometer, erlebt verrückte Sachen und am Ende behält man sich mindestens immer im Rückspiegel wechselseitig im Blick. Daniel hat eine wunderschöne Amazone in der Garage stehen, ein richtiges Fotomodel. Abgesehen von der Tatsache, dass dieses Automobil eine wirkliche Augenweide ist, kann Daniel sie auch noch ganz wundervoll in Szene setzen. Als professioneller Fotograf weiß er einfach, was er da tut. Und Daniels Amazone hat einen neuen Rad-Reifen-Satz bekommen. Wenn es sowieso nicht schon genug Gründe für einen Zwischenstop gegeben hätte, das wäre einer gewesen. Wir bleiben etwas über anderthalb Stunden und hätten sicherlich auch noch länger bleiben können, aber draußen wird es langsam dunkel und bis Duisburg sind es immer noch knappe 300 Kilometer.

Also klemmen wir uns wieder auf die Bahn und gucken dem Navi dabei zu, wie es langsam aber sicher einen Countdown bis zu unserem eigenen Bett herunter zählt. Am Ende werden wir 7.102 Kilometer auf dieser Tour auf eigener Achse gefahren sein, ca. 2.130 davon, während eben jene krumm war. Es liegt fast in der Natur eines Roadtrips, dass die letzten paar hundert Kilometer einem ersten Resümee gewidmet sind. Man fährt auf bekannten Straßen, die Aufregung flaut ab und das Adrenalin der Reise wird langsam aber sicher verstoffwechselt. Dieses Mal fällt das Resümee gemischt aus. Wir waren gut vorbereitet. Im Prinzip hatten wir keinen Stress mit dem Auto, diese leichten Spannungsschwankungen im Bordnetz mal außen vorgelassen. Na gut, und die undichte Kofferraumdichtung. Aber der Volvo lief wie er sollte. Hätten wir ihn nicht aus eigener Dummheit in den Graben gesetzt, wären wir ohne große Aufregung einfach wieder nach Hause gekommen. Die Strecke war bis auf ein oder zwei Etappen gut ausgearbeitet. Unsere Unterkünfte waren bis auf ein oder zwei Fehlgriffe wirklich gut. Und selbst die Fehlgriffe lagen qualitativ deutlich über den Fehlgriffen der letzten Touren. Unsere Essensplanung ist hervorragend aufgegangen. Wir haben im Prinzip alles aufgegessen, aber nie wirklichen Mangel gehabt. Gleichzeitig mussten wir außer Getränken im Prinzip nichts vor Ort kaufen, was die Kosten niedrig gehalten hat. Unsere Bekleidungsauswahl hat hervorragend auf alle Wetterbedingungen gepasst. Selbst in den richtig kalten Temperaturbereichen haben wir nicht gefroren. Und auch unser sonstiges Equipment hat hervorragend funktioniert. Selbst die Packlogistik im Auto war diesmal ziemlich perfekt organisiert. Alles Wichtige war jederzeit mit wenigen Handgriffen erreichbar.

Auf so eine Aufzählung folgt ja fast zwangsläufig ein „Aber“. Und dieses „aber“ ist das Wetter. Das hat es uns nicht nur an vielen Stellen vermiest. Es hat uns diese Tour richtig schwer gemacht. Wir sind in den hohen Norden gefahren, um Polarlichter zu sehen. An aktiven Sonnenstürmen hat es in dieser Zeit nicht gemangelt, davon gab es zuhauf. Aber wenn der Himmel fast durchgängig mit schweren Wolken verdeckt ist, dann bringt das alles nichts. Fast eine ganze Woche haben wir zusätzlich mit sehr starken Winden kämpfen müssen. So etwas haben wir noch nie erlebt und die Hilflosigkeit, mit der man in solchen Momenten den Elementen ausgesetzt ist, hat uns zwischendurch ganz schön verängstigt und somit die Urlaubs- und Roadtripfreude erheblich getrübt. Für Wetter kann niemand was und entsprechend hilft es nicht weiter, da ein Trauerlied drauf zu singen. Und so lernen wir etwas Demut vor den Naturgewalten. Eine Demut, die einem in Mitteleuropa mit in der Regel gemäßigtem Wetter vielleicht auch abhanden gekommen ist. Wetter kann gefährlich sein. Auch hier. Und das mitzudenken, das haben wir auf jeden Fall gelernt. Ein paar mehr wolkenklare Tage und Nächte hätten wir aber durchaus verdient gehabt. Finden wir.

Und so kommen wir mit gemischten Gefühlen aus diesem Urlaub in Duisburg an. Wir laden das Auto aus, tragen alles in die Wohnung, kochen uns noch eine eingeweckte Brokkolisuppe auf und verschwinden ganz schnell im Bett. Denn eine Gewissheit haben wir auf unseren Reisen schon lange gefunden: Das beste Bett mit dem besten Schlaf steht immer im eigenen Schlafzimmer.

1 Kommentar

  1. Die unterschiedlichen Zeiten für Sonnenauf und Untergang hängen auch noch vom Längengrad ab, je weiter im Osten ihr seid, desto früher geht die Sonne auf. Die Angaben in der App berücksichtigen diese Tatsache bestimmt. Bergen liegt ja massiv westlicher als Stavanger.

    Schön seid ihr wohlbehalten wieder zu Hause

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