Von Åhus nach Vimmerby
Zeit: 11:20 Uhr > 19:30 Uhr = 8:10 Stunden
Km: 375
Pausen: 1 x Pipi, 1 x tanken m. Pipi, 1 x Funkentausch, 2 h Karlskrona m. Pipi, 1 x einkaufen im Supermarkt, 1 x Kirchglockenquiz in Hossmo, 1 x Geisterdorf Stensjö m. Pipi, 1 x Cooldown wg Bauchachterbahn & notwendigem Platztausch
Liter: 28,8 (Literpreis 18,94 SEK/Super Plus)
Reparaturen: Hupenkabel des BMW
Sonnenaufgang Start: 4:26 Uhr (21:33 Uhr Untergang)
Sonnenuntergang Ziel: 21:39 Uhr (4:07 Uhr Aufgang)
Temperatur: 22 Grad bis 24 Grad, dann Abfall auf 19 Grad
Der Tagesstart ist noch etwas ruckelig: Die Ordnung muss sich erst finden, die mobile Routine entwickelt werden. Wir merken, dass wir etwas aus der Routine sind. Frühstück, duschen, Kaffee machen, auspacken, umpacken, einpacken, zurückpacken – alles braucht noch etwas Zeit. Zum Glück geht es nicht nur uns so, so dass wir „erst“ 3 Stunden nach dem wach werden ready to go sind.
Außerdem wartet Team Düsseldorf mit dem ersten Rätsel des Tages auf: drei verschiedene Rätsel ergeben drei Lösungsworte. Mit diesen finden wir mit Hilfe der App What3words unser erstes Ziel. In dieser App ist die ganze Welt in kleine Quadrate aufgeteilt und jedem Quadrat sind drei Wörter zugeteilt. So kann man anhand der Dreier-Kombination zweifelsfrei jeden Ort auf der Welt identifizieren und anschließend dorthin navigieren. Die Nuss wird geknackt & los geht es. Das Ziel steht.

Als wir im Volvo gerade vom Campingplatz runter fahren, knackt es im Funkgerät und wir werden freundlich vom „flying Captain“ & seiner Crew an Board begrüßt und erhalten direkt eine weitere Aufgabe: Schätzt die Einwohnenden des Ortes Rinkaby beim Durchfahren. Wird gemacht. Im Volvo werden ~1600 Einwohner:innen geschätzt, im VW Bus ~6500. Beide Autoteams liegen gewaltig falsch, gerade mal ~700 Menschen leben hier, wenn nicht grade das größte Pfadfindercamp des Landes stattfindet. Eine typisch schwedische Besiedelung – überschaubar.
Team Volvo sorgt nach nicht mal einer Stunde Fahrt für den ersten Stopp: Wir haben wohl vergessen die Funke auszumachen und müssen tauschen. Heute Abend müssen wir unbedingt daran denken, alle Funken aufzuladen.
Bei Kristianstad wechseln wir auf die E22 und fahren Richtung Karlskrona. Unterwegs bewundern wir die Findlinge am Feld- und Wegesrand und schwelgen in eiszeitlichen Erinnerungen. Langsam tauchen auch die ersten skandinavientypischen Felsen auf, die im Winter mit bläulich glitzernden Eisvorhängen und im Frühjahr mit reißenden Wasserfällen verziert sind.

Es liegt viel Roadkill in allen Größen und Plattheitszuständen links und recht neben der Straße. In der Regel kann man die Kadaver bereits aus der Ferne identifizieren, meistens sind dort größere Gruppen von Rabenvögeln mit der Wiederverwertung beschäftigt. Nicht nur Rabenvögel sammeln sich dort, auch große Raubvögel kreisen über diesen Stellen. Für die „Ornies“ unter uns ein spannendes Unterfangen.

Heute sehen wir unterwegs viele, viele, viele Volvos in allen Zuständen. Jung und alt. Schick und ranzig. Klein und groß. Kurz und lang. Außerdem begegnen uns ein ganzer Haufen amerikanischer Autos, meist 50er-Baujahre. Ein paar alte Opels, VWs und Saabs vervollständigen das Gesamterlebnis. Wir lieben es. Es gibt hier in Mittel- und Südschweden so viel Autokultur und auch einen völlig anderen Umgang damit. Da geht das Volvo- und Oldtimerherz auf.
Wir wundern uns über Bänder, die über die Fahrbahnen gespannt sind. Immer mal wieder liegen zwei Kabel oder ähnliches auf der Fahrbahn und machen ein deutliches wupp-wupp beim Überfahren. Hauke weiß Bescheid: es ist zum Autos zählen. Irgendwas mit Dehnungstreifen, elektrischen Impulsen und einem Gerät, das 1 & 1 zusammen zählen kann. Wir staunen und freuen uns mit den Schwed*innen, dass durch diese Ingenieurswunst, ähm -kunst (Wunst: gewollte Kunst) keine Menschen mehr mit Clicker am Straßenrand sitzen müssen.

In Karlskrona machen wir 2 Stunden Pause. Die Stadt wurde 1680 als Marinebasis gegründet und ist heute UNESCO-Weltkulturerbe, die einzige erhaltene Barockstadt in Schweden. Der Schärengarten vor der Stadt umfasst über 1600 Inseln, Schären und Felsen. Die Küste gehört zum Blekinge-Archipel, bekannt für sein mildes Klima und die für Schweden ungewöhnliche Vegetation – daher der Beiname Schwedens Garten. Das Archipel liegt auf demselben Breitengrad wie Moskau, hat aber dank der Meeresströmungen deutlich wärmere Sommer. Historisch war diese Küste strategisch enorm wichtig, hier ankerte die schwedische Kriegsflotte, hier wurden Schlachten gegen Dänemark entschieden und hier liegt noch heute einer der größten Marinestützpunkte Skandinaviens.


Wir schlendern zur Ostsee, beobachten eine Trauung von Marine-Angehörigen und streifen durch die Stadt. Nach Klönschnack und Spielplatzbesuch geht es frisch gestärkt weiter zu unserem am Morgen errätselten Zwischenstopp: dem holzigen Kirchenglockenständer von Hossmo. Marvin hat eigens für uns eine App gebaut, mit der er uns in routinierter Quizmastermanier Fragen rund um Kirchen, Glocken & Türme stellt. Den Sieg fährt Team Flensburg ein. Sie gewinnen ein Freiparken 🙂

Unser Plan für die Tagesaufgabe steht auch schon; wir müssen ein kreatives Pipi-Langstrumpf-Foto machen. Dafür wird Katrin als Pipi Langstrumpf Matthias als Kleinen Onkel hochheben.

Kurzer Stopp am Supermarkt um die Vorräte aufzufüllen. Einkaufen und tanken ist echt wild: Essen teurer, tanken billiger als in Deutschland. Gerade letzteres war bisher eher andersherum.
Der Bass wummert, der Wind drückt und wir segeln die seichten Kurven und langen Geraden entlang. Heute ist Elektro-Tag und wir drehen die Anlage bis zum Anschlag auf. Unsere Brückenliebe wird heute leider zeitbedingt doch nicht bedient: Die Brücke nach Öland muss unbewundert bleiben. Wir haben in Karlskrona etwas sehr die Zeit verbummelt und müssen deswegen etwas Strecke machen. Wir brauchen ja auch noch Ziele für spätere Abenteuer.

Was wir nicht skippen können, ist das Geisterdorf. Aufmerksame Leser*innen des Blogs wissen, dass mind. 46,15% der Reisegruppe auch bei Lost Places nicht nein sagen können. Auf dem Weg dorthin feiert Brutus, der E23, seine ersten 300.000 Kilometer Laufleistung. Endlich ist der Wagen warm gefahren. Auf dem Parkplatz wird gebührend gefeiert (ein Ständchen gesungen), auf die nächsten 300.000 beulenfreien Kilometer und immer drei Finger breit Sprit im Tank! Dann streifen wir durch das Geisterdorf Stensjö.

Das Dorf wurde ewig von einer Großfamilie bewohnt und die umliegenden Felder von ihnen bestellt. Anfang der 1950er Jahre verließ der letzte Bauer das Dorf, es verfiel und wurde von der Natur zurück erobert. Mitte der 60er gründete sich eine Stiftung um das Dorf zu restaurieren und die originalen Bauernhäuser zu erhalten. Insgesamt nahm das 30 Jahre in Anspruch, heute ist das Dorf ein kostenfreies Freilichtmuseum. Zusätzlich wohnt mittlerweile wieder eine Familie in dem Dorf und betreibt einen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb. Zum Dorf führt eine kleine gewundene Dirtroad. Das erste Mal kommt richtig Rallyefeeling auf.

Die letzte Stunde cruisen wir durch geschwungene Straßen in Schwedens Wald- und Wiesenparadies, etwas zum Leidwesen des jüngsten mitreisenden Innenohrs. Wir haben endlich die großen Hauptverbindungen hinter uns gelassen und knallen über diese sich organisch in die Landschaft einfügenden schwedischen Backroads. Wunderbarer Asphalt, tolle Landschaft um uns herum, frische Luft braust durch die offenen Fenster ins Auto und aus den Boxen ballert Elektro während der Auspuff bei jedem runterschalten kurzes Vergaserpoppen von sich gibt. Immer mal wieder legen Volvo und BMW kurze Cool-Down-Etappen ein, nicht weil es zwingend nötig wäre, viel mehr weil der VW Bus es etwas gemütlicher angehen lässt und so wieder aufholen kann.

Der Campingplatz liegt idyllisch mitten an einem kleinen See, ist aber so ein richtiger Weißware-Campingplatz. Wir haben unsere Parzellen inmitten eines Clubtreffens des Camper Club Netherland, um uns herum ist viel unruhiger Ruhestand. Den Platz haben wir nur ausgesucht, weil er nahe unserer morgigen Aufgabe liegt. Wir grillen und lassen den Tag ausklingen. Der Wind trägt bis 01:30 Uhr nachts die Musik vom Stadtfest in Vimmerby herüber – danach ist absolute Stille.

