Von Leksand nach Gräsmark
Zeit: 11:15 Uhr > 17:15 Uhr = 6 Stunden
Km: 240
Pausen: 1 x tanken m. Pipi & Scheiben putzen, 1 x Dalapferdmanufaktur m. Pipi, 1 x Rastpause bei Johannisholm am Örklingen-See in Mora, 1 x Umroutung, 1 x Tankfehlalarm, 1 x einkaufen mit Pipi
Liter: 30,7 (Literpreis 19,19 SEK/98er)
Reparaturen: keine
Sonnenaufgang Start: 3:40Uhr (22:17 Uhr Untergang)
Sonnenuntergang Ziel: 22:16 Uhr (3:56 Uhr Aufgang)
Temperatur: 14 Grad bis 28 Grad & wieder zurück
Heute sind wir Master of Desaster. Bisher waren Team Düsseldorf und Team Flensburg für die Gestaltung der Tagesetappen zuständig. Wir waren bisher außen vor, da wir die gesamte Route inklusive aller Campingplätze geplant und vorgebucht hatten. Aber heute dürfen wir auch mal ran und die anderen bekommen von uns ein paar Aufgaben. Anders als bisher werden sie außer der Routenplanung nichts vorab erfahren, sondern immer erst dann, wenn die Aufgabe zu planen oder durchzuführen ist.

Die erste Aufgabe stellen wir bereits am Vorabend: Der Volvo wird heute nicht vorne weg fahren und die Navigation erledigen. Das sorgt direkt für unruhige Reaktionen und löst die Suche nach Schlupflöchern aus. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier und ehrlicherweise ist es ein Regelzustand geworden, dass wir vorne weg fahren. Doch heute bleiben wir hart. Die Gruppe muß das regeln und wir haben heute „Ruhetag“. Also wird entschieden: Der Volvo kommt sorgenfrei in die Mitte und bei der Führung wird abgewechselt.

Wir starten in der Reihenfolge BMW, Volvo, VW – nach dem ersten Zwischenstopp wird getauscht. Weil wir keine Zeit mit Navigation, Kolonne zusammen halten und Orientierung verbringen müssen, haben wir mehr Kapazität, um in der Gegend herumzuschauen. Nach wenigen Kilometern fällt uns auf, dass wir den Ort, durch den wir fahren, bereits kennen. Wir waren schon mal an diesem Bahnhof, dieser Seebrücke und… diesem Restaurant! Das Diner in Rättvik haben wir auf der Fahrt nach Göteborg bei der Winter Tour 2022 ausprobiert und für gut befunden. Kurz denken wir darüber nach, die anderen zu Burgern zu überreden. Das Frühstück ist aber noch garnicht allzu lange her und wir verwerfen den Plan.

Bereits vor der Abfahrt haben wir die zweite Aufgabe in die Runde geschmissen. Es ist kein Geheimnis, dass wir mit dem Volvo recht häufig tanken müssen. Es kann sogar sein, dass diese hohe Frequenz durchaus ein Running Gag in der Rallyegang ist. Also müssen die beiden anderen Teams jetzt abschätzen, wann wir wieder tanken müssen. Dabei sollte unser Tank leer genug sein, dass es sich auch lohnt zu tanken und voll genug, dass wir nicht ins Schwitzen kommen. 98 Oktan Benzin on top stellt eine besondere Herausforderung hier in Schweden dar und wäre natürlich super plus. Unterwegs werden die Rechenmaschinen angeschmissen und geschätzt, wann wir wieder tanken müssen. Per Funk wird eine Distanz ins Auge gefasst und eine Tankstelle anvisiert.

Es hat sich die letzten Tage etabliert, dass unsere Funkdisziplin insbesondere beim Losfahren Flugzeug-Piloten-Sprech hat. „Boarding completed“, „prepare for pushback“ etc. Passend dazu moderiert Marvin die einzelnen Etappen spontan als Reiseanweisungen – ein bisschen ein Mix aus Deutsche Bahn und Lufthansa. Wir lieben es. Für den nächsten Zwischenstopp wird uns eine Einschränkung verkündet: Ausstieg nur links, dafür öffnet das Bordbistro mit Snacks. Zur Sicherheit und Klarheit für alle wird diese gefunkte Anweisung mit deutlichen Richtungsanweisungen ergänzt.

Unser erster Stopp ist die Dalapferd-Manufaktur in Nusnäs. Ihre Geschichte reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die unterschiedlich großen handgeschnitzten Holzpferde sind traditionell rot angemalt und mit kunstvoller Kurbitsmalerei verziert. Nusnäs ist quasi das Zentrum dieser Schnitzerei. Die Manufaktur wurde von zwei Brüdern gegründet, die mit 13 und 15 Jahren anfingen, die Pferde zu schnitzen und zu verkaufen, um ihrer armen Familie finanziell unter die Arme zu greifen. Weltweit bekannt wurde das Dalapferd aus Nusnäs durch die Weltausstellung 1939 in New York. Da stand ein 3 Meter großes Dalapferd vor dem schwedischen Pavillion.

In der Manufaktur kann man den gesamten Fertigungsprozess bestaunen. Ein CNC-Roboter schneidet grobe Rohlinge, die dann in mehreren Säge- und Schleifprozessen von Hand verfeinert werden. Anschließend wird, ebenfalls von Hand, tauchlackiert. Danach werden die feinen Muster aufgemalt. Klar, auch von Hand. Bei all dem kann man quasi neben den Fertigungstischen stehen. Natürlich schließt sich ein Shop an, in dem man alles mögliche erstehen kann. Bei solchen Spots ist man im Voraus ja immer unsicher, ob man hier im völligen Touri-Nepp landet oder ob es sich wirklich lohnt. Die Nils Ollsson Manufaktur ist definitiv eine jener Ausnahmen, die sich wirklich lohnen.

Im Anschluß wird die ausgesuchte Tankstelle angesteuert. Für uns der perfekte Moment. Das haben die anderen ziemlich gut abgeschätzt. Plus es gibt 98 Oktan. Das wäre aber zu reibungslos. Denn die Tanke ist defekt. Das angrenzende Geschäft hat nix mit den Zapfsäulen zu tun, empfiehlt uns aber die nahe gelegene Circle K.

Dort haben wir Glück. Und weil wir schon Mal alle aus den Autos ausgestiegen sind, gibt es von uns direkt die nächste Aufgabe: Wir putzen uns gegenseitig die Scheiben für den perfekten Durchblick. Die vielen gespulten Kilometer und ein oder zwei Vögel haben ihre Spuren hinterlassen. Und so polieren wir an jeweils einem anderen Auto die Scheiben wieder auf Hochglanz und entdecken dabei den ein oder anderen Steinschlag. Für die umfassende Verkehrssicherheit werden diverse Scheinwerfer-Scheiben direkt mit geputzt.

Unser Roadbook schlägt vor, ein Stückchen zu fahren und bei Johannisholm hinter einer Brücke eine Snack-Pause einzulegen. Der dortige Campingplatz wird von Schweizer:innen betrieben, hat Toast, Paninis und Kuchen sowie starken Kaffee für uns. Ein süßer kleiner Ort. Wir genießen den Stopp und die Sonne, die sich heute bisher kaum rausgetraut hat und lassen den Blick von der Terrasse über den See schweifen.
Der nächste von uns geplante Stopp ist das Museum in Lesjöfors. Weil der Tag schon etwas fortgeschritten ist, checken wir sicherheitshalber noch einmal Museumsschließung in Verbindung mit der Abfahrtszeit und stellen leider einen kapitalen Planungsfehler fest: Das Museum öffnet erst in vier Tagen. Wir leisten Abbitte über Funk und einigen uns darauf, dass jetzt der Campingplatz für den Abend angesteuert wird, mit kurzem Zwischenstopp bei einem Supermarkt. Heute planen wir einen Antipasti-Abend und müssen für diesen noch eins, zwei Sachen einkaufen. Völlige Randnotiz, aber für das Wohlbefinden auf dieser Tour nicht unwichtig: So gut, wie bisher, haben wir noch nie auf solchen Roadtripps gegessen.

Doch bevor wir ankommen, geraten wir unterwegs in eine Witzgewitterfront. 10 Kilometer vorher warnt Matthias die Kolonne vor dem, was auf sie zukommt. Eine Witzgewitterfront darf man nicht unterschätzen. Sie birgt massive Gefahren für die Reisenden. Deswegen haben alle jetzt zehn Kilometer Zeit, um sich vorzubereiten. Ist die Witzgewitterfront erst erreicht, muss alle zwei Kilometer ein Witz gefunkt werden. Zuerst vom VW der voraus fährt, dann vom Volvo in der Mitte und dann vom BMW am Ende. Und wieder von vorne. Alle zwei Kilometer muß ein Witz losgeschossen werden, bis das Ende der Front nach 18 Kilometern erreicht ist. Anschließend wird der beste Witz im Chat per Publikumsentscheid gekührt. Marvin gibt kurz vorher noch die Sicherheitsanweisungen durch – aufrechte Sitzposition und anschnallen, um vom Witz nicht aus dem Sitz gerissen zu werden – und schon schüttelt uns das Witzgewitter gehörig durch. Der effektivste Witz wird per Publikumsentscheid gekürt. Siegerin am Ende ist Ida mit dem Witz des Tages:
„Wollten sich zwei Zitronen treffen. Kam die eine nicht. War die andere sauer.“
Das Gewitter verzieht sich und wir können problemlos unseren Zwischenstopp im Supermarkt einlegen. Nach relativ orientierungslosem Einkaufen machen wir uns auf den Endspurt Richtung Campingplatz.

Heute haben wir den perfekten Tag für entspanntes Fahren erwischt: Die Landschaft ist voller Postkartenmotive. Endlose Wälder wechseln sich mit weiten Wildwiesen, auf denen unzählige Pflanzen in weiß, gelb und blasslila blühen, ab. Immer wieder sind riesige Fliederbüsche am Straßenrand und eigentlich glitzert ständig von irgendwo her ein See oder Fluss. Das alles ist dekoriert mit Holzhäusern in rot (viel rot), gelb und blau. Die Straße ist fast immer gut in Schuss, mal hoppelt sie endlos gerade über unzählige Hügel, mal windet sie sich organisch in die Landschaft. Es ist ein Träumchen und gleichzeitig ein Witz: Als wir diesen Teil Schwedens schon einmal im Winter gefahren sind, fanden wir ihn todeslangweilig. Jetzt, im Sommer, hat dieser Weg und diese Landschaft ein völlig anderes, deutlich spannenderes und mitreißenderes Bild.

Unser Campingplatz für heute Nacht ist ein Knaller: Natürlich an einem See gelegen (in den Mulle und Ida direkt hüpfen), ist er vollständig im Wald. Er ist sehr weitläufig, hat einen riesigen Spielplatz, sehr nette Betreiber:innen und ein ganz wunderbares Ambiente. Wir schlagen die Wagenburg direkt am Spielplatz auf. Um uns herum ist weit & breit niemand. Es ist noch recht früh, wir können richtig vor uns hintrödeln. Einige erkunden die Gegend, Katrin turnt mit Ida auf dem Spielplatz herum, andere erledigen Dienstliches und Matthias schreibt den Artikel für gestern (den er aus Versehen gelöscht hat) und für heute.

Gerade jetzt fängt das Essen auf den Kochern und Grills an zu brutzeln und während der Tisch gedeckt wird, wissen die anderen beiden Teams noch nicht, dass noch zwei Aufgaben auf sie warten:
Mit an der Tanke mitgenommenen Visitenkarten wird Katrin gleich allen einen Satz zuordnen („Guten Tag“ und „Hallo“, „Auf Wiedersehen“ und „Tschüß“, „Gern geschehen“ und „Bitte“). Diese muß jedes Team lernen und es den anderen beibringen. Diese Floskeln sollten bis zum Ende der Tour bei allen sitzen. Witzige Nebenstory: Die Visitenkarten, die Katrin zum Auslosen eingesteckt hat, sind Visitenkarten für eine Nothilfe für Spielsüchtige und ihre Familien – aber psst, nicht verraten! Die anderen Teams sollen das selbst herausfinden 😉
Die zweite Aufgabe ist bis zum Ende des Aufbaus der letzten Wagenburg dieser Tour zu erledigen: Jedes Team soll ein sich reimendes siebenzeiliges Gedicht ohne Zuhilfenahme technischer Möglichkeiten schreiben und würdevoll vortragen. Wir sind gespannt & feilen bereits an unserer eigenen Ode bei sanftem Feuerschein.

