Vom Harge nach Leksand
Zeit: 11:00 Uhr > 18:10 Uhr = 7:10 Stunden (das ist kein Fehler in der Matrix: die Zeiten sind exakt die gleichen wie am Vortag)
Km: 241.216 > 241.524 = 308
Pausen: 1 x Pipi, 1 x tanken m Pipi & 6 Bingo-Kreuze auf einmal (incl. 98er Oktan, Snavlunda, Kunsthügel, einkaufen im Supermarkt & Werstatttanke („Macken“) m. Pipi, Pontonbrücke
Liter: 17,26 (Literpreis 18,94 SEK/98er)
Reparaturen: Scheibenwischerlager (erfolglos)
Sonnenaufgang Start: 4:00Uhr (21:56 Uhr Untergang)
Sonnenuntergang Ziel: 22:15 Uhr (3:40 Uhr Aufgang)
Temperatur: 24 Grad bis 15 Grad
Der Tag startet mit den ersten Campingplatz-Brötchen der Tour. Ab 09:00 Uhr können wir diese abholen. Das hält die Sonne nicht davon ab, bereits fünf Stunden vorher ihren Dienst aufzunehmen. Das mit der Mitternachtssonne ist echt ein schlafraubendes Konzept. Man merkt diesem Morgen an, dass wir inzwischen wieder im Rallyemodus sind: wach werden, frühstücken und abbauen gehen hervorragend und flüssig Hand in Hand.

Mittsommer kündigt sich immer stärker an: Es wird nachts kaum noch richtig dunkel – sehr zum Leidwesen von Katrin, die nicht müde wird und sich trotzdem hinlegt, um jede Stunde wach zu werden und zu denken, dass sie verschlafen hat – war auch 2016 beim BSC so und Schlafbrille klappt nicht so richtig. Auch alle anderen merken das, es fehlt einfach das mit der Dämmerung einhergehende Runterfahren das Körpers.

Die Tagesgestaltung liegt heute bei Team Flensburg im VW. Es gibt wieder ein Tagesbingo und gestern wurde bereits das erste Etappenziel gespoilert: Unser erster Tagesstopp ist Snavlunda. Ein kleines Dorf im Irgendwo von Schweden ist jetzt kein touristisches Highlight, langjährige Leser:innen des Blogs wissen aber vielleicht, warum bei Snavlunda mindestens die Ursprungsteilnehmenden bei diesem Ziel feuchte Augen bekommen.

Vor zehn Jahren fand in Snavlunda das erste Rallyecamping statt. Seitdem fahren wir im Volvo diversen Kolonnen voraus und seitdem sind wir, mittlerweile um weitere liebe Menschen ergänzt, die Rallyegang. Unsere Aufgabe heute: dorthin kommen und unser erstes Gruppenbild mit Autos nachstellen. Besser gesagt, beide Bilder. Denn damals wurde das Bild von Hauke aufgenommen der im Anschluß noch ein Selfie mit der Gruppe machte.

Wir ziehen durch bis zum Ort und sprechen eine Anwohnerin an, ob es möglich sei, auf das Gelände zu fahren, um dort die Fotos nachzustellen. Damals hatte der örtliche Pfarrer uns das erlaubt, er saß später sogar noch mit Gitarre bei uns in der Wagenburg und hat uns das von ihm geschriebene Snavlunda-Lied vorgespielt. Zusätzlich schenkte er uns eine CD vom lokalen Chor. Diese hat Micha immer noch und er hat auch das Liedblatt mitgebracht.

Das Gelände gehört immer noch der Gemeinde und die Anwohnerin sieht kein Problem, wenn wir das Foto machen und dafür mit dem Auto auf das Gelände fahren. Gesagt, getan und im Abgleich mit dem zehn Jahre alten Originalfoto entsteht ein neues Gruppenbild mit teils anderen Autos und teils anderen Menschen. Aber so ist das halt, in zehn Jahren entwickelt sich halt auch einiges. Um so schöner, dass wir uns irgendwie nie gegenseitig aus den Augen verloren haben. Um so schöner, immer wieder gemeinsam unterwegs zu sein.

Hinter Snavlunda verlassen wir den Vättern-See, Schwedens zweitgrößten See. Der ist über den Göta-Kanal mit dem Vännern, dem größten See Schwedens verbunden. Witzigerweise dachte man 1800 rum, dass der Vättern in Verbindung mit dem Bodensee stünde, weswegen der See hier in Schweden unruhig und kabbelig wird, wenn in Süddeutschland ein Sturm den Bodensee aufwühlt.

Unser nächster Stopp ist der Berg Konst på Hög. Auf seiner Spitze sind diverse Kunstinstallationen. Vorher gilt es jedoch, knapp 500 Stufen zu erklimmen. Angesichts dieser Anstrengung sparen wir es uns, in dem am Fuße der Treppe liegenden Waldgym – hier sind diverse Kraftgeräte ausschließlich aus Holz aufgebaut – ernsthaft an unserer körperlichen Ertüchtigung zu arbeiten…

Oben auf dem Berg müssen wir uns in die Skulpturen hineinfühlen und mit jener Skulptur, die wir am meisten fühlen, eins werden. Der Übergang von Mensch und Kunst soll fließend sein, die Symbiose perfekt dargestellt werden. Wir werden eins mit den Darstellungen und jede:r findet am Ende eine passende Figur. Währenddessen fängt es an zu nieseln, die Tropfen werden immer dicker und mehr. Also machen wir uns wieder an den Abstieg. Pünktlich zum Anlassen der Motoren fängt es an zu schütten. Und leider wird uns das fast den ganzen Tag über ab jetzt begleiten.

Ein leises Quietschen dringt aus dem rechten Bereich vor der Windschutzscheibe in den Innenraum. Unser Scheibenwischergestänge ist kaputt – lange Geschichte, die vielleicht ein anderes Mal erzählt wird. Rechts vorne ist es deshalb nur notdürftig geflickt. Und von genau da quietscht es jetzt ein bisschen. Immer wenn der Wischer im oberen Anschlag ist. Ignorierbar. Zumindest vorerst.

Wir fahren gut ausgebaute schwedische Landstraßen und erledigen nebenbei eine weitere Tagesaufgabe: rote Häuser zählen. Was sich easy anhört, wird zur echten Stressaufgabe. Bis zum Ziel zählen wir round about 1300 Häuser – und wir hatten zwischendurch einige Kilometer vergessen. Die anderen Teams sind auf dem Weg irgendwo ausgeschieden.

Die erste „echte“ Pipi-Pause beschert uns ein kleines Abenteuer: Dringender Pipibedarf lässt uns spontan rechts abbiegen. Laut Google-Maps können wir die Straße auch nehmen und in einem elegantem Schlenker auf die Hauptroute zurück fahren. Wir entdecken einen wilden Hof im Nichts, aber die Trampelpfadstraße wird immer zugewachsener und enger. Wir wollen den Nordmazedonienfehler kein drittes Mal wiederholen und gehen zu Fuß den Weg checken: Es geht steil bergab, ein Stapel Holz ist auf den Weg gerutscht und es ist matschig. Auch wenn es nur noch ein paar 100 Meter zur Hauptstraße sind: Wir entscheiden uns für den Rückwärtsgang und fast direkt vor unserem Kühler hüpft ein Reh von links nach rechts. Das bringt Glück. Hoffen wir jedenfalls.

Unser Scheibenwischer quietscht mittlerweile nervtötend. Über den ganzen Wischweg hin und zurück. Wir nutzen den kurzen Einkaufsstopp und versuchen mit frisch erstandenem schwedischen WD40 von der Tanke zu reparieren – erfolglos. Dafür haben wir einen anderen Erfolg: Das Auto riecht jetzt krass nach Schmieröl. Also fahren wir mit offenen Fenstern. Einzig der nachlassende Regen und die laute Musik helfen.

Die Route führt uns über mehr als 20 km auf einer Schotterpiste quer durch den Nadelwald. Offizieller Weg, von GoogleMaps vorgeschlagen. Wir sind endgültig im Nirgendwo angekommen. Ein einziges Haus sehen wir, ansonsten nur rauhe Natur. Der Weg schlängelt sich an Seen und Wildwiesen vorbei, auf einer sehen wir ein Kranichpaar.

Diesmal klappt es sogar mit einem Foto. Gestern hatten wir auch schon Glück, aber waren nicht schnell genug, um die Kranichfamilie auf Bild mitzunehmen. Die Autos sehen dank der Dirtroad und dem vorherigen Regen jetzt auch wirklich nach Abenteuer aus.

Eine letzte Aufgabe erwartet uns, bevor wir unseren Campingplatz ansteuern können. Bei Gagnef ist eine der letzten Flottbros Schwedens. Diese Brücken sind nur mit den Ufern verbunden und schwimmen ansonsten auf dem Fluss, getragen von Pontons. Unsere Aufgabe: Die Brücke überqueren und dabei symbolisch das Auto erleichtern. Dafür schaltete sich Item 4 in unserer Rallyetüte frei, ein Seifenblasen-Fläschen. Also fahren wir alle Seifenblasen blasend über die Brücke mit entsprechender Fotodokumentation. Auf der anderen Seite packt Micha noch die Drohne aus und wir überqueren die Brücke erneute mehrfach für einige Video- und Foto-Aufnahmen.

Wir kommen bei Regen an unserem Campingplatz an, der zum Glück zusehends nachlässt. Kurz dachten wir über Hütten anstelle der Zelte nach, entscheiden uns dann aber für die wundervollen Stellplätze direkt am See. Mit unglaublichem Ausblick bauen wir unsere Wagenburg auf und genießen die Idylle. Der Tag endet mit Köttbullar vom Grill und umdrehungsfreien Kaltgetränken.

Wir sind auf dem nördlichsten Campingplatz unserer Tour angekommen. Zwar wird es morgen noch ein Stückchen Richtung Norden gehen, aber dann wenden wir uns wieder Richtung Süden. Aktuell sind es nur noch 953 km bis zum Polarkreis und das merken wir auch. Es ist auch tagsüber deutlich kühler als zum Anfang unserer Tour. Am Abend sitzen wir mit Winterjacken im Camp. Wir hoffen also auf wärmeres Wetter für die nächsten Tage.

