Tag 8 – Mindset

Von Göteborg nach Orø

Zeit: 9:55 Uhr > 20:15 Uhr = 15:20 Stunden

Km: 419

Pausen: 1 x Werkstatt in Alingsås mit 2 mal in die Stadt & zurück, 1 x tanken m Pipi, 1 x einkaufen mit Pipi für alle & car-kitchen-Vorbereitung, 2 x Fährtfahrten

Liter: 21,8 (Literpreis 18,99 SEK/98er)

Reparaturen: Getriebestange BMW, Vergaserdämpferöl nachgefüllt Volvo, Starthilfe BMW

Sonnenaufgang Start: 22:04 Uhr (4:15 Uhr Untergang)

Sonnenuntergang Ziel: 21:52 Uhr (4:33 Uhr Aufgang)

Temperatur: 17 Grad bis 23 Grad 

Eine Nacht in einem richtigen Bett kann durchaus Wunder wirken. Selbst wenn man noch früher als die letzten Tage im Zelt aufsteht. Ergänzt um eine Dusche mit unbegrenztem Warmwasser ist das Wunder fast perfekt. Wir sind früh zum Hotelfrühstück verabredet, alle sind ein wenig nervös bezüglich der BMW-Situation. Ein erstes Telefonat von Micha mit der Werkstatt klingt auch nicht sehr erfolgversprechend. Die Werkstatt hat nur bis 13:00 Uhr auf, sie könnten den Wagen mal hochnehmen, Reparatur aber wahrscheinlich erst Montag. Morgen ist ja Feiertag.

Es werden daraufhin verschiedenste Varianten durchdiskutiert: z.B. Micha und Marvin bleiben vor Ort oder fliegen nach Hause und nächste Woche noch einmal zurück. Sollte der Wagen nicht innerhalb von drei Werktagen repariert werden können – also bis Dienstag einschließlich) würde der ADAC einen Rücktransport organisieren. Das kann aber echt nur die maximal letzte Variante sein, da sind wir uns alle sicher. Deswegen diskutieren wir auch Möglichkeiten einer behelfsmäßigen Reparatur und haben einige ernsthaft gute Ideen. Die stumpfe Notlösung wäre eine Heimfahrt auf D – das Getriebe würde also manuell unter dem Auto in D geschaltet und ab da dürfte es nur noch geradeaus gehen und nicht zurück.

Am Ende gewinnt der Ehrgeiz: Egal was bei der Werkstatt rauskommt, der BMW fährt heute weiter Richtung Süden. Zumindest bis Dänemark. Da ist nämlich heute Feiertag, morgen wäre ein Werkstattbesuch aber möglich. Team Duisburg und Team Flensburg sind sich einig: das wird keine Single-Tour! Wir begleiten als Notfall-BackUp für Abschleppen, Abschirmen nach hinten oder was auch immer nötig sein sollte. Ein bisschen für Micha ausschlaggebend ist wohl auch die Geschichte von unserem Unfall mit Achsbruch und unserer Entscheidung damals, auf eigener Achse nach Hause zu fahren. Wenn wir es geschafft haben, den 145 danach nach Hause zu fahren, dann schafft das Micha mit dem BMW jetzt auch. 

Das bedeutet zwar, dass wir alle für den heutigen Tag von Team Düsseldorf geplanten Aufgaben und Spots in den Wind schießen, aber so ist das auf Roadtrips mit alten Autos halt. Gute Pläne bestehen nur so lange, bis sie dem Realitätscheck unterzogen werden. Und man lässt sich gegenseitig nicht im Stich.

Also fahren wir mit gemischten Gefühlen und einer gehörigen Portion Nervosität zur 40 Minuten entfernten Werkstatt. Dort angekommen ist der BMW nicht zu sehen. Ein Lünkerblick durch das Fenster im Werkstatttor zeigt, dass der BMW auf der Bühne ist, es fliegen Schweißfunken. Erste positive Aufregung macht sich breit. Micha und Marvin sprechen mit dem Chef. Er bestätigt unsere Diagnose und ist sich sicher, dass sie es irgendwie schaffen werden, eine Lösung zum (sicheren) Weiterfahren zu basteln. Aktuell versuchen sie, den gebrochenen Bowdenzug zu schweißen, wir sollen in 1,5 Stunden wiederkommen. 

Perfekter Zeittraum für eine Fika im Fika-Hotspot. 10 Minuten sind es bis in die Innenstadt von Alingsås. Wir parken, gehen Richtung Cafe bis Ida zufällig bei einem Juwelier hängen bleibt. Der hat ein paar schöne Ohrringe, die hätte Ida gerne. Für einen sinnvollen Einkauf fehlen aber noch Ohrlöcher. Voller Selbstbewusstsein entscheidet Ida, dass Fika-Town der perfekte Ort und jetzt die perfekte Zeit für Ohrlöcher ist. Schräg gegenüber bei einem anderen Juwelier werden welche geschossen, also marschieren wir in den Laden. Es wird sich sehr sweet um Ida gekümmert, alles vorbereitet und nach einem Nervositäts-Klogang das erste Loch geschossen. Die meisten Menschen mit Ohrlöchern erinnern sich nicht mehr wirklich daran, wie es war, diese zu bekommen – Zeit & Ohrschmuck überschreiben diesen Eindruck in der Regel schnell. Für Ida ist es jetzt allerdings erstmal eine eindrückliche Erfahrung. Sie entscheidet sich auf jeden Fall dafür, dass ein Ohrloch für’s Erste schick genug ist. Vielleicht kann man „später irgendwann ja noch die andere Seite ohrlochen, vielleicht aber auch nicht“. Wer weiß das schon.

Symbolbild: „Start doing epic stuff“ – Ida weiß, wie‘s geht

Das Ganze hat unser Zeitfenster in der Stadt aufgebraucht, wir fahren also wieder zurück zur Werkstatt. Es ist kurz vor 12 Uhr und der Chef hat schlechte Nachrichten. Das Schweißen hat nicht geklappt, man versuche aber weiter und wir sollen in weiteren 1,5 Stunden noch mal wiederkommen. Auf die Nachfrage, dass sie dann ja bereits zu haben (Geschäftsschluss ist 13 Uhr), sagt der Chef, sie seien heute erst weg, wenn der BMW vom Hof sei. 

Micha und Marvin wollen jetzt in der Nähe und auf Abruf bleiben, wir lassen ihnen sicherheitshalber den Volvo da und fahren erneut in die Stadt. Diesmal wirklich für eine Fika. Angesichts der kurzen Zeit machen wir keine Experimante und gehen in das gleiche Cafe wie am Vortag, wieder gibt es leckere Kuchen, Teilchen und Butterbrote. Auch Micha und Marvin haben eine Fika, allerdings in der Tankstelle um die Ecke. Wir fangen gerade an, zu essen als Marvin bei Matthias durchklingelt. Der BMW ist von der Bühne runter – und repariert. Die Werkstatt hat den originalen Zug aus der Führung gezogen und gegen einen Handbremsseilzug ersetzt. Diesen haben sie oben an die originale Verschraubung geschweißt, das gleiche unten am Getriebe. Damit ist die Automatik in D, N und R ganz normal schaltbar, die manuelle Gangwahl funktioniert nicht. Zum Nachhause kommen reicht das aber.

Mit dem Hinweis, gefühlvoll und vorsichtig zu schalten, rollen wir um 13:20 Uhr zurück auf die Straße.  Was lustig ist, denn fast alle Wendepunkte dieser Panne passierten um zwanzig nach. Kurzer Funkspruch vom BMW: wir dürfen sie nicht mehr verlieren, wir sähen ja, was dann passiere. Wir versprechen, sie nicht mehr aus den Augen zu lassen und auf sie aufzupassen.

Wenn man vorsichtig mit einem geflickten Auto unterwegs ist, dann macht man keine Umwege, keine Aufgaben und keine Experimente. Der Plan für den Resttag ist also, kilometerfressen auf der Autobahn. Mit irgendwas zwischen 90 und 100 km/h schaukeln wir entlang der Ostsee über die E6 immer weiter Richtung Süden. Wir halten um zu tanken und an einem riesigen Supermarkt, um einen letzten Einkauf in Schweden (unter anderem für den Schmuggel von Knäckebrot, Limos und ähnlichem nach Deutschland) zu machen. Hier starten wir auch eine auf dem Weg zu erledigende Aufgabe: wir kochen im Motorraum. 

Das bedeutet, wir bereiten Essen so vor, dass wir es während der Fahrt auf dem Motorblock kochen/aufwärmen. Im VW gibt es Haloumi mit Tomaten, im BMW wird Feta gebacken und wir kochen Bockwürstchen auf unserem B20. Sollte jemand unseren Funk abhören, er:sie würde denken, wir funken verschlüsselt: „Unser Haloumi braucht noch 10 Mintuen bei 120 km/h“.

Würstchen – Vergaseröl,
wer merkt da schon den Unterschied…

Wir nähern uns der Hafenstadt Helsingør und uns fallen immer mehr Autos im Party-Modus auf. Schwedische Fähnchen schmücken sie, teils werden offensichtlich Korsos gefahren. Auch zu Fuß sind schick gekleidete junge Menschen unterwegs. Auffällig ist, dass die meisten eine Art Kapitänsmütze aufhaben. Wir recherchieren und finden heraus, dass heute so etwas wie Abitag in Schweden ist. Und diese Mütze und die allgemeine Partystimmung gehört dazu. 

In Helsingør nehmen wir die Fähre nach Helsingborg. Die gut zwanzig Minuten Fährfahrt über den Öresund werden uns von Schweden nach Dänemark bringen. Wir ordnen uns auf Platz 2, 3 und 4 der Warteschlange ein und müssen ca. 20 Minuten auf die Fähre warten.

Die Ampel springt auf grün, Katrin und Matthias fahren im Volvo los als Hauke aus dem VW über Funk fragt, ob mit dem BMW alles klar ist. Matthias bleibt sofort stehen, wir gucken zurück, die Lampen vom BMW leuchten immer mal wieder schwach auf, er scheint aber nicht zu starten. Während alle hinter uns ausscheren, um auf die Fähre zu fahren, knallt Matthias den Rückwärtsgang rein und setzt bis zum BMW zurück. Wir springen beide raus und laufen zum BMW. Im Auto sitzt niemand mehr, Hauke liegt schon seitlich drunter und Marvin und Micha scheinen am Kofferraum zu sein. Matthias denkt an schwache Batterie, will dies Micha sagen, der bereits mit dem Starterpack hantiert.

Also setzt sich Matthias vorne in den BMW, um auf Michas Zeichen den Zündschlüssel zu drehen. Mit einem lauten Brummen erwacht der 3,5-Liter-Reihensechser wieder zum Leben.

Alle rennen zurück zu ihren jeweiligen Autos und wir fahren als letzte kurz vor dem Senken der Schranke auf die Fähre. Wach sind wir spätestens jetzt alle. Wahrscheinlich war während des Wartens die Zündung nicht richtig aus und die eingeschaltete Sitzheizung hat die Batterie ausgelaugt.

An Bord der Fähre herrscht Party-Stimmung, auf einem Deck legt ein DJ auf, es gibt ein augenscheinlich sehr schickes Restaurant und eine Cocktailbar. Und das alles für zwanzig Minuten Fährfahrt. Wir vermuten, dass einige hier einfach mehrmals hin und her fahren. Für uns gibt es HotDogs, wir genießen den Ausblick vom Sonnendeck bei einsetzendem Regen und stehen den Menschen an den Fensterplätzen im Restaurant dabei im Weg. Ruckzuck sind wir im Hafen, verlassen die Fähre pannenfrei und reisen damit nach Dänemark ein.

Ein großes Wasser überquert und schon ändern sich Landschaft und Architektur. Wir durchfahren den nördlichen Zipfel der Insel Sjælland (auf der auch Kopenhagen liegt). Zwischen den Örtchen Vejleby und Vellerup liegt der Anlieger der Seilfähre nach Orø. Die zwanzig Minuten Wartezeit verkürzen wir mit den Snacks aus den Motorräumen.

Die Insel im Isefjord ist mit etwa 15qkm und etwa 1020 Einwohner:innen überschaubar groß, punktet aber mit wunderschöner Landschaft und süßen, kleinen Dörfern. Als Fanø-Fans begeistert uns die Insel sofort. Sie ist kleiner, irgendwie heimeliger und landschaftlich ein bisschen abwechslungsreicher.

Am Strand von Skovgårde liegt unser Campingplatz. Dem Ablauf des Tags geschuldet kommen wir spät an. Das ist ein bisschen schade, der Campingplatz ist herausragend schön. Wir sind uns einig, dass wir auf dem schönsten Platz der Tour (und damit einem der schönsten Plätze auf denen wir überhaupt bisher waren) angekommen sind. Er fügt sich ganz wunderbar in die umliegende Landschaft und ist voller Vögel, die wir diekt aus der Wagenburg heraus beobachten können. Wir suchen uns einen Platz, bauen unser Camp auf und schmeißen die Grills an. Heute gibt es Reste und Gegrilltes. Und während die Sonne spektakulär in der Ostsee verschwindet, freuen wir uns darüber, dass wir es gemeinsam bis an diesen wunderschönen Ort geschafft haben.

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