Episode 5

Tag 11:

Ljubljana, Slowenien nach Camp Beli Gaber in Vrh, Slowenien

Roadtime: 7 Stunden

Km:  258

Pausen: 2 x Pipi, 2 x tanken, 1 x Saline (ca 2 Std), 1 x einkaufen (ohne Erfolg), 1 x essen & Beine „ausschütteln“

Liter: 20,35 (Literpreis 2,016 €/100 Oktan) + 19,45 (Literpreis 1,998 €/100 Oktan)

Reparaturen: ./.

Temperatur: 23 Grad bis 33 Grad (an den Salzfeldern am Meer) & 30 Grad im Camp 

Der Wecker plärrt heute sehr früh los. Bevor wir zivilisiertes Drumherum erst einmal wieder verlassen, wollen wir noch einmal gründlich duschen, Haare wo vorhanden waschen und so. Zum Frühstück hatten wir gestern ja bereits einen Tisch im Eggs&Tales reserviert. Wir wissen was wir wollen und entsprechend flott geht die Bestellung. Während wir auf das Essen warten, daddeln wir an unseren Handys rum und checken die Lage. Und uns fährt der Schock in die Glieder: Der Berliner CSD wurde mit einer Amokfahrt angegriffen, eine Frau ist tot, etliche weitere Menschen teilweise schwer verletzt. Wir haben ein DejaVu: Auf unserer Winter-Tour 2025 erfuhren wir durch einen zentral eingestellten Termin in Matthias Dienstkalender, der wegen einer „Dringend“-Markierung als Push-Nachricht aufpoppte, dass eine ver.di-Streik-Demonstration von einem Amokfahrer angegriffen wurde. Eine Frau und ihr Kind starben, viele Menschen wurden verletzt. Bei beiden Demonstrationen hätten wir sein können, bei beiden Demonstrationen hätten Menschen, die wir kennen und mögen, verletzt oder getötet werden können. Bei beiden Demonstrationen wurden unsere Kolleg:innen und Community-Member gezielt angegriffen, getötet und verletzt. Diese Angriffe meinen unser Leben, unser Sein, unsere Freiheit und unsere Selbstbestimmung. Diese Angriffe meinen uns. Wir sind in Gedanken bei den Opfern und all jenen Menschen, die sich jetzt gerade dadurch bedroht fühlen, Angst und Sorge haben. Unsere Stärke ist die Gemeinschaft, unsere Stärke ist die Liebe und unsere Stärke ist unser Stolz auf den Weg, den wir gegangen sind. Wir sind nicht allein.

All das wird uns den Tag immer wieder hinterlaufen und durch unsere Gedanken wabbern. Wir bekommen Nachrichten, informieren uns, wie es unseren Freund:innen mit der Situation geht. 

Nichtsdestotrotz packen wir nach dem Frühstück unser Auto und sind zeitig – sogar vor unserem Zeitplan! – auf der Straße. Am Stadtrand von Ljubljana tanken wir wieder voll und schrauben die Leiter wieder auf das Zelt. Das geht ziemlich flott, ab jetzt sind Parkhäuser kein Problem mehr. Heute liegt viel Strecke vor uns, deutlich mehr als in unserer Planungstabelle steht. Ursächlich hierfür ist ein verschieben, streichen und ergänzen von verschiedenen Routenpunkten in der Planung. Und irgendwann ist die Streckenübersicht nicht angepasst worden. Also sind es heute keine 84 Kilometer,  sondern über zweihundert. Wir fahren durch den Hauptverkehrsteil von Slowenien, also den Bereich, wo alle Transitstrecken entlang gehen. Landstraße ist hier ein Horror, wir klemmen uns einfach auf die Autobahn. Sonntagsbedingt ist nicht ein LKW unterwegs, was bedeutet, dass wir potentiell das langsamste Auto sind. Was die Fahrt für uns recht entspannt macht. Mit 90 bis 100 km/h lungern wir auf der rechten Spur rum und irgendwie vergeht die Zeit wie im Fluge. Hinter einem langen Tunnel leuchtet es uns auf einmal blau entgegen. Vor uns glitzert das Mittelmeer. Schlagartig ist es superwarm, das Thermometer springt auf über 30 Grad, Vegetation und Architektur sind mediterran und auch die Fahrweise der Menschen um uns herum bekommt eine besondere Note. Insbesondere die der zweirädrigen Gefährte.

Wir fahren bis ganz knapp vor die kroatische Grenze. Hier liegen die Salzfelder von Piran. Die letzten Salzfelder in Europa, auf denen noch traditionell und in vollständiger Handarbeit Meersalz gewonnen wird. In riesigen Becken wird dadurch nur mit Hilfe von Sonne und Wind Meerwasser so lange konzentriert, bis das Salz anfängt zu kristallisieren.

Seit dem 10. Jahrhundert wird hier Salz gewonnen, seit dem 14. Jahrhundert bis heute im Prinzip nach demselben Verfahren: Zu Beginn der Saison, wenn der Winter vorbei ist, werden die Becken vorbereitet. Dafür wird aus den Sedimenten, die der Fluss Stara Dragonja anschwemmt, der Boden der Verdunstungsbecken beschichtet. Die Basis ist Lehm, auf diesem werden die Sedimente ausgebracht. Auf diesem Schlamm bildet sich dann eine mit einer besonderen bakteriellen Struktur ausgestattete Schicht, auf der sich zusätzlich mit der Zeit Algen ansiedeln werden. Die Kombination aus verfestigtem Sediment, Bakterien und Algen wird mehrere Zwecke erfüllen: Zum einen lässt sich so das kristallisierte Salz ohne Verunreinigungen durch den Boden abernten, zum anderen verhindern die Bakterien eine Schadstoffbelastung und die Algen filtern Metallionen aus dem Wasser. Ab dem späten Mai werden die Becken mit Meerwasser befüllt, dafür kommt ein kompliziertes Kanalsystem zur Anwendung.

Über Holzschieber können die Wasserströme gezielt geleitet werden. Zusätzlich kommen heute auch mechanische Pumpen zum Einsatz, früher wurden diese durch Windkraft angetrieben. Und dann wartet man ab – Sonne und Wind verdunsten jetzt das Wasser. Ab und an muss nachgefüllt werden und unter der Wärme in den flachen Becken fängt das Salz an zu kristallisieren. In der Regel kristallisiert das Salz am Boden und fängt dort an, eine immer dicker werdende Schicht zu bilden.

Diese wird dann abgeerntet. Dafür wird sie mit langen Schiebern vorsichtig zusammen geschoben, anschließend zum Entwässern zu kniehohen Haufen getürmt, um dann in Loren abtransportiert zu werden und auf großen Trockenflächen ausgebreitet endgültig allen Wasseranteil zu verlieren. Mit etwas Glück, dem richtigen Wetter und passenden Temperaturen kristallisiert das Salz aber an der Oberfläche des Wassers. Die dabei entstehenden Kristalle sind deutlich feiner und flüchtiger. Wechselt das Wetter, können sie von jetzt auf gleich wieder verschwinden. Im richtigen Moment mit einem feinen Sieb abgeerntet, entsteht so jedoch Fleur de Sel. Es ist feiner, hat bei weniger Masse mehr Volumen – halb so viel Kilo Fleur de Sel geht im Vergleich zum Grundsalz in einen der Transporteimer. Deswegen ist Fleur de Sel round about auch fünfmal so teuer wie normales Salz. All das wird im Museum am hinteren Ende der Saline per Schaubilder und einem (etwas langatmigen) Film gut erklärt.

Wir waren bereits 2020 mit unseren Hamburger Freund:innen hier, Katrin konnte damals nicht mit auf’s Gelände. Sie blieb mit unserem Hund Maric und einem der Kinder im Schatten des Kassenhäuschens. Denn diese Art der Salzproduktion hat einen entscheidenden Nachteil: Der Bedarf an sehr viel Sonnenlicht hat keinen Schatten auf dem ganzen Gelände zur Folge. Das Salz aus den Salinen von Piran gilt als ein besonderes Salz – zum einen wegen der konsequenten traditionellen Herstellungsweise, zum anderen weil es sich leicht ölig anfühlt, einen besonders intensiven Geschmack hat und sich so für fast jede Nutzung anbietet. Wenn man das Salz bei uns kaufen will, liegt man bei einem Kilo-Preis, je nach Anbieter, zwischen 5 und 8 Euro. 2020 haben wir uns vor Ort mit etlichen Kilo Salz eingedeckt, das wir bis heute tagtäglich benutzen. Nur neigen sich unsere Vorräte jetzt langsam dem Ende zu. Natürlich gibt es auf dem Gelände einen schicken Souvenirshop, auch dort kostet das Salz in etwa oben genannten Kurs, dafür in schicken Stoffsäckchen verpackt. Aus 2020 wissen wir aber noch, dass direkt am Eingang zum Gelände, dort wo man sein Ticket kauft, das Salz für Einheimische und solche, die Bescheid wissen, in stabilen 5-Kilo-Plastiksäcken für einen Zehner verkauft wird. Drei Stück davon wandern in unseren Kofferraum. Unser Vorrat an grobem Meersalz ist bis zum nächsten Slowenienbesuch auf jeden Fall gesichert. 

Wir füllen noch unseren Flüssigkeitshaushalt auf, nicht wegen des vielen Salzes um uns herum, sondern viel mehr dem ununterbrochenen Sonnenschein geschuldet. Dann verraten wir der ortskundigen und freundlichen Dame im Radio unser nächstes Ziel. Den Planungsunwuchten geschuldet würde uns der Autobahn-Weg wieder über Ljubljana führen, hier prophezeit uns die ortskundige Lady aber dicken Stau. Stau ist in dem 145 immer unattrktiv, das kuppeln ist anstrengend, der Motor wird nicht ausreichend gekühlt, so dass der E-Lüfter durchgehend läuft und all die heiße Luft in unsere Richtung pustet. Kurzum: eine Umfahrung ist immer besser. Über Land dauert diese 20 Minuten länger, das geht völlig klar. Dass wir dabei noch ein bisschen über schmissige Bergstraßen jagen können, freut Matthias noch einmal besonders.

Wir fahren dabei an den Škocjan-Höhlen vorbei. Wir hatten zu Beginn der Tour ja nach einem Thema gefragt. Darauf hatten wir eine Antwort bekommen. Hauke insistierte darauf, dass es für Slowenien eigentlich nur ein Thema geben könnte, nämlich Höhlen. Und tatsächlich bietet Slowenien eine fast unerschöpfliche Anzahl an Höhlen, vor allem auf Grund der weitläufigen Karstlandschaft. 14.000 Höhlen gibt es wohl insgesamt & ca 20 davon kann man besuchen. Die Škocjan-Höhle hatten wir darauf hin ins Auge gefasst und wollten sie eigentlich heute besuchen. „Leider“ sind die Besucherzugänge hier limitiert. Anders als in Postojna will man hier anscheinend kein sich gegenseitig auf den Füßen Herumgestehe. Für uns gäbe es erst in vier Tagen einen freien Slot, da sind wir aber bereits wieder auf dem Heimweg. Also wird das mit der Škocjan-Höhle und uns diesmal nichts. Leider. Dafür fahren wir auf unserer Route noch einmal durch Postojna, wir winken freundlich und sind schneller aus dem Ort wieder raus, als wir vor einigen Tagen für das Verlassen des Parkplatzes gebraucht haben. 

Und zack, sind wir wieder in den Bergen. Es ist ein bisschen ein verrückter Tag: Aus der Atmosphäre einer alten, europäischen Stadt über endlose Autobahn hin zum Mittelmeer mit südeuropäischer Vegetation und wieder zurück in massive Alpenvorlandschaft. In weniger als 12 Stunden. Wenn es einen Beweis für die Vielseitigkeit von Slowenien brauchte, dann ist er heute erbracht worden. Eines wird uns klar: Irgendwie haben wir ziemlich durchgeatmet als wir aus der „großen“ Stadt (Ljubljana hat irgendwas um 288.000 Einwohner:innen, gefühlt aber doppelt so viele Tourist:innen) raus sind und unser Ziel wieder Natur und Abgeschiedenheit ist. Offenbar stresst uns dieses ganze Gewusel, diese Hektik und diese Menge an Eindrücken doch unbewusst ziemlich. Merken wir uns für die Zukunft. Wenn wir das recht überlegen, haben wir das in der Vergangenheit auch schon häufig instinktiv berücksichtigt. Meistens sind wir um die großen Städte herum gekurvt.

Irgendwann kommen wir an unserem Spot für die Nacht an. Eigentlich nur als Zwischenstop geplant, entpuppt sich das Kamp Beli Gaber als kleines Paradies. Es gibt nur vier Stellplätze, der Rest ist für klassisches Camping. Es gibt einen riesigen überdachten Aufenthaltsbereich mit vollständig ausgestatteter Küche in der mehrere Leute gleichzeitig kochen können. Die Sanitäreinrichtungen sind alle neu, extrem sauber und selbst gebaut, insgesamt hat der ganze Platz einen starken DIY-Charme.

Es sind viele Rucksack-wandernde-Menschen hier. Wir bauen unser Zelt auf, entscheiden uns gegen den Campingkocher und für die Gemeinschaftsküche. Was sich gegen späteren Abend als richtig erweist, denn nach einigem Donnergrollen fängt es durchgehend an zu regnen. Irgendwann krabbeln wir müde in unser Zelt, die Regentropfen trommeln auf den Zeltstoff und begleiten uns in den Schlaf.

Tag 12:

Camp Beli Gaber in Vrh, Slowenien nach Medic 206, Kamnica, Slowenien (Mo, 27.07.26)

Roadtime: 06:15 Stunden

Km:  225

Pausen: 1 x tanken, 1 x Höhle (ca 1 Std), 1 x einkaufen 

Liter: 16,4 (Literpreis 2,016 €/100 Oktan)

Reparaturen: Massefehler beim Start

Temperatur: 27 Grad bis 8 Grad (in der Höhle) & 35 Grad unterwegs

Die Nacht war hervorragend. Frische, kühle Luft zieht durchs Zelt, der Himmel ist immer wieder voller Wetterleuchten und ein leichter Nieselregen bringt zusätzliche Abkühlung. Die hohen Bäume und der nahe Bergrücken lassen unser Zelt lange Zeit im Schatten, dadurch fällt uns die Entscheidung, noch etwas zu dösen und das Frühstück für heute zu skippen, ziemlich leicht. Eine offizielle Ausrede für einen späteren Start haben wir natürlich auch: Das Zelt muss ja noch etwas trocknen. 

Irgendwann schaffen wir es dann doch von der Matratze in die Flipflops und fangen gemütlich an, unseren Kram einzupacken. Da wir abends den Gemeinschaftsraum genutzt hatten, ist es nicht wirklich viel. Schnell können wir uns daran machen, das Zelt einzuklappen. Und müssen dabei entsetzt feststellen, dass der gesamte Zwischenraum zwischen Autodach und Dachzeltboden mit Flugameisen (wir vermuten männliche Ameisen in der Paarungszeit?!) voll ist. Doch ärgerlicherweise haben diese sich nicht nur dort versammelt. Auch zwischen Zelt und Dachplane ist alles voll mit diesen Viechern. Durch viel klopfen und schütteln werden wir die meisten los. Katrin hatte von Christian am Faaker See einen von ihm nicht benötigten Camping-Handfeger bekommen. Dieser kommt ergänzend nun auch noch direkt zum Einsatz.

Nach all der Aufregung, wegen der wir kein einziges Foto vom insektoiden Überfall gemacht haben, gönnen wir uns noch in Ruhe einen Kaffee auf der Holzhollywoodschaukel mitten im Wald. Sie ist, wie der ganze Campingplatz, selbstgebaut. Überhaupt: das war ein super Ort. Platz nur für vier Camping-Fahrzeuge, ansonsten nur Hütten und Zeltfläche über verschiedene Ebenen an einem Hang. Unglaublich ruhig. Und alle Einrichtungen und Häuser haben einen soliden Schreiner-Charme (selbst gemacht, mit merklicher Ahnung von Handwerk, nur alles einen Ticken zu groß – vllt Zimmerer:innen?! ;)…). Dabei ist alles hervorragend in Schuss, top gepflegt, sauber und mit allem ausgestattet, was ein Camper:innen-Herz so begehrt. Wirklich zu empfehlen, vor allem weil die Camper-Pitches vorbuchbar sind. Eine Ausnahme in Slowenien, wo es in der Regel heißt, man solle um 10:00 Uhr morgens da sein, um einen Platz zu bekommen. Was ja im Rahmen eines Roadtrips kaum bis garnicht realisierbar ist, es sei denn, man macht den Roadtrip nachts. Wie auch immer. Hätten wir für die Folgenächte nicht ein AirBnB gebucht, wir würden länger hier bleiben. 

Gestern bei der Anfahrt ist uns eins dieser braunen Sehenswürdigkeiten-Schilder aufgefallen. Es gibt hier eine Höhle in unmittelbarer Umgebung, die Kreuz-Höhle. Wir haben sie abends noch online ausgecheckt und zwei Tickets für eine Höhlenführung gebucht. Das besondere an dieser Höhle: Anders als Postojna ist sie zwar auch der Öffentlichkeit zugänglich, allerdings mit streng limitierten Zugangszahlen. Man möchte den menschlichen Einfluss auf das Höhlensystem so gering wie möglich halten. Es gibt eine 1,5 Stunden lange geführte Tour, viermal am Tag. Darüber hinaus kann man eine drei- bis vier-stündige Tour buchen (maximal 20 Personen pro Woche, ist weit im Voraus ausgebucht) und eine sieben-stündige Tour (maximal 4 Personen im Monat, Wartezeit über drei Jahre). Diese Höhle bietet drei Highlights: Sie ist in keinster Weise beleuchtet, in ihr wurden die Knochen von Höhlenbären, voreiszeitlichen Tieren, gefunden und große Teile der Höhle sind geflutet, so dass man mit Booten fahren muss. Die Vorbereitungshinweise sind eindeutig: Zieht euch warm an, bringt warme Socken mit. Sehr gespannt fahren wir die ca. 12 Kilometer zur Höhle. Also, wollen wir zur Höhle fahren. Denn das Auto startet nicht. Müdes Drehen des Anlassers, keine Zündung. Das kennen wir schon, es ist derselbe Massefehler wie beim Start in Duisburg. Entsprechend ist das Problem auch schnell behoben.

An der Höhle angekommen wird deutlich, dass hier ein anderes Level Tourismus herrscht. Die letzten zwei Kilometer geht es über eine enge Dirtroad durch den Wald, das Häuschen am Eingang ist eine kleine, gedrungene Waldhütte. Wir bekommen jede:r ein paar Gummistiefel und eine Höhlenlampe gestellt. Letztere sind inklusive Akku-Pack und dessen Umhängetasche ganz offensichtlich in lokaler Eigenleistung hergestellt. 

Die Höhle selber wartet mit großen Tropfsteinformationen auf. Diese liegen erst im hinteren Teil der Höhle, der vordere ist irgendwann mal eingebrochen und hat so einen riesigen Saal geschaffen. Der Weg ist eher notdürftig ausgebaut, es geht durch Pfützen, über (festes) Geröll und durch Schlamm. Weiße Markierungen aus LKW-Plane, nur grob am Boden befestigt und komplett spurlos entfernbar, weisen den Weg. Umso tiefer wir vordringen, umso geheimnisvoller wird die Atmosphäre. Das ergreift die ganze Gruppe, die meisten unterhalten sich nur noch flüsternd.

Gut einen Kilometer laufen wir in den Berg, vorbei an diversen Spots, die wir uns auf dem Rückweg in Ruhe anschauen werden. Nur noch die Höhlenlampen beleuchten Ausschnitte unserer Umgebung, links und rechts davon herrscht undurchdringliche Dunkelheit. Der Weg endet an einem kleinen Anleger, hier liegt ein großes Schlauchboot.

Dieses wird nur mit einem Paddel gesteuert, ein Motor würde den Grund des Gewässers in Mitleidenschaft ziehen. Das möchte man unbedingt vermeiden. Im Schein unserer Höhlenlampen paddelt uns der Guide auf den See, zeigt uns die unterschiedlichen, möglichen Wasserstände (aktuell ist es krass niedrig, der extremen und frühen Trockenheit geschuldet) und erklärt uns das Zusammenspiel aus Fels, Wasser und Zeit, das in der Lage ist, solche Höhlen und die darin zu findenden Gebilde zu formen.

Irgendwann bittet er uns, alle Lampen auszumachen, wir erleben die allumfassende komplette Dunkelheit. Wenn wir normalerweise von Dunkelheit sprechen, dann bedeutet das, dass nach einiger Gewöhnungszeit ein Sehen immer noch möglich sein kann. Die Dunkelheit hier meint die völlige Abwesenheit von Licht, man sieht sprichwörtlich die eigene Hand vor den Augen nicht mehr. Niemand sagt ein Wort, ein beeindruckender Moment völligen Fehlens von normalen Sinneseindrücken.

Dann schaltet der Guide eine einzige Lichtquelle wieder ein. Diese ist im Wasser unter dem Boot und zeigt uns den Untergrund des kristallklaren Sees. In diesem Schimmerlicht treiben wir wieder zum Einstiegssteg zurück. Auf dem Rückweg sehen wir noch Fossilien der Höhlenbären, doppelte so große Tiere wie Braunbären, bis zu 1,5 Tonnen schwer. Diese kamen in die Höhle, um ihren Winterschlaf zu halten. Die konstanten 8 Grad boten perfekte Bedingungen.

Wir sind begeistert. Das ist die Art Höhlentour, auf die wir Bock haben. Nah, dunkel, in Ruhe, „echt“.

Wieder im Tageslicht haut uns die Wärme fast um. Wir geben Lampen und Gummistiefel ab, stärken uns mit Snacks und machen uns auf den Weg nach Maribor. Um Zeit zu sparen hauptsächlich über die Autobahn. Unterwegs krabbelt immer mal wieder eine Ameise durch das Auto und wird freundlich von Katrin nach draußen befördert. Wir hoffen sehr, dass es bei den vereinzelten Ameisen bleibt und wir uns keine Kolonie ins Auto geholt haben.

Die Sonne ballert volles Rohr, vom Asphalt steigt die Hitze auf, die unter dem Auto im Mitteltunnel verlaufende Abgasanlage strahlt ohne Ende in den Innenraum und zusätzlich bläst der E-Lüfter die Motor-Abwärme links und rechts aus den Kotflügeln am Auto entlang. Selbst der Fahrtwind fühlt sich nach Heißluftfritöse an. Neben der Autobahn liegen weite landwirtschaftliche Flächen, es hängt ein beständiger Gülle-Geruch mit den Abgasen der LKW gemischt in der Luft. Diese Gesamtsituation ist herausfordernd, trotz permanenter Flüssigkeitszufuhr müssen wir keinen Pipi-Stop einlegen. Unsere Körper haben Schwierigkeiten, sich zu regulieren, starke Kopfschmerzen sind die Folge und werden mit Schmerzmittel eingedämmt.

Wir kämpfen uns durch bis Maribor, dort bunkern wir noch einmal Vorräte für die nächsten zwei Tage. Unser AirBnB liegt etwas außerhalb der Stadt in den Bergen, über sehr enge, steile und kurvige Straßen geht es hinauf.

Heiko, unser Gastgeber für die nächsten zwei Nächte, hatte uns eine detaillierte Anfahrtsbeschreibung geschickt. Wir haben ihn über unsere Ankunftszeit auf dem Laufenden gehalten, denn wir werden unser Auto etwas abseits der Unterkunft parken, Heiko holt uns dann mit Gepäck ab und will uns dorthin fahren. Warum, das sehen wir vor Ort: Der Weg zur Unterkunft ist ein supersteiler Waldweg, den würden wir schlicht und ergreifend nicht packen.

Also parken wir am verabredeten Treffpunkt. Heiko kommt fast zeitgleich an. Zum Glück ist es kein Problem, unser Zelt dort noch einige Stunden aufzuklappen, es ist am Morgen nicht ganz durchgetrocknet. Wir verstauen unser Gepäck bei Heiko im 36 Jahre alten Mitsubishi Pajero, dann geht es zur Unterkunft.

Heiko kommt ursprünglich aus dem Fränkischen, hat lange in Düsseldorf gelebt und dort vor allem Kunst gemacht. Dann hat er sich in Katja verliebt und ist mit ihr in ihre Heimat Slowenien gezogen. Beide leben in einem alten Bauernhaus hier auf dem Berg. Heiko hat im Handwerken eine neue Leidenschaft gefunden und neben dem alten Bauernhaus vier kleine Hütten auf das gemeinsame Grundstück gebaut.

Ursprünglich nur für den Besuch von Familie und Freund:innen gedacht, vermieten sie diese jetzt die ganze Saison lang. Unsere Hütte liegt etwas den Abhang runter, ein kleiner Trampelpfad führt dorthin. Es ist ein großer Raum, davor eine Terrasse. Unter dieser ist eine zweite Terrasse mit Badewanne, Außendusche, Hängematte & Liege. Alles für uns allein, versteckt zwischen alten Bäumen.

Der Clou: Diese, und auch die anderen drei Hütten, sind ausschließlich aus Material gebaut, das eh schon auf dem Gelände war oder das woanders über war. Resteverwertung im besten Sinne also, Upcycling par excellence. Dadurch ist nicht alles gerade, manches wirkt improvisiert (die Basis unserer Hütte zB. ist ein alter Traktor-Anhängerrahmen), alles fügt sich aber zu einem ganz besonderen Ort. Es gibt einen kleinen Wehmutstropfen: Wir müssen für Geschäfte und zum Duschen den Trampelpfad und ein kleines Stück den Berg hinauf. Belohnt wird man dort aber mit einem Klo und einer Dusche, die beide einen perfekten Blick über das Tal haben. Oder man nimmt die andere Dusche, dort kann man eine Tür öffnen und steht somit zur Hälfte in der Krone des tiefer wachsenden Baumes.

Heiko zeigt uns alles, wir fühlen uns direkt angenommen und herzlich Willkommen in dieser kleinen Oase. Auf unsere Frage, was denn das Problem dieses Jahr mit den Trüffelchips sei, blicken wir in fragende Gesichter. Katja und Heiko vermuten ein besonders reiches Trüffeljahr vor 2020, das durch entsprechende Produkte „ausgeglichen“ wurde. Trotzdem steigt Katja kurz ins Rabbithole Trüffel, eigentlich Pilze grundsätzlich, in Slowenien ab und gibt uns anschließend einen Haufen Informationen und Tipps. Einen sehr kurzweiligen Plausch später sitzen wir auf unserer Terrasse für die nächsten zwei Tage und entscheiden, dass wir uns hier erstmal nicht wegbewegen werden. Anders als geplant, werden wir morgen nicht runter nach Maribor fahren und uns die Stadt angucken. Bei den aktuell herrschenden Temperaturen erscheint uns dieser Ort im Schatten der Bäume viel attraktiver. Und ein bisschen Stillstand wird uns nicht schaden. 

Und so vertrödeln wir den Nachmittag, gegen Abend bereit Matthias Butterreis mit Frikadellen zu, Katrin schnibbelt Rohkost dazu. Langsam senkt sich die Dunkelheit über den Berg und irgendwann müssen wir den hell scheinenden Fast-Vollmond mit den Gardinen aussperren. Er ist einfach zu hell zum Einschlafen. Durch die Hütte weht ein kühlendes Lüftchen und trägt uns sanft ins Traumreich.

Tag 13:

Day off

Tag 13 ist ein wirklicher Day Off. Wir liegen lange im Bett, frühstücken in Ruhe. Heiko bittet Matthias kurz um Hilfe beim Betanken von seinem Pajero, daraus entwickelt sich ein langer Plausch über Kunst, Siebenschläfer und die Wege des Lebens.  Ein paar Eindrücke seiner Kunst hat Heiko in einer Scheune ausgestellt. Wir gucken sie uns an und stalken Heiko anschließend im Internet (er hat eine Website, es war also einfaches stalken) und entdecken dabei, dass einige seiner Installationen in unmittelbarer Nähe zu unserer alten Wohnung in Köln-Mülheim sind. Wir kennen diese sogar und hatten uns immer gefragt, was deren Kontext sei.

Und so plätschert der Tag dahin, wir lassen die Seele baumeln und sind rundum zufrieden. Einzig unsere morgige Abreise stört. Wir könnten gerne noch länger auf dem Berg über Maribor verweilen. Wissen wir jetzt für‘s nächste Mal.

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