Berufsständisch

Das Pfingstwochenende mit hochsommerlichen Temperaturen war schon lange für einen Trip nach Leipzig geplant – inklusive Familien- und Freundesbesuch in Halle/Saale – denn im Rahmen des Wave und Gotik-Treffens sollte auch das 2. Leichentreffen stattfinden.

Ein Haufen Leichenwagen die trotz Ruhestand nicht stehen und vergessen sondern geliebt, gepflegt und bewegt werden? Da konnte unsere Rallye-Leiche natürlich nicht fehlen.

Roadkill

Also ging es am Freitag nach Feierabend bei glühender Hitze Richtung Osten. Ganz langsam und gemächlich. Denn diese Idee hatten nicht nur wir und so brauchten wir für die ersten 200 Kilometer bis hinter Unna über vier Stunden. Und haben dabei etwas gelernt: endloses Stop-and-Go, hohe Temperaturen und ein schwarzer Bestattungswagen aus dem Jahr 1972 mit drehzahlabhängigem Lüfter sind keine gute Kombination. Deswegen direkter Rückschluss für die Rallye kommendes Jahr: ein neuer Kühler (denn unserer rostet inzwischen ganz schön doll), ein thermostatgeschalteter E-Lüfter und ebenfalls durch ein Thermostat aktivierter Ölkühler werden ins Auto gebaut. Und wir werden uns aus Frotteestoff Sitzbezüge nähen. 30 Grad auf Ledersitzen war nur bedingt spaßig.

Hinter Unna lief es dann ganz gut und wir kamen prima voran. Mittlerweile lässt sich auch Autobahntempo bei 100km/h durchgehend realisieren, all die Reparaturen haben also etwas gebracht. Nur ein kleines, leichtes Scheppern bei Gaswegnahme war irgendwie verdächtig wurde trotzdem erstmal ignoriert.

Spätabends dann am Ziel in der Nähe von Halle angekommen, etwas gegessen und direkt geschlafen. Und das lange und ausgiebig. Wir vergessen immer wieder wie anstrengend das Fahren mit diesem Auto ist. 45 Jahre Fahrzeugentwicklung im Alltagsvolvo sind dann doch immer wieder deutlich spürbar. Es ist richtige Arbeit das Auto auf Tempo und Spur zu halten, für alle anderen eiligen Menschen mitzudenken und währenddessen ein Ohr am Motor, eins am Getriebe, eins am Auspuff und eins am Differential zu haben.

Samstag ging es entspannt Richtung Leipzig. Treffpunkt war der Kurzzeitparkplatz vorm Hauptbahnhof. Dank Navi gar kein Problem (wir fahren ja grade kein Rallye) und stossen wir dort auf etwa zwölf andere Leichenwagen, weitere trudeln langsam ein. Vom /8 mit Pollmann-Aufbau über W123er bis hin zu 190er war die Mercedes-Fraktion relativ stark, es gab aber auch Opel und Volvo-Umbauten und einige amerikanische Exoten. Der Zustand reichte von hochglanzpoliert und schick ausgebaut über alltagsgenutzt bis hin zu wirklich heftigem Rat-Rod-Look. Gesäumt wurde der Sammelplatz von etlichen neugierigen Menschen, immer wieder huschten irritierte Reisende über den Parkplatz. Ein Kamerateam begleitete einen Leichenwagen für eine Doku über das WGT und sammelte Atmo-Shots. Die Doku von artour gibt es beim MDR hier in der Mediathek, ca. bei Minute 02:09 posen wir Likedeeler. Der Arbeitsauftrag war „bitte böse gucken“, geworden ist es eher lässiges Kofferraum-Anlehnen mit vor Sonne zusammen gekniffenen Augen. Wenn es denn der Doku dient, warum nicht.

Vom Sammelpunkt aus ging es nach gut einer Stunde Autos angucken und Menschen kennenlernen in einem gemeinsamen Konvoi zum Südfriedhof. Damit die Kolonnenfahrt ordnungsrechtlich sauber ist und von der Polizei begleitet und Kreuzungen abgesperrt werden konnten fuhr dieser Konvoi als eine Demonstration für den Erhalt und gegen die Discountisierung von Bestattungskultur und als ein Bestandteil dessen für den Erhalt von würdevollen Bestattungswagen. Quasi ein „gegen das moderne Bestattungswesen in Lieferwagen – für Anstand, Würde und umgebaute Kombis!“, Friedhof-Ultras par excellence. Bei der Fahrer_innenbesprechung wurde uns kurz mitgeteilt was die Auflagen für unsere Demonstration seien: alle fahren mit Licht und angeschaltetem Warnblinker, alle sind zugelassen und haben TÜV, alle fahren im geschlossenem Konvoi, es entstehen keine Lücken, wenn die Spitze über die Ampel fährt folgen alle, egal welche Farbe grade leuchtet. Und dann das übliche, angesichts der Demonstrationsform aber doch auch etwas komische: der explizite Hinweis keine Waffen oder Wurfgegenstände mit sich zu führen oder zu nutzen, kein Rauch, keine Pyrotechnik, kein Lärm. Also nur Friedhofs-Ultras light.


Der Konvoi selber hat großen Spaß gemacht. Es ist schon etwas besonderes mit knapp zwanzig anderen Bestattungswagen in gemächlichem Tempo durch die Stadt zu rollen, flankiert von Polizeieskorten und dabei von den Menschen am Strassenrand angeguckt und fotografiert zu werden. Und, fast rallyestyle, ganz viel winken und zugewunken zu bekommen. Bis auf den einen Idioten, der uns vor das Auto gesprungen ist, dabei auf die Motorhaube haute und irgendwas von „verpisst Euch ihr Spinner“ brüllte schien das Ganze auf viel Interesse und neugieriges Wohlwollen zu stossen. So viele, so seltene und so einzigartige Autos sieht man ja auch selten auf ein Mal.
Nachteil einer Konvoifahrt im Sommer: es wird heiß. Wir hatten Glück, sahen uns jedoch in den Kühlungs-Überlegungen vom Vortag bestätigt. Ein Benz mit Bestattungsanhänger kochte bei Erreichen des Südfriedhofs über und blieb in einer spektakulären weißen Rauchwolke stehen. Zum Glück direkt auf dem Parkplatz, also im Prinzip genau auf der Ziellinie. Im Nachhinein stellte sich raus, dass es sich um nichts Ernstes handelte so daß schwerwiegende Reparaturen nicht von Nöten ware, es war simples Überkochen.

Auf dem Parkplatz dann aufgereihte Bestattungswagen und nette Gespräche, zwei Freunde von uns kamen extra nach Leipzig um sich dort mit uns zu treffen. Darüber hinaus haben wir Menschen kennen gelernt, die das gleiche automobile Hobby in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlicher Motivation haben, die Probleme von Anmeldung, Versicherung und dem Besuch bei der Omma kennen. Viele kannten sich bereits, einige von vorangegangenen Treffen, einige virtuell aus dem Leichenwagenforum oder aus anderen Online-Plattformen. Wir waren was das angeht ziemlich unbeleckt,  und  kannten niemanden. Dies änderte sich jedoch superschnell, mal waren die Sankt-Pauli-Aufkleber in Verbindung mit dem Kölner Kennzeichen der Aufhänger, einige konnten sich an die Verkaufsanzeige unseres Wagens von vor zwei Jahren erinnern und hatten unter Umständen selber darüber nachgedach den 145er mal anzugucken. Und auch wir waren neugierig auf die Geschichten rund um die Autos und ihre Menschen. Der Westfalia-Bestattungsanhänger hatte es uns natürlich besonders angetan, immerhin liegt in der Garage immer noch eine Anhängerkupplung und wartet auf Montage. Hier waren die Hinweise bezüglich des verlängertem Heck Gold wert, eine Anprobe wird diesen Sommer mal in Angriff genommen.

Alles in allem ein absolut gelungener Tag, das exzessive Staustehen vom Vortag hat sich definitiv gelohnt. Auch gibt es vom Organisator bereits Planungen für ein weiteres Treffen im nächsten Jahr. Der Termin ist bereits geblockt – auch wenn wir dann etwas aus dem Rahmen fallen werden: mit Start der 20 Nations am 07.07.2018 wird unser Volvo P145 Express Bestatter knapp sechs Wochen vorher sicherlich bereits im vollem Rallye-Trim sein, sprich mit Likedeeler-Branding, Startnummern und Logos, Sponsoren und vor allem, wenn alles klappt, mit einem Custom-Dachgepäckträger für Ersatzrad, Zargesbox mit Ersatzteilen und Werkzeug sowie den 20-Liter-Kanister plus einem neuen Innenraumausbau der direkte feste Lagermöglichkeiten bei gleichzeitiger Beschlafbarkeit schafft. Wir wollen die Möglichkeit haben, im Auto schlafen zu können wenn es keine adäquate Zeltmöglichkeit gibt. Nächstes Jahr lockt sogar doppelt: einer der Leichenwagenfahrer lebt in einer uralten Mühle irgendwo in Thüringen und hat bereits dieses Jahr zum gemeinsamen Zeitverbringen im Anschluss an das „öffentliche“ Treffen auf den Mühlenhof geladen. Die Fotos davon sehen großartig aus und da die Einladung für das nächste Jahr bereits ausgesprochen ist wird das fix mit eingeplant. Leichenwagen, nette Menschen, historische Kulisse und Lagerfeuer – wir freuen uns jetzt schon drauf.

Auf der Rückfahrt wurde das hinfahrts ignorierte Scheppern unter dem Auto immer mehr und da der Volvo mit einem kleinem Ölfleck nach den acht Stunden Fahrt am Freitag bereits die Einfahrt von Katrins Eltern markiert hatte rutschte Matthias auf hallensischem Kopfsteinpflaster unter das Auto und diagnostizierte leichten Ölaustritt (aber nicht akut, wahrscheinlich durch den überhitzten Motor in Kombination mit einem Schuss zuviel Öl vor Fahrtantritt) und einem daraus resulierendem Ölschleier an Kupplungsglocke, Getriebe, Kardanwelle und umliegendem Unterboden. top Korrossionsschutz, angesichts des diesen Monat zu machendem TÜV aber sicherlich zu beheben. Vor allem hatte das Öl aber eine Schraube der mittleren Auspuffhalterungsschelle gut geschmiert so das diese sich sukzessiv losgerüttelt hatte. Ein paar Spritzer Bremsenreiniger, und zwei Griffe in Knarren- und Schlüsselkasten , ziemlich viel Strassendreck an Glatze und Hose und die Schraube saß wieder fest und beim Gasgeben gab es nur noch sattes Motorbrummen. Das grosse Ersatzteilsortiment und die vollständige Auswahl mobiles Werkzeug mit an Bord zu haben macht bei einem 45 Jahre altem Auto immer Sinn, eine Decke zum Drauflegen ist nettes Add-On, wandert jetzt aber fest mit in die Reparaturkiste.

Unter dem Strich stehen für dieses Wochenende über 1100 erfolgreich abgespulte Kilomterer und das mit diesen immer weiter steigende Vertrauen in Maschine und das Gefühl für sie sowie neue Ideen was Auto und wir auf der Langstrecke brauchen, neue nette Menschen mit wunderschönen Autos, kurze aber beeindruckende Impressionen von Leipzig und dem WGT und der Vorsatz wieder zu kommen.

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3 Gedanken zu “Berufsständisch

  1. Es gibt auch nach dem irdischen Ableben ausreichend Ablenkung im Land: z.B. Leichentreffen in Leipzig. Schade, dass der Autohüpfer schon vorher keinen Spaß versteht. Ich schlage für ihn eine dauerhafte Bannmeile um jeden Leichenwagen herum vor. Wird schon merken, was ihm seine Humor- und Verständnislosigkeit letztendlich einbringen wird.

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  2. Super schöner Text.
    Hat Spaß gemacht ihn zu lesen.
    Und die Bilder vom Konvoi waren alle wieder vor den Augen.
    War schön euch kennengelernt zu haben. Auf ein nächstes Mal.
    Bis dahin viele unfallfreie Kilometer euch und ein dickes FORZA von der Ostsee.
    Ahoi Wattie

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