Tag 4 – Da sind Nägel in den Reifen

von Västerås über Sundsvall nach Matfors

Roadtime: 08:15

gefahrene Kilometer: 399

37l getankt

Temperatur: von 1 Grad auf -2 Grad

1 Pipipause mit Luft prüfen, 1 Pipipause mit Räder knacken, 1x Pipi mit Tanken, 1x nur Pipipause, einen Stadtbummel mit Abendessen durch Sundsvall

Reparaturen: Reifenwechsel, Luftdruck überprüft

Gestern noch hier im Blog schlechte Witze über den Winter gemacht – heute dann mit dichtem Schneetreiben vorm Hotelfenster aufgewacht. Wir hätten die schlechten Witze einfach schon eher machen sollen.

Zum Frühstück müssen wir das Hotel wechseln, unser Hotel war ja ohne Personal (das wäre eigentlich ein relevanter Hinweis während der Buchung gewesen, aber naja). Dafür ist das Frühstücksbuffet großes Tennis. Reichhaltig, frisch und lecker und es gibt eine einfach im Buffet mit aufgeführte Allergiesparte. Man kann also auch als Allergiker:in ohne Aufriss einfach so essen. Das ist vorbildlich. Gut gesättigt starten wir zu einem Spaziergang durch das verschneite Västerås runter zum Mälaren, dem drittgrößten See Schwedens. 72km lang, die breite ist auf Grund der tausend Verästelungen nicht wirklich messbar, bis zu 66m tief. Und über den Södertälje-Kanal, die Hammarby- und die Slussen-Schleuse sowie den Norrström mit der Ostsee verbunden. Wir sehen nicht viel, das Schneetreiben ist so dicht, das wir die ersten vorgelagerten Inseln nur erahnen.

Von dort laufen wir durch den Vasaparken Richtung Domkirche. Diese baut auf einer Kirche aus Mitte des 12. Jahrhundert auf und ist wie häufig bei so großen Kirchenprojekten von den Epochen gezeichnet: in mehreren Schritten wurde die ursprüngliche Kapelle im 14. und 15. Jahrhundert um mehrere Schiffe erweitert, im Westen wurde ein mächtiger Turm gebaut und drei kleine Kapellen noch hinzugefügt. Der Turm hatte ursprünglich eine mittelalterliche Spitze und eine Renaissance-Kuppel, brannte aber ab. Jetzt asteht dort ein barocker Turm. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde dann im Innenraum einiges gemacht, Mitte der 1850er die Kathedrale im neogothischen Stil restauriert. Bei der letzten Restaurierung 1958 hat man dann versucht, den einzelnen verbauten und präsenten Epochen gerecht zu werden und dem Ganzen ein harmonisches Zusammenspiel zu geben. Witzigerweise hat das sogar sehr gut geklappt. Der Dom von Västerås ist ein skandinavisch-nüchterner Rahmen, in dem die einzelnen Pomp- und Bombast-Elemente ihrer Zeiten wunderschön zur Geltung kommen. Schade, dass wir die Orgeln nicht hören konnten, beide waren sehr beeindruckend.

Vom Dom gehen wir zurück zum Hotel und in die Tiefgarage. Auf dem Weg dorthin haben wir uns dafür entschieden, die Winterreifen gegen die mitgebrachten Spikereifen zu wechseln. Eigentlich wollen wir das im Parkhaus machen, leider geht dort alle zwei Minuten das Licht aus. So funktioniert das nicht, also fahren wir raus und wechseln vor dem Hotel im Schnee die Reifen. Ist ja auch irgendwie artgerecht. Katrin wird eben schnell im Reifen wechseln angelernt, entpuppt sich als Naturtalent und Matthias freut sich darauf, den Reifenwechsel zurück auf die Winterreifen delegieren zu können. Kurzer Schreckmoment: alle Reifen sehen irgendwie schlapp aus. Direkter Weg also zur Tankstelle und mit dem dort vorgehaltenem aber leider wirklich schlechtem Equipment die Reifen aufgepumpt. Das ist auch nötig, die Werte schwankten zwischen 1,8 und 2,2 Bar, beim Verladen hatten alle Reifen 2,5 Bar Druck. Das muss also im Auge behalten werden.

Um den Spannungsbogen abzukürzen und den Rant über den Zustand der Luftdruckgeräte an schwedischen Tankstellen nicht durch den ganzen Artikel zu ziehen: die Luftdruckgeräte sind zwar alle in beheizten Außenschränken untergebracht, keines davon ist wirklich funktionstüchtig bis auf eines ganz am Ende des Tages. Meistens scheitert es an den Dichtungen im Ventilanschluß. Oder weil das Gaffa den Schlauch nicht dichtet. Wie auch immer: die Reifen scheinen keine Luft zu verlieren, der gesunkene Luftdruck im Vergleich zum Verladezeitpunkt könnt mit den geänderten Temperaturen zusammenhängen: befüllt mit Luft irgendwas zwischen 15 und 20 Grad in der Werkstatt, jetzt montiert bei um die 0 Grad. Irgendwer hat doch sicherlich in Physik aufgepasst und kann sagen, ob das hinkommt. Wir gehen jetzt erstmal davon aus.

Wir fahren auf die R56 Richtung Gävle, kurz auf die Autobahn E16 um dann bei Gävle auf die E4 zu fahren. Das Wetter ist eine Schneematsch bis Schneeregen Mischung, dieses eklige Wetter das einem die ganze Zeit die Scheiben so hässlich verschmiert. Die E4 ist mal Landstrasse, mal Autobahn. Obwohl wir parallel zur Ostsee fahren sehen wir sie kein einziges Mal. Die ganze Strecke ist tendenziell langweilig, zwischendurch geht sogar der spannende Schnee fast ganz weg. Verrückt, wie einige Kilometer Strecke den Winter verändern. Unsere Pinkelpausen sind heute schlecht synchronisiert, gleichzeitig befinden wir uns ja auf der Suche nach der heiligen Luftpumpe. Entsprechend häufig halten wir an. Der Volvo ist endgültig dreckig. An den Seiten, besonders am Heck saugt sich der feinstaubige Siff der Strasse fest. Eine Mischung aus Salz, fein zerriebenem Streugut und dem üblichen Strassendreck, gut zusammengekleistert vom Schneematsch. Mehrmals reinigen wir die vorderen Scheinwerfer, auch manuelle Reinigung der Frontscheibe ist regelmäßig notwendig um wenigstens im Ansatz gute Fotos machen zu können.

Mit der Dunkelheit kommen wir in Sundsvall an, einer gut 60.000 Einwohner:innen großen Hafenstadt am bottnischen Meerbusen. Die Stadt wird eingegrenz von den beiden Stadtbergen Södra Berget und Norra Berget, man kann raten wo welcher liegt. Wir suchen uns einen Parkplatz und schlendern durch die Stadt. Bereits gestern in Västerås ist uns aufgefallen, dass im innerstädtischen Bereich ganz viel mit Licht gearbeitet wurde. In den Bäumen hängen Lichterketten und Lichtnester, die Gebäude sind fast alle irgendwie illuminiert. Macht ja auch Sinn, wenn es das halbe Jahr einfach saufrüh dunkel ist. So wirkt einfach alles netter, freundlicher, einladender. So ist es auch in Sundsvall. Wir laufen durch die Innenstadt bis zum Kulturmagasinet, einer städtsichen Einrichtung die sich in vier im Rechteck zusammen stehenden alten Speichergebäuden befindet. Den Kreuzgang zwischen diesen hat man mit Glas und Stahl zugemacht und so eine wirklich gut funktionierende Symbiose aus Alt und Neu geschaffen. Im Kulturmagasinet befindet sich die Stadtbücherei, ein kostenfreies Museum und ein (nicht mehr geöffnetes) Café. Wirklich ein schöner Ort, wir gehen durch die verschiedenen Ausstellungen. Leider sind alle Beschriftungen auf Schwedisch, mit viel Zeit und Geduld kann man das verstehen – die haben wir aber nicht mehr. Vor allem die Geduld hat gelitten, wir haben Hunger. Also Restaurantsuche. Und es zeichnet sich ein Debakel ab, das wir bereits schon einmal hatten: wir latschen hungrig durch eine skandinavische Stadt und bekommen nix zu Essen. Entweder zu oder kein freier Tisch (für uns. Es gab nämlich freie Tische). Wir finden einen Inder, er hat Platz für uns und gibt sich hinsichtlich der mitgebrachten Allergien auch Mühe – leider ist in jeder Soße eins der Hauptallergene. Die kurze Überlegung ob wenigstens 50% Likedeeler was essen wird aber verworfen, das würde unserem Namen nicht gerecht werden. Der Kellner hilft uns aber weiter und empfiehlt uns Tant Anci & Fröken Sara Sundsvall, ein hervorragender Tipp. Auf unsere vorsichtige Frage an die Besitzerin ob wir eventuell trotz einiger Allergien noch etwas warmes zu essen bekommen sagt sie uns, dass, egal was die Probleme sind, sie für uns etwas machen. Vor lauter Vorschlägen was alles geht schwirrt uns der Kopf und wir verlassen uns einfach auf die Empfehlung. Und es gab Krabbenbrot und Burger. Beides unglaublich lecker, alles ökologisch, wild gefangen und mit Liebe verarbeitet. Wären wir ein Foodblog, wir würden diesem Highlight mehr Zeilen widmen. Und hätten tolle Fotos von schickem Essen gemacht. Wir hatten aber Hunger – und da müssen Prioritäten gesetzt werden. Ein sehr netter Schnack mit der Besitzerin rundet den Abend in Sundsvall ab. Das war schön.

Von Sundsvall aus fahren wir nach Matfors, hier haben wir eine klitzekleine Hütte gebucht. Kurz bevor wir ins Auto steigen kommt die Mail mit dem Code des Schlüsselkastens und einer etwas irritierenden Aussage: im Schlüsselkasten sind zwei Schlüssel, einer für die Hütte und einer für Klo und Bad im Haupthaus. Davon stand in der Objektbeschreibung und in der Buchung nicht. Da stand „eigenes Badezimmer“. Irgendwie ist es das ja auch und irgendwie dumm von uns, dass wir dabei ein in Unterbuffe erreichbares Badezimmer assozieren – einen Hinweis auf diesen besonderen Umstand hätten wir bei Minustemperaturen aber doch schon erwartet. Es hat schließlich seine Gründe, das wir nicht mit Zelt unterwegs sind und nachts warm pullern gehen zu können ist definitiv einer davon. Wieder ein naja. Die Hütte ist klein aber süß, es wäre tatsächlich super wenn die Sache mit dem Bad nicht wäre. Dafür sind wir spätestens jetzt froh, heute morgen die Spikes aufgezogen zu haben: der Weg zur Hütte ist komplett weiss und zugeeist. Und ziemlich steil.

Wir packen alles Gepäck in die Hütte, finden das Bad und snacken noch ein paar Chips. Dann geht es für uns ins Bett.

Nachtrag: in regelmäßigen Abständen eiern hier EPA-Traktoren vors Haus. Irgendwer hat der Dorfjugend gesteckt, das hier ein alter Volvo rumsteht und jetzt kommen alle sich den einmal angucken. Immer im selben Schema: am Auto im Schritttempo vorbei fahren, rückwärts in die Einfahrt gegenüber setzen, drehen, und wieder wegfahren. (Falls sich jemand fragt, was EPA-Traktoren sind, googlet das mal. In Schweden haben die dörflichen, 14-jährigen Mofa-Gangs einfach vollständige Autos. Die maximal 30km/h fahren dürfen. Ziemlich verrückte Regelung.)

4 Kommentare

  1. ….wie wunderschön –
    Ihr Lieben, Danke dass ihr uns
    auch heute wieder mitgenommen
    habt auf eure Reise & Erlebnisse.

    Von euch zu lesen,
    tut gut, lässt Corona und Arbeit vergessen.

    Kommt gut durch die Nacht.
    Grüßt‘ Schnee und Schweden.

    Genießt weiter und seid lieb gedrückt.

    Gefällt 1 Person

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